Prävention in Stuttgart-Sillenbuch Sportverein will Kinder stärker vor Übergriffen schützen

Von Jacqueline Fritsch 

Bei Sportvereinen bieten sich für Täter besonders viele Gelegenheiten, Kindern und Jugendlichen gegenüber übergriffig zu werden. Um das zu verhindern, hat ein Verein in Stuttgart-Sillenbuch nun ein neues Schutzkonzept entwickelt.

Es geht bei der Initiative nicht nur um Missbrauch, sondern auch um Mobbing und Vernachlässigung. Foto: dpa/Jens Kalaene
Es geht bei der Initiative nicht nur um Missbrauch, sondern auch um Mobbing und Vernachlässigung. Foto: dpa/Jens Kalaene

Sillenbuch - Kriminalstatistiken zufolge gibt es in Deutschland pro Jahr etwa 15 000 sexuelle Missbrauchsfälle an Kindern. Die Dunkelziffer ist deutlich höher; die Weltgesundheitsorganisation geht von einer Million betroffenen Mädchen und Jungen aus. Der Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz im SV Sillenbuch schätzt die Gefahr von Übergriffen im Sportverein als besonders hoch ein. „Es gibt im Sport einfach eine große körperliche Nähe“, sagt der Geschäftsführer Jochen Weiß. „Man kennt sich und verliert die nötige Distanz.“ Hilfestellungen beim Turnen, gemeinsame Trainingslager und Ausflüge oder Einzeltrainings – im Sportverein gibt es nach Erkenntnissen des Arbeitskreises viele Situationen, die Täter ausnutzen könnten. Dagegen möchten die Verantwortlichen nun mit einem neuen Konzept vorgehen.

Ab jetzt: Alle brauchen erweitertes polizeiliches Führungszeugnis

Alle Ehrenamtlichen, die bei ihrer Arbeit im Verein mit Kindern oder Jugendlichen zu tun haben, und alle Mitarbeiter müssen künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. „Wir haben lange überlegt, ob wir das wirklich machen wollen, oder ob wir die Leute damit abschrecken“, sagt Jochen Weiß. Schließlich wolle man keine Ehrenamtlichen verlieren. Weiß hofft nun, mit der neuen Regel das Gegenteil zu bewirken und allen Beteiligten damit Sicherheit zu vermitteln. Die Ausstellung des Zeugnisses sei in diesem Fall kostenlos und muss alle fünf Jahre wiederholt werden.

Ein weiterer Baustein des Konzepts sind die sogenannten Kinderschutzbeauftragten. „Im besten Fall wird das eine weibliche und eine männliche Person sein“, sagt Bastian Zink aus dem Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz. Diese sollen präventiv tätig sein, indem sie an Jugendleitersitzungen teilnehmen und ein Auge auf die Abteilungen des Vereins haben. Außerdem sind sie der erste Ansprechpartner, wenn ein Verdacht auf Missbrauch aufkommen sollte. „Wir sind derzeit in aussichtsreichen Gesprächen mit möglichen Kandidaten“, sagt Zink.

Übungsleiter dürfen nicht mehr mit den Kindern duschen

Alle Mitarbeiter und Ehrenamtlichen müssen außerdem künftig einen Verhaltenskodex unterzeichnen. Mit ihrer Unterschrift verpflichten sich die Mitglieder unter anderem, dass sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind, dass sie die Persönlichkeit und die Rechte der Kinder achten und aktiv einschreiten, wenn sie Verstöße gegen Verhaltensregeln wahrnehmen. „Ein Beispiel dafür ist die Umkleide- und Duschsituation“, sagt Dirk Hauswirth vom Arbeitskreis. „Viele Übungsleiter duschen mit den Kindern, weil sie das schon jahrelang so machen, aber wir erlauben das nicht mehr.“ Trotzdem habe der Übungsleiter auch in dieser Situation eine Aufsichtspflicht und sollte in Hörweite der Umkleide sein. Reinkommen darf er aber nur, wenn er etwas Verdächtiges hört, vorher laut anklopft und sich ankündigt.

Mit dem neuen Konzept will der Verein nicht nur sexuellen Missbrauch verhindern, sondern auch psychische Misshandlung, Mobbing, Vernachlässigung und andere Formen der Kindeswohlgefährdung. Der offene Umgang mit dem Thema soll mögliche Täter abhalten, überhaupt in den Verein einzutreten. Der Geschäftsführer Weiß hofft außerdem, dass die neuen Regeln neue Mitglieder und Trainer anlocken. „Sportvereine werden heutzutage zahlenmäßig immer kleiner, aber wir haben jetzt ein Qualitätsmerkmal“, sagt er.

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