Stuttgart - Groo-BAHW-uhr. Amerikaner tun sich ja oft schwer mit Namen aus anderen Kulturkreisen, die nicht im anglophilen Sprachraum liegen. „Groo-BAHW-uhr“ ist die Lautschrift für Grubauer, Vorname Philipp, dem Torhüter der Colorado Avalanche. Es ist sinnvoll, den Namen des deutschen Torhüters auf Schriftstücken allen Fans des Clubs und den US-Reportern akustisch näherzubringen, denn Mister Groo-BAHW-uhr, geboren am 25. November 1991 in Rosenheim, spielt eine überragende Saison im Kasten des Teams aus Denver, so dass die Avalanche in der regulären Saison die beste Mannschaft war, die Presidents Trophy dafür erhielt und als Nummer eins der Setzliste in die Play-offs eingezogen ist.
Am Samstag beginnen die Ausscheidungsspiele um den Stanley Cup, Colorado muss am Dienstag (4 Uhr, MESZ) erstmals gegen die St. Louis Blues aufs Eis. „Es ist ganz klar unser Ziel, dass wir den Cup gewinnen“, sagt Philipp Grubauer, der einen unersetzbaren Rückhalt für sein Team darstellt – im Eishockey gilt die Faustregel, dass ein Torhüter an die 50 Prozent der Konkurrenzfähigkeit einer Truppe ausmacht. Siebenmal blieb Grubauer ohne Gegentor, Platz eins in der aktuellen NHL-Rangliste, er hielt in dieser Saison 92,2 Prozent der Schüsse auf sein Tor, gegen die Anaheim Ducks und die Vegas Golden Knights parierte er sagenhafte 36 Schüsse, was einen persönlichen NHL-Rekord für den Bayern darstellt, und er ist dem Clubrekord von Goalie Semjon Warlamow (jetzt New York Islanders) auf den Fersen, der in der Saison 2013/14 insgesamt 41 Siege holte. Grubauer steht bei 29. „Es läuft einfach“, sagt der 29-Jährige, „aber wichtig ist das Spiel morgen und dann das Spiel danach. Ich schaue nicht weiter als bis zum nächsten Spiel.“
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Beim 5:1 von Colorado über die Los Angeles Kings am vergangenen Donnerstag bekam der Deutsche eine kleine Spielpause, so dass Marco Sturm, Co-Trainer der Kings und von 2015 bis 2018 als Bundestrainer beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) aktiv, seinen ehemaligen Schützling im Nationaltrikot nicht in Aktion gesehen hat – was Grubauer kann, das weiß er aber auch ohne optischen Beleg. „Durch seine Gelassenheit bringt Philipp enorme Ruhe in die Mannschaft“, sagt Marco Sturm gegenüber unserer Zeitung, „das heißt, die Spieler können befreit ihr Spiel durchziehen, weil sie wissen, dass sie einen großen Rückhalt im Tor haben.“
Grubauer musste sich hochdienen
Grubauer hat ein paar Jährchen benötigt, um sich diese Reputation zu erarbeiten. 2012 heuerte der Oberbayer bei den Washington Capitals an, mit 21 Jahren musste er sich in der Hierarchie unten einordnen – in drei Jahren stand er nur in 20 NHL-Partien im Tor. Danach galt er als Nummer 1b hinter Braden Holtby. Grubauer durfte gelegentlich ran, wenn es aber richtig ernst wurde, stand der Kanadier auf dem Eis. Wie beim Stanley-Cup-Triumph der Caps 2018: Die entscheidende Phase der Saison erlebte der Mann aus Germany auf der Bank an der Bande, was den persönlichen Erfolg schmälerte. Er wechselte zur Saison 2018/19 nach Denver, nun ist Grubauer der Platzhirsch ist Torraum, Jonas Johansson (25) darf nur ab und zu eingreifen. „Generell kann man die Torhüter nicht mit den Feldspielern vergleichen“, betont Marco Sturm, „um die Nummer eins in der NHL zu werden, brauchen sie viel mehr Zeit, Erfahrung und Geduld – fast alle guten Goalies erreichen erst zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Karriere ihre Bestform.“
Avalanche-Coach schwärmt in höchsten Tönen
Besser spät als nie. Selbst eine zwölftägige Zwangspause, Grubauer stand als Kontaktperson auf der NHL-Corona-Liste, warf den Torhüter nicht aus der Bahn. Avalanche-Coach Jared Bednar ahnt, dass Grubauer in seiner aktuellen Verfassung so etwas wie eine Überlebensversicherung in den Play-offs sein wird, ein Versprechen auf den Stanley Cup. „Er ist einfach stabil. Er hält alles, was er halten sollte und dazu noch ein paar, die du im Netz erwarten würdest“, schwärmte Bednar, „so gut habe ich ihn noch nie spielen sehen, vor allem nicht über einen so langen Zeitraum.“
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So liegt die Länderspielkarriere des Rosenheimers auf Eis. Wenn die deutsche Mannschaft nächsten Freitag in Riga gegen Italien in die WM startet, ist Grubauer (zehn Länderspiele) in Nordamerika beschäftigt, wie Leon Draisaitl, Dominik Kahun (beide Edmonton Oilers) und Nico Sturm (Minnesota Wild) – eine Nachnominierung ist aus zeitlichen Gründen fast ausgeschlossen. Grubauer wird es verschmerzen, ihn lockt der Stanley Cup – Marco Sturm wäre nicht erstaunt, wenn es so käme: „Nicht nur er, die ganz Mannschaft spielt eine überragende Saison. Wenn alle gesund bleiben, sind sie einer der Favoriten.“ Spätestens dann wissen alle Avalanche-Fans wie man den Namen des Goalies ausspricht: Groo-BAHW-uhr.