Krimikolumne

Philip Kerr: „Böhmisches Blut“ Treulos, ehrlos

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Als Kommissar in Heydrichs Diensten: Erneut lässt Philip Kerr seinen Helden Bernhard Gunther in tiefbraune Abgründe hinabsteigen. Was er dort vorfindet, ist eine Horde von SS-Männern, die weder Treue noch Ehre kennen.

Die Augen eines Massenmörders: Reinhard Heydrich spielt bei Philip Kerr wieder eine tragende Rolle. Foto: dpa
Die Augen eines Massenmörders: Reinhard Heydrich spielt bei Philip Kerr wieder eine tragende Rolle. Foto: dpa

Stuttgart - Kommissar Gunther ist wieder da. SS-Obergruppenführer Heydrich auch. Im mittlerweile achten Band der Bernie-Gunther-Reihe lässt der britische Autor Philip Kerr, Jahrgang 1956, seinen Berliner Bullen erneut mit dem Holocaust-Organisator und Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren zusammentreffen. „Böhmisches Blut“ heißt der Roman.

Auf dem Schlossgut Jungfern Breschan bei Prag, der feudalen Residenz Reinhard Heydrichs, soll Gunther im Herbst 1941 das Leben des SS-Mannes vor internen und externen Widersachern beschützen. Denn einerseits legt Heydrich bei seinen Fahrten durch das besetzte Land eine große Unbekümmertheit an den Tag, andererseits weiß er, dass nicht wenige ihm nach dem Leben trachten. Kaum angekommen, muss Gunther in einem Mordfall ermitteln: Einer von vier Adjutanten Heydrichs liegt tot im Bett, sein Mörder – soviel wird recht schnell klar – kann nur aus den eigenen Reihen kommen.

Graubrauner Schleier der Angst

Was folgt ist ein Kammerspiel der ganz düsteren Sorte. Zeichnet Kerr, wie schon in anderen Kommissar-Gunther-Thrillern, in der Exposition ein atmosphärisch dichtes Bild des Berlins der Nazizeit mit seinem Denunziantentum, seinen politischen Morden, seinem allgegenwärtigen Terror, seiner Mangelwirtschaft, seinem graubraunen Schleier der Angst gezeichnet, so spielen die Ermittlungen rund um den toten SS-Mann in einer Umgebung des Luxus und der schneidigen Überheblichkeit.

Auf Jungfern Breschan agiert eine Horde brauner Unmenschen, die einzig der Hass auf alles vermeintlich Undeutsche eint, die einander aber aus guten Gründen nicht über den Weg trauen. Sie alle führen den zynischen Leitspruch der „Schutzstaffel“ („Meine Ehre heißt Treue“) nach Kräften ad absurdum, weil sie weder das eine noch das andere besitzen. Sehr süffig beschreibt Kerr, wie Gunther die Elite des Nazireichs mit kaltschnäuzigem Schneid aus der Reserve lockt. Dabei ist auch die Polizistenweste nicht frei von Spritzern . . .

Tod an den Folgen eines Attentats

Nur mit viel Glück entgeht Gunther am Ende dem Tod. Heydrich hingegen bezahlt seine Hybris mit dem Leben. An den Folgen eines Attentats stirbt der SS-Oberguppenführer im Juni 1942. Und da die genaue Todesursache bis heute nicht feststeht, deutet Kerr an, dass möglicherweise von höchster SS-Ebene nachgeholfen wurde.

Wie dem auch sei: die Bestürzung darüber hielte sich Grenzen, beim realen wie beim fiktiven Stellvertretenden Reichsprotektor.

Philip Kerr: „Böhmisches Blut.“ Roman, aus dem Englischen von Juliane Pahnke. Wunderlich Verlag, Reinbek 2014. 480 Seiten, 19,95 Euro. Auch als E-Book, 16,99 Euro.