Philosoph rechnet mit Glücksforschung ab Werdet ohne Glück glücklich

Wir fühlen uns sinnerfüllt, wenn wir in starken Beziehungen leben, sagt Wilhelm Schmid. Dafür müssen wir diese Beziehungen aber auch pflegen. Foto: www.mauritius-images.com

Eine tolle Familie, Erfolg im Beruf und immerwährende Gesundheit – das verstehen viele unter Glück. Doch der Philosoph Wilhelm Schmid widerspricht: Glückliche Menschen brauchen Niederlagen.

Stuttgart - Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Laut Umfragen und Forschungen sind es meist dieselben Dinge: Gesundheit, Geld und eine Familie, die zusammenhält. Doch der Traum vom Glück lässt sich nicht für jeden erfüllen. Warum das gar nicht schlimm ist, erklärt der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid.

 
Herr Schmidt, Sie sagen, dass ein erfülltes Leben nicht zwangsläufig gelingen muss. Worin besteht für Sie der Unterschied?
Unter Gelingen verstehen die Menschen gemeinhin, dass etwas gut geht. Aber was ist mit den Aspekten, die das Leben eben auch bereithält? Krankheit, das Zerbrechen einer Beziehung und das Scheitern. Es ist sinnlos, ein gelingendes Leben anzustreben. Die Fülle des Lebens besteht auch in den Abgründen, die wir Menschen haben und den Rückschlägen, die wir einstecken müssen. Besser ist es also, von einem bejahenden Leben zu sprechen, in dem Sinn, dass wir auch dann Ja zum Leben sagen können, wenn etwas schiefläuft.
Aber schief laufen die Dinge ja von selbst, ist es nicht menschlich zu hoffen, dass alles gut geht?
Die Menschen setzen die Messlatte heutzutage ganz hoch oben an. Alles soll pausenlos gut gehen. Aber was spricht dagegen, die Erwartungen zurückzuschrauben?
Was gewinnen wir dadurch?
Ein geringeres Maß an bitteren Enttäuschungen. Viele versuchen, lustvolle Erfahrungen zu maximieren und Schmerzen zu eliminieren. Zugegeben: Philosophen wie John Locke und Jeremy Bentham sind nicht unschuldig an diesem modernen Streben nach Glück und Lust. Aber stellen Sie sich vor, Sie haben Lust auf Sex. Und sie maximieren diese lustvolle Erfahrung, haben also Tag und Nacht Sex. Da haben Sie dann aber auch schnell genug davon.
Gesetzt den Fall nach der Lust kommt der Überdruss. Bedeutet das auch, dass zu viel Glück einen träge, egoistisch und faul werden lässt?
Ja, das ist ein Grund für meine große Skepsis gegen die ständige Rede vom Glück. Die Glücksforschung macht die Menschen unglücklich. Auch wenn sie behauptet, es gehe um Zufriedenheit. Große Leistungen der Menschheit sind nicht aus Zufriedenheit entstanden. Schauen Sie sich die Biographien von Michelangelo, Vincent van Gogh, Edvard Munch und vielen anderen Künstlern an. Ihr Unglücklichsein trieb sie an.
Ist das nicht ein Klischee? Das hieße ja im Umkehrschluss, dass Menschen, denen es gut geht, keine Leidenschaft und Hingabe entwickeln könnten, oder?
Die Glücksforschung ist nicht in der Lage, zwischen Glück und Sinn zu unterscheiden. Sinn ist wichtiger als Glück, Eltern wissen das. Selbst dann, wenn sie mal nicht glücklich über ihre Kinder sind, würden sie nie den Sinn ihrer Existenz in Frage stellen.
Dem widerspricht die Glücksforschung nicht: Sie kommt zu dem Schluss, dass selbstbestimmte Menschen, die von ihrem Tun erfüllt sind, gute Chancen auf ein Leben haben, das sie als sinnvoll empfinden.
Selbstbestimmt! Dazu kann ich nur sagen: Das ewige Streben nach Selbstbestimmung ist der Tod von Beziehungen. Es wäre besser, bereit zu sein, von dieser permanenten Selbstbestimmung abzulassen.
Was ist an Selbstbestimmung so schlecht?
Als ich zwischen 20 und 30 Jahre alt war, brach sich die Idee der Selbstbestimmung gerade Bahn. Das war die Zeit, als Beziehungen anfingen zu zerbrechen, weil jeder sein Ding durchziehen wollte. Es ist ein Problem der fortgeschrittenen Moderne. Niemand wünscht sich die Zeiten zurück, in denen Autoritäten über alles bestimmten, aber die Geschichte neigt zu Pendelbewegungen. Erst zu viel Fremdbestimmung, jetzt zu viel Selbstbestimmung. Wir finden kein Maß.
Wann hat sich diese Einsicht bei Ihnen durchgesetzt?
Ungefähr nach der zehnten gescheiterten Beziehung. Da musste ich mir vergegenwärtigen, dass es so nicht funktioniert. Wohl auch aus diesem Grund bin ich nun seit 35 Jahren mit ein und derselben Frau zusammen.
Kam dann die Einsicht von ihnen selbst oder lag das an ihrer Frau?
Das lag ganz stark an meiner Frau. Sie hatte eine Engelsgeduld mit mir.
Wie haben Ihre vier Kinder Ihr Leben geprägt?
Mit den Kindern habe ich gelernt, die Welt neu zu sehen. Gerade mit den beiden Jüngeren aus zweiter Ehe habe ich viel Zeit verbracht, oft auf ihrer Ebene. Aus dieser Perspektive sieht die Welt ganz anders aus.
Wieso erst bei den Jüngeren?
Weil mir da klar wurde, dass ich auf Grund meines Alters nicht mehr viele Chancen haben werde, ein Kind so direkt aufwachsen zu sehen. Diese Idee kam mir bei den ersten beiden leider nicht. Bei ihnen war ich zwischen 20 und 30 Jahre alt.
Sie plädieren dafür, sich selbst ein Freund zu sein, seine Schwächen anzunehmen. Ist das die Gegenbewegung zum Trend der Selbstoptimierung?
Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich bin ein großer Freund der Selbstoptimierung. In diesem Begriff steckt das Wort Optimum, also das Beste. Darum geht es doch wohl im Leben: Das Beste aus sich zu machen – als Mensch, als Partner, als Vater und Mutter. Aber es bedeutet nicht Perfektion. Menschen sind nun mal nicht perfekt.
Perfektionisten haben es also schwer?
Gerade die Menschen, die sich auf übertriebene Weise selbst lieben, leiden darunter, dass sie nicht perfekt sind. Aber warum? Unzufriedenheit, Selbstzweifel gehören zum Leben dazu. Wir sollten sie nicht scheuen. Und bei allen Zweifeln kommen wir nicht umhin, Entscheidungen im Leben zu treffen, die auch falsch sein können. Wir müssen uns festlegen und auf einen Teil unserer Freiheit wieder verzichten, um wirklich etwas zu realisieren und uns nicht in den vielen Möglichkeiten zu verlieren, die heute von vielen beklagt werden, während Menschen in einer Kultur wie Indien beklagen, keine Möglichkeiten zu haben. Etwa die Entscheidung für eine bestimmte Tätigkeit, einen Beruf, einen Partner, für oder gegen eine Familie. Und manche Dinge werden wir nie erreichen, das hat das Leben so an sich.
Freiheit setzt uns also unter Druck?
Die Menschen kommen mit der Freiheit nicht gut zurecht. Es gibt ja auch keine Ausbildung dafür. Unsere Kultur ist noch völlig darauf fixiert, die Freiheit als Befreiung von unguten Verhältnissen zu verstehen. Das ist eine wichtige Freiheit, aber nur der erste Teil. Der zweite Teil besteht darin, mit der Freiheit umgehen zu lernen, ihr Formen zu geben, eben sich festzulegen und damit auch wieder auf einen Teil von Freiheit zu verzichten. Aus Freiheit.

Zur Person

Wilhelm Schmid Suhrkamp Verlag Lebenskünstler:
Wilhelm Schmid, 65, wuchs in Billenhausen in Bayerisch Schwaben auf, absolvierte eine Lehre als Schriftsetzer, holte das Abitur nach und studierte zwischen 1980 und 1990 an der Freien Uni Berlin, der Sorbonne und der Uni Tübingen Philosophie. Schmid habilitierte sich 1997 mit seiner Arbeit „Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst“.

Seelentröster:
Der vierfache Vater hat mehrere Bücher zu Themen wie Gelassenheit und Achtsamkeit verfasst. Diese sind in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden.

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