Fahndung in Heslach Was hat ein bissiges Wildschwein mitten ins Wohngebiet getrieben?

Eine gefährliche Begegnung mit einem Wildschwein – die kann es nicht nur im Wald geben. Foto: IMAGO/blickwinkel/R. Kaufung

Ein Passant muss mit Bissverletzungen ins Krankenhaus, mehrere Notrufe gehen ein. Mehr als zwei Stunden hat die Polizei erfolglos nach einem Wildschwein im Stuttgarter Süden gesucht.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Und plötzlich geht eine Vielzahl von Notrufen in der Polizeizentrale ein: Mitten in bewohntem Gebiet im Stuttgarter Süden ist ein Wildschwein unterwegs. Für die Polizei löst das am Samstagnachmittag einen ungewöhnlichen Großalarm in Heslach aus – mit Meldungen, die teils über 700 Meter Luftlinie auseinander liegen. Die Lage ist durchaus ernst: Ein älterer Passant muss mit erheblichen Bissverletzungen in einem Krankenhaus behandelt werden.

 

Es ist Samstag gegen 15.40 Uhr, als der erste Passant den Notruf 110 wählt. „Erst war es der Bereich Rebenreute, dann wurde gemeldet, dass in der Frauenstraße eine Wildsau steht, es gab auch Meldungen aus der Böheim- und Eierstraße“, sagt Klaus Enderes von der Polizeieinsatzzentrale. Doch wo auch immer die Polizei auftaucht, das Wildtier ist schon wieder weg. Wie ein Phantom.

Angriff nahe einer Tankstelle

Kurz vor 17 Uhr meldet eine Zeugin dem Revier Gutenbergstraße, dass ihr 77-jähriger Ehemann mit erheblichen Bissverletzungen in einem Krankenhaus behandelt wird. Er war bereits gegen 15.50 Uhr in der Karl-Kloß-Straße in der Nähe der Shell-Tankstelle von einem frei laufenden Wildschwein angegriffen worden. Grund genug, die Fahndungsmaßnahmen hoch zu halten, gemeinsam mit Mitarbeitern des Tiernotdienstes. Auch der zuständige Revierförster sei informiert worden, so der Polizeisprecher.

Doch das Wildschwein erweist sich als schlauer. Offenbar hat es wieder in den Wald zurückgefunden und taucht dort unter. Weil weitere Meldungen ausbleiben, beendet die Polizei gegen 18 Uhr die Fahndungsmaßnahmen. Die Identität des Tieres bleibt unbekannt. Und auch die Frage, was das Wildschwein am helllichten Tag ins Wohngebiet getrieben haben könnte.

Verhaltensregeln - Was tun bei Wildschwein-Begegnung?

Erfahrene Jäger wissen, dass derzeit die Paarungszeit unter Wildschweinen im vollen Gange ist – dass sich aber durch den Klimawandel und das ganzjährige Futterangebot vieles verändert hat. Dort, wo sich Ballungsraum und freie Landschaft übergangslos abwechseln, „haben sich die Wildtiere an die Zivilisation angepasst“, sagt René Greiner, Sprecher des Landesjagdverbands Baden-Württemberg. Dies gelte gerade für Bereiche in Stuttgart wie Heslach oder Botnang. „Problematisch wird es dann aber, wenn die Tiere unerwartet hochgeschreckt werden und in Panik in den Siedlungsraum hinein flüchten“, sagt Greiner.

In die Enge getrieben sein – nichts macht die Begegnung eines Wildschweins mit dem Menschen gefährlicher.

Bei unverhofften Begegnungen sollte der Mensch daher ...

  • den Rückzug antreten
  • die Fluchtwege freimachen
  • nicht hektisch bewegen
  • nicht wegrennen
  • nicht brüllen

Ein leiser Rückzug ist für den Menschen angesagt. Rennen hilft nicht wirklich: Mit 50 bis 60 km/h ist ein Wildschwein schneller und wendiger. Dann hilft nur noch ein Baum, ein Gerüst, eine Erhöhung.

Mit Martinshorn in höchster Not

Bei einem ähnlichen Zwischenfall in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) im Dezember 2018 konnte sich eine Passantin am Bahnhof gerade noch in einen Bus retten. Ein 74-Jähriger wurde dagegen angegriffen und schwer verletzt. Polizeibeamte mussten ein Kind in einer Bahnunterführung in höchster Not retten, indem sie an ihrem Streifenwagen das Martinshorn einschalteten. Die Jagd nahm insofern ein gutes Ende, als das Wildschwein unter Beobachtung einer Polizeihubschrauberbesatzung in einem Wald bei Vaihingen/Enz-Horrheim zu seinen Artgenossen zurückfand.

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