Bei Pop denken viele an große Bühnen, Radiohits und rote Teppiche. Walter Ercolino spricht lieber über Stipendien, Inklusion und Kinderbetreuung. Der Leiter des Popbüro Region Stuttgart weiß genau, wie sich die Branche wandelt. Und der 53-Jährige spricht gerne darüber, was Pop eigentlich ist. Das mit den Radiohits schon auch noch. Aber eben genauso die Art und Weise, wie Menschen heute kreativ sein und zusammen etwas erleben wollen: Pop als Puzzle. „Wenn man die Puzzleteile zusammensetzt, dann bildet Pop den Zeitgeist ab“, sagt Ercolino.
Was das bedeutet, will er mit der About Pop am 22. Juli im Wizemann zeigen. Mit zwei Mitarbeitern und einem Kuratorengremium hat er 17 Bands, Künstlerinnen und Künstler ausgesucht, deren Konzerte beispielhaft die zeitgenössische Popmusik präsentieren sollen. Die parallel stattfindende Konferenz verhandelt Themen wie den ökonomischen Wert von Musik, das Verschwinden des Pop-Feuilletons oder das Freiheitsgefühl der 1990er Jahre.
Europapremieren und Lokalhelden
Zu Gast ist zum Beispiel Mareux, der mit seiner Musik über Tiktok Millionen erreicht und in Stuttgart sein erstes Europakonzert spielt. Auch der am derzeit angesagten, düsteren Wave-Sound der 80er Jahre orientierte Stuttgarter Künstler Flawless Issues ist mit von der Partie. Aber eben genauso Pop-Prominenz wie der Autor Jens Balzer und die einheimischen Feuilletonhelden Die Nerven. Awareness-Teams, Safe Spaces und Kinderbetreuung bilden den zeitgemäß inklusiven Rahmen. Die About Pop soll in jeglicher Hinsicht ein Schaufenster in die nähere Zukunft sein. „Das bemerkt man mittlerweile auch in Köln“, berichtet Walter Ercolino von seinem jüngsten Besuch bei der dortigen c/o Pop.
Die Stuttgarter About Pop soll auch so ein Branchentreffpunkt werden und die in Popdingen notorisch unterschätzte Stadt prominent auf die bundesdeutsche Poplandkarte setzen. Köln kriegt das ebenso hin wie Hamburg mit seinem Reeperbahn-Festival und natürlich Berlin, wo sich das „Pop-Kultur“-Festival binnen weniger Jahre internationales Renommee erspielt hat. Ist ja auch klar, sagt Ercolino: wenn in Berlin einer was macht, sitzt das Fördergeld locker.
„Besetzen in Stuttgart eine Lücke“
Er arbeitet daran, dass es in Stuttgart genauso läuft. Für die About Pop hat Ercolino einiges Geld organisiert, zum Beispiel 120 000 Euro bei der regionalen Wirtschaftsförderung, einem der zwei Träger des Popbüros, aber auch bei Stadt und Land. Popmusik, davon ist er überzeugt, muss genauso gefördert werden wie Jazz und Klassik. „Es ist schon krass, wie viel weniger Fördergeld in die Popmusik fließt“, sagt er, „wir wollen Pop als gleichwertig verstehen. Und an der Wahrnehmung arbeiten, dass Pop mehr ist als nur gute Musik“. Sondern gelebte Vielfalt und Gleichberechtigung, Ausdruck eines Lebensstils und, natürlich, Wertschöpfung.
„Mit der About Pop besetzen wir in Stuttgart eine Lücke“, sagt Ercolino. Für Trickfilm, Tanz, Neue Musik, Bach und vieles mehr gibt es längst Festivals, für Pop im breiten Sinne nicht. Die Stars von gestern und heute treten bei den Jazz Open auf. Der About Pop geht es eher um das Morgen, auch für die Stadt selbst.
Wie Ercolino das Popbüro neu aufgestellt hat
„Künstlerinnen und Künstler ziehen ja nicht wegen dem Neckar hierher“, sagt Ercolino. Eine Popstadt oder -region braucht eine Infrastruktur. Stuttgart, wo seit jeher eine Halle mit drei-, viertausend Plätzen schmerzlich vermisst wird, bröseln die kleineren Spielstätten und Clubs seit Jahren weg, zumindest die privat betriebenen. Ercolino stemmt sich mit eigenen Konzertformaten dagegen, gibt Musikerinnen und Nachwuchskräften Starthilfe mit Beratung, Netzwerktreffen und einem Pop-Stipendium. Beauftragt eine Studie zum ökonomischen Wert von Popmusik und Nachtleben, setzt sich erfolgreich für die Stelle des Nachtmanagers ein und hilft mit dem Clubformat „Dürnitz Night Call“ alteingesessenen Institutionen wie dem Landesmuseum, sich zu verjüngen. „Wenn eine als elitär wahrgenommene Institution sich ändern will, landest du sehr schnell bei der Popkultur“, sagt Walter Ercolino.
Seit viereinhalb Jahren leitet er das Popbüro. Früher bespielte es etwa Bühnen bei der Langen Einkaufsnacht und arbeitet mit Theaterpädagogen und Nachwuchsband. Heute geht es um Größeres, nämlich die Neudefinition von Popkultur und den Wandel der Kulturstadt Stuttgart. „Der Pop hält mich jung“, sagt der 53-Jährige, nur um im nächsten Satz darüber zu sprechen, dass Pop künftig noch mehr als bisher auch für die Älteren da sein wird. Die seien bei der About Pop jedenfalls herzlich willkommen und Ercolino verspricht ihnen etliche musikalische Aha-Effekte.
„Wir stehen erst am Anfang“, sagt Walter Ercolino. Deshalb denkt er schon an die übernächste About Pop. Dieses Jahr tragen die „Pre-Sessions“ die Idee vom Pop als Zeitgeist mit einzelnen Events hinaus in die Region, 2024 soll das Event dann zwei Tage dauern und um ein regionales Clubfestival erweitert werden. Damit alle mitbekommen, was Popkultur mittlerweile ist. Wahrscheinlich sogar in Köln und Berlin.