Pfand-Kaffeebecher im Rems-Murr-Kreis Die meisten Kunden wollen Einwegbecher

Uwe Füssenhäuser, im Landkreis ein Recup-Mann der ersten Stunde, wünscht sich, dass auch mehr Kollegen beim Mehrwegsystem  mitmachen. Foto: Gottfried Stoppel
Uwe Füssenhäuser, im Landkreis ein Recup-Mann der ersten Stunde, wünscht sich, dass auch mehr Kollegen beim Mehrwegsystem mitmachen. Foto: Gottfried Stoppel

Für den im Frühjahr im Rems-Murr-Kreis eingeführten Mehrwegkaffeebecher Recup erwärmen sich bislang nur wenige Menschen. Der Waiblinger Bäckermeister Uwe Füssenhäuser macht dennoch weiterhin mit und hofft, dass mehr seiner Kollegen ins Pfandsystem einsteigen.

Waiblingen - Vier machen regelmäßig mit. Mehr Stammkunden hat Uwe Füssenhäuser bislang nicht von Recup, einem Pfand-Mehrwegbecher für Kaffee zum Mitnehmen, überzeugen können. Dabei war der 58-jährige Bäckermeister aus Waiblingen ein Mann der ersten Stunde: Als der Rems-Murr-Kreis in diesem Frühjahr das Mehrwegbechersystem initiierte und Bäckereien und Cafés als Kooperationspartner suchte, hat sich Uwe Füssenhäuser sofort gemeldet. „Ich fand, dass wir endlich etwas tun müssen, auch wenn es im Kleinen ist. Plastiktüten haben wir schon vor längerer Zeit abgeschafft“, sagt der Chef von Uwes Backstube und nennt dann eine schwindelerregende Zahl: „In Deutschland werden jede Stunde rund 320 000 Einwegbecher weggeworfen.“

Also hat Uwe Füssenhäuser sich bereit erklärt, beim Pfandsystem des Münchner Start-up Unternehmens Recup mitzumachen und den Kaffee, den seine Kundschaft bei ihm kauft, im mintfarbenen Becher aus Polypropylen gegen einen Euro Pfand auszugeben. Die rund 30 Euro monatliche Gebühr, die er als Partner im Pfandnetz unabhängig von der Zahl der ausgegebenen Becher bezahlen muss, sind für ihn kein Problem. Doch der Großteil seiner Kundschaft zieht nicht mit. „In den ersten zwei Monaten haben wir alle Pappbecher weggeräumt und nur noch Pfandbecher ausgegeben“, erzählt Uwe Füssenhäuser. Das Resultat: „Meine Verkäuferinnen sind zum Teil aufs Übelste beschimpft worden.“ Etliche Kunden hätten dem Laden gar komplett den Rücken gekehrt, ergänzt seine Frau Claudia: „Die wollten auch keine Brezel mehr haben.“

Einwegbecher aus Maisstärke

Gut zwei Monate haben die Bäckersleute durchgehalten, dann bestellte Uwe Füssenhäuser wieder Einwegbecher als Alternative zum Pfandbecher. „Die sind aus 100 Prozent Maisstärke und kompostierbar“, sagt er – und von ihnen gehen jeden Tag um die 50 Stück über seine Ladentheke. Die knapp zehn Cent, die jeder dieser Becher den Bäcker kostet, sind im Kaffeepreis enthalten. „Das Pfand-System funktioniert erst dann richtig, wenn Pappbecher verboten werden oder zumindest etwas kosten“, ist Uwe Füssenhäuser mittlerweile überzeugt. Dass sich nur wenige seiner Kollegen im Landkreis am Pfandsystem beteiligen und kaum einer der großen Betriebe mit mehreren Filialen mitmacht, enttäuscht ihn sehr: „Sie gehen den Weg des geringsten Widerstands.“

Im gesamten Rems-Murr-Kreis beteiligten sich derzeit 18 Bäckereien und Cafés am Mehrwegsystem, sagt Leonie Ries von der Pressestelle des Landratsamts: „Aber in nächster Zeit kommen wohl noch einige hinzu.“ Den ursprünglichen Plan, einen Recup-Becher mit Rems-Murr-Design in Umlauf zu bringen, habe man vorerst auf Eis gelegt: „Den eigens designten Becher bekommt man erst ab 30 Standorten.“ Die Rückmeldungen zum Becher seien unterschiedlich, sagt Leonie ries: „Manche berichten, dass die Stammkundschaft gerne auf Mehrwegbecher umsteigt, die Laufkundschaft eher nicht. Andere sagen, dass die Standort-App ganz neue Kunden in ihr Geschäft gelockt haben.“ Die Kollegen von der Klimaschutzgeschäftsstelle stünden jedenfalls im regen Austausch mit Bäckereien und Cafés, sagt Leonie Ries: „Wir hoffen, dass noch mehr mitmachen und wir die 30 Standorte schaffen.“ Die Tatsache, dass Stuttgart seit einigen Wochen auch auf Recup setzt, lasse zudem auf Synergieeffekte hoffen.

Esslingen hat seinen „Stadtbecher“

Ähnlich sieht man das beim Ludwigsburger Innenstadtverein Luis, der vor gut zwei Jahren den Mehrwegbecher für die Stadt initiiert hat. Das Pfandsystem laufe gut, heißt es vonseiten des Vereins – Zahlen könne aber nur selbst Recup liefern. Das Münchner Unternehmen beziffert die Anzahl der in der Stadt Ludwigsburg vorhandenen Ausgabestellen mit 14.

In Esslingen gibt es seit dem Frühjahr 2018 einen „Esslinger Stadtbecher“. Dass er den Recup-Modellen täuschend ähnlich sieht, ist kein Zufall, stammt er doch vom gleichen deutschen Hersteller. „Wir wollten aber etwas eigenes haben“, sagt Sabine Frisch vom Sachgebiet Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei der Stadt Esslingen: „Wir geben den Stadtbecher kostenlos an die Teilnehmer aus. Sie bezahlen zwei Euro Pfand pro Becher. Wenn sie aussteigen, bekommen sie das Geld zurück, das Pfand ist ja nur ein durchlaufender Posten.“ Man habe sich für eine höhere Pfandgebühr von zwei Euro entschieden, „weil sonst zu wenige Becher zurück kommen“.

Nötig ist ein Bewusstseinswandel

Von Beginn an seien zwei Bäckereien mit etlichen Filialen im Boot gewesen, insgesamt sei man recht zufrieden, berichtet Sabine Frisch: „Aber wenn Einwegbecher 30 oder 50 Cent kosten würden, dann würde es noch besser laufen.“ Derzeit trage der Bäcker oder das Café die Kosten für diese Einwegbecher, die Stadt die Gebühren für den Coffee-to-go-Müll. Ein Bewusstseinswandel sei nötig: „Auf dem Weihnachtsmarkt zahlt man ja auch Pfand für seinen Glühweinbecher.“

Uwe Füssenhäuser hat in den vergangenen Monaten ab und zu daran gedacht, aus dem Recup-Pfandsystem auszusteigen. Er ist bisher dabei geblieben. Und will nochmals einen Vorstoß wagen: „Unsere Kunden bekommen nach zehn Kaffee einen gratis. Künftig werden wir stattdessen nach fünf Kaffee einen Recup-Becher verschenken.“ Vielleicht lässt sich so doch noch der eine oder die andere zum nachhaltigen Becher verführen.

Spülen statt Wegwerfen

Konzept
: Die Kunden kaufen bei den Teilnehmern des Recup-Systems einen Mehrweg-Pfandbecher zum Preis von einem Euro. Der Becher kann nach dem Gebrauch wieder abgegeben werden, das Pfand erhält man zurück. Oder man tauscht den gebrauchten gegen einen frischen Becher mit Inhalt. Die Becher können 1000 Mal gespült werden.

Anfänge:
Vorreiter in Sachen Mehrweg-Pfandbecher war die Stadt Ludwigsburg, die das Recup-System bereits im Herbst 2017 eingeführt hat. Auch im Landkreis Böblingen und auf den Fildern gibt es das System in etlichen Cafés und Bäckereien. Anfang Oktober ist die Stadt Stuttgart ebenfalls eingestiegen, dort beteiligen sich fast 80 Bäckereien und Cafés an dem Mehrwegsystem. Eine App weist den Weg zu allen Recup-Teilnehmern in Deutschland.

Unternehmen
: Fabian Eckert und Florian Pachaly haben im September 2016 mit Recup ein Mehrweg-Pfandsystem für Kaffee zum Mitnehmen entwickelt – mit der Vision, den Einwegbecher komplett verschwinden zu lassen. Das Pfandsystem soll die Unmengen von Pappbechern reduzieren, die täglich in Deutschland im Müll landen. Derzeit sind das laut der Deutschen Umwelthilfe etwa 320 000 Stück pro Stunde.




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