Plochingen - Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Für einen der profiliertesten Kommunalpolitiker der vergangenen Jahrzehnte, den langjährigen SPD-Stadt- und -Kreisrat sowie ehemaligen Landtagsabgeordneten Gerhard Remppis, wäre die Geburtstagsfeier zu seinem 80. am Freitagabend aber fast ins Wasser gefallen. Lange war unklar, ob die Stadt Plochingen angesichts der gestiegenen Corona-Zahlen im Kreis den Empfang für ihren jüngsten Ehrenbürger über die Bühne bringen durfte. Aber sie durfte. Mit einem nachgeschärften Hygienekonzept und 70 Weggefährten, Freunden und Familienangehörigen des Jubilars, die dem Geburtstagskind nur von ihren Plätzen in der großen Stadthalle zuprosten durften. Und einer Stadtkapelle, die draußen vor den großen Fenstern ihr Ständchen blies.
Das tat der Wertschätzung für den gebürtigen Kirchheimer, der als Sohn eines früh verstorbenen Kohlenhändlers in Plochingen aufgewachsen war, Deutsch, Geschichte und Politik studierte und unterrichtete und lange Jahre das Plochinger Gymnasium leitete, keinen Abbruch. Dabei hatte ihm seine Mutter keine Chancen eingeräumt, als er 1968 erstmals für den Gemeinderat in seiner Heimatstadt kandidierte. Doch bis zu seinem Rückzug aus allen kommunalpolitischen Gremien im vergangenen Jahr war er über lange Jahre der „Plochinger Stimmenkönig“, wie Peter Raviol für die SPD-Gemeinderatsfraktion und den Ortsverein den langjährigen Fraktionschef und stellvertretenden Bürgermeister würdigte.
Über die Leiter gestolpert
Als frisch gebackenes Ratsmitglied war Remppis noch über einen Haushaltsposten von 100 000 Mark für eine Feuerwehrleiter gestolpert. So viel Geld für eine Leiter? Das könne doch nicht sein, sei er den damaligen Bürgermeister Hartung angegangen, schilderte Raviol. Der habe nur geantwortet: „Wisset se, Herr Remppis, da isch’s Fahrzeug au dabei. Aber des lernet se au no.“ Wie viel er in all den Jahren dann gelernt hat und was die Persönlichkeit von Gerhard Remppis auszeichnet, brachte der CDU-Landrat, Duz-Freund und VfB-Leidensgenosse Heinz Eininger auf den Punkt. Er zog in Vertretung von Winfried Kretschmann ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk aus der Tasche: Die Staufermedaille in Gold, die nur der Ministerpräsident vergeben darf. „Dabei dachten wir ja alle, du bist schon ausgeehrt“, spielte Eininger auf die umfangreiche Urkundensammlung im Hause Remppis an. Angeregt von einem Bürgermeister der Freien Wähler und dem Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, verliehen von einem grünen Ministerpräsidenten und überreicht von einem CDU-Landrat zeige die Medaille die Wertschätzung, die Remppis über alle Parteien hinweg genieße.
Vom Ratgeber zum Freund geworden
Als Remppis im vergangenen Jahr nach 51 Jahren nicht mehr für ein kommunalpolitisches Mandat kandidierte, schied einer der dienstältesten Gemeinderäte im ganzen Land aus. Er habe dazu beigetragen, aus Plochingen eine Stadt mit sehr hoher Lebensqualität zu machen, unterstrich Eininger. Von 1979 bis 2019 hatte er zudem im Kreistag „maßgeblichen Anteil am Zusammenwachsen der Altkreise Nürtingen und Esslingen“. Er führte heiße Diskussionen um die Müllverbrennung und musste den Verlust des Plochinger Krankenhauses wegstecken. Zwölf Jahre lang saß der Plochinger Sozialdemokrat zudem für den Wahlkreis Kirchheim im Landtag, von 1980 bis zu seinem Ausscheiden 1988 war er Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Für Eininger selbst ist der wertvolle Ratgeber zum Freund geworden. Der Esslinger Landrat beschrieb den Jubilar als differenziert denkenden, charakterstarken Menschen, der trotz seiner Standfestigkeit immer den Konsens gesucht habe.
Nachhaltiger Lehrer
Dass er auch als Pädagoge nachhaltig gewirkt hat, bewies sein ehemaliger Schüler, Plochingens Bürgermeister Frank Buß. Der knüpfte in seiner Rede an die mahnenden Worte an, die sein ehemaliger Lehrer bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde vor zwei Jahren für den Erhalt der demokratischen Grundwerte gefunden hatte. Remppis selbst ist nach wie vor überzeugt, dass der Vergleich der heutigen Bundesrepublik mit dem Ende der Weimarer Republik „völlig unangebracht“ ist. Aber auch er beklagt eine politische Debattenkultur, die den Konsens verachte: „Um Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit muss immer wieder gekämpft werden, gerade auch angesichts politischer Strömungen, die genau diese Begriffe mit einem Inhalt belegen wollen, der uns wirtschaftlich, politisch und moralisch – wie schon einmal – in die Irre führt.“