PP-Studio in Ludwigsburg Schatzkiste für Musikliebhaber

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Im PP-Studio in Ludwigsburg gibt es seit 1976 Tonträger aus aller Welt. Die Stammkunden werden älter und hoffen, dass der Chef Kurt Gillé und seine einzige Mitarbeiterin Karin Albrecht noch lange weitermachen.

Karin Albrecht arbeitete seit mehr als 40 Jahren im PP-Studio in Ludwigsburg, sie und ihr Chef     Kurt Gillé treiben für die Kunden weltweit fast jede irgendwie verfügbare CD auf. Foto:   5 Bilder
Karin Albrecht arbeitete seit mehr als 40 Jahren im PP-Studio in Ludwigsburg, sie und ihr Chef Kurt Gillé treiben für die Kunden weltweit fast jede irgendwie verfügbare CD auf. Foto:  

Ludwigsburg - Mitunter wissen die Kunden zwar ziemlich genau, welche Musik sie suchen, aber beschreiben können sie den Interpreten oder die Band nicht. Einmal hat eine Frau die Eingangstüre des PP-Studios in Ludwigsburg betreten und dann sofort angefangen, den Titel, den sie unbedingt haben wollte, vorzusingen. Diese kleine Anekdote erzählt Karin Albrecht, die Verkäuferin, Beraterin und Möglichmacherin dieses einmaligen Geschäfts, an einem ruhigen Junivormittag.

Der CD- und Vinylplatten-Laden in der Eberhardstraße ist DER Hotspot für Musikliebhaber, für Menschen, die gerne stöbern, die Zeit haben und sich auch nehmen, die gerne mit Gleichgesinnten plaudern und gelegentlich mal eine Aufnahme eines unbekannten Künstlers mitnehmen, nur weil Frau Albrecht oder ihre Chef Kurt Gillé diese empfohlen haben. Der singenden Kundin konnte übrigens geholfen werden. Ebenso jenem Mann, der lediglich zwei Worte zur Suche beisteuern konnte: Mare Nostrum. Karin Albrecht wusste sofort, die CD ist von Paolo Fresu, Richard Galliano und Jan Lundgren.

Das kleine Geschäft in einer Seitenstraße des Ludwigsburger Marktplatzes ist ein Dorado für Jazz-, Klassik- sowie Rock- und Popfans. Gleich im Eingangsbereich stünden ein paar CDs der Interpreten „unserer Jugend“, sagt die 62-jährige gelernte Fachverkäuferin, die aus dem Schwarzwald stammt und seit 41 Jahren im PP-Studio arbeitet. Zum Beispiel „Crime of the Century“ von Supertramp. „Supertramp, das war mein erstes Konzert“, sagt sie und erzählt, dass die Lieferanten damals noch Freikarten für Konzerte verschenkt hätten. Lange her.

Opernsänger Thomas Quasthoff auf Stippvisite

Das PP-Studio lebt in erster Linie von den treuen, älter werdenden Stammkunden, von Menschen, die keine Musik im Netz streamen und die auch sonst nicht ständig im Internet unterwegs sind. Junge Leute, sagt die Kennerin der Szene, kauften doch kaum noch CDs, abgesehen von ein paar ganz wenigen Ausnahmen. Ein Schüler komme regelmäßig vorbei und nehme meistens eine Bach-CD mit. Vorbeigekommen sind auch schon ein paar Musikergrößen, zum Beispiel Thomas Quasthoff. Der Opernsänger hat sich auf einer Wand im PP-Studio verewigt und mit „best Wishes“ unterschrieben.

An diesem Tag indes hat sich seit mittlerweile gut einer Stunde kein Kunde blicken lassen. Plötzlich steht Sabine Meyer in der Türe. Die Ludwigsburgerin ist 62 Jahre alt und erzählt, dass sie seit rund 25 Jahren sicherlich einmal wöchentlich vorbeischaue. Die Karin, die Damen sind per Du, „kennt sich wirklich sehr gut aus“, lobt die Kundin. Und die Karin sagt, „der Cheffe ist das wahre Trüffelschwein“. Gillé verbringe oft viele Stunden mit der Suche nach einer einzigen, ganz speziellen Aufnahme.

In den 1970er-Jahre in der Körnerstraße eröffnet

Im PP-Studio stehen viele Musikproduktionen in den Regalen, die längst nicht mehr auf dem Markt sind. Es komme immer wieder vor, erzählt Karin Albrecht, dass CDs im Internet als nicht mehr erhältlich aufgeführt werden, „die wir aber noch haben“. Nachfragen erhält das PP-Studio nicht nur aus Ludwigsburg und der Region Stuttgart, sondern aus allen möglichen europäischen Ländern, mitunter sogar aus Übersee. Eben hat die Verkäuferin ein Paket fertig gemacht, das nach Osnabrück geschickt wird. „Ein Stammkunde, der aus Ludwigsburg weggezogen ist.“

Kurt Gillé, Jahrgang 1941, hat sein PP-Studio im Jahr 1976 in der Körnerstraße eröffnet. Ludwigsburger, die damals Teenager oder schon erwachsen waren, erinnern sich mit einem Strahlen in den Augen an dieses Geschäft. In einem Stockwerk gab es jede Menge Schallplatten, im anderen die weit und breit tollsten Hi-Fi-Anlagen. Südhaft teure Tapedecks von Denon zum Beispiel, bleischwere Plattenspieler von Thorens und Verstärker von Harman-Kardon. Und dazu bombastische Lautsprecherboxen. Manche Schüler sind regelmäßig nach den Unterricht ins PP-Studio gepilgert, haben Platz genommen auf der weich gefederten Couch und sich dann einen Nachmittag lang mit Rockmusik beschallen lassen. Den Mitarbeitern war es damals egal, dass die jungen Leute ganz offenkundig nicht das nötige Kleingeld hatten, um die Geräte zu kaufen. Lange her.

Hifi-Geräte nur noch auf Bestellung

Wie lange es das PP-Studio wohl noch geben wird? Karin Albrecht sagt, sicherlich noch, „bis Kurt Gillé und ich in Rente gehen“. Dabei ist der Firmengründer doch längst im Pensionsalter. Die Stammkundschaft hofft halt, dass er noch lange durchhält und weitermacht mit der weltweiten Suche nach wahren Musikschätzen. Hi-Fi-Geräte bekommt man übrigens auch noch in dem Geschäft – allerdings nur noch auf Nachfrage und Bestellung.

Der Chef nimmt den Fuß vom Gas

Öffnungszeiten
Das PP-Studio ist im Gebäude Eberhardstraße 9 in Ludwigsburg. Seit Juni wurden die Öffnungszeiten reduziert. Das Geschäft ist jetzt mittwochs bis freitags von 10 bis 13 Uhr und von 14.30 bis 18.30 Uhr geöffnet, samstags von 10 bis 14 Uhr. Die Kunden kommen nicht mehr so oft wie einst.

Chef
Auf dem Merkblatt mit den neuen Öffnungszeiten heißt es: „Der Chef hat schon etliche Kilometer auf seinem Tacho, und seine Ärzte raten ihm dazu, dass es Zeit wird, den Fuß etwas von Gas zu nehmen.“