Preis für Tübinger Forscher Das Superhirn

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Der Tübinger Wissenschaftler Bernhard Schölkopf wird für seine Forschung an der Künstlichen Intelligenz mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet. Köpfe wie er entscheiden darüber mit, ob Baden-Württemberg technologisch weiter vorne mitspielen kann.

Bernhard Schölkopf liebt die Zahlen – und die klassische Musik. Foto: DFG
Bernhard Schölkopf liebt die Zahlen – und die klassische Musik. Foto: DFG

Tübingen - Die Wirklichkeit ist ungemütlich. Es schüttet in Strömen, Bernhard Schölkopf weicht kaffeebraunen Pfützen aus, zieht den Kopf zwischen den Schultern ein und öffnet die Tür zu jenem Haus, das sein Leben verändert hat. Der Raum liegt im Dämmerlicht, Stühle um runde Tische, der Blick hinaus auf einen matschgrünen Garten, in einer Ecke des Raums steht ein Flügel. Im Max-Planck-Haus auf dem Tübinger Campus sieht Bernhard Schölkopf weit mehr als nur einen nüchternen Universitätsraum. Hier hat er als Student eine Forschungswelt entdeckt, die ihn sofort fasziniert hat, hier hat er am Flügel gespielt, seine Promotion gefeiert und entscheidende Gespräche geführt, die seine Karriere bestimmt haben.

Nun kehrt der 49-Jährige in den Bau zurück, der bald abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll, ein Film aus Erinnerungen läuft ab. Abriss und Neubau, so könnte man sich Bernhard Schölkopf nähern, der das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme leitet. Das, woran Schölkopf forscht, verändert gerade die Forschungswelt, es krempelt Wirtschaftsbranchen um, es durchdringt die Lebenswelt der Menschen. Der Informatiker untersucht, wie sich gewaltige Datenberge dank eines mathematischen Verfahrens in geordnete Datenpakete verwandeln lassen, die ausgewertet und genutzt werden können. Wenn einmal Autos vollständig autonom durch Städte fahren werden, wenn intelligente Roboter Menschen bei der Arbeit unterstützen und Online-Versandhändler wissen, welche Joggingschuhe ihre Kunden demnächst kaufen wollen, dann würde vieles davon auf Verfahren fußen, an denen Bernhard Schölkopf mitgearbeitet hat. Nun wird der Wissenschaftler für seine Arbeit am 19. März in Berlin mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet – dem wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland.

Auch ein Kinderbuch hat er veröffentlicht

Wer Bernhard Schölkopf auf dem Campus begegnet, übersieht ihn womöglich. Grauer Pulli, Fleecejacke, Jeans, die runde Brille optisch zwischen John Lennon und Harry Potter. Schölkopf ist mit zwei Geschwistern in Filderstadt aufgewachsen, der Vater erst Maurermeister, dann Bauunternehmer, die Mutter Hausfrau. „Ich war schon immer der nachdenkliche Typ“, erzählt er, „für die Firma habe ich mich weniger interessiert.“ Aber für Mathematik. Seine Liebe zu den Zahlen führte ihn nach Tübingen, wo er Physik studierte, weiter nach Cambridge, wo er auf Pioniere des Maschinellen Lernens traf und eine spanische Illustratorin kennenlernte. Ihr erzählte er eine Geschichte, die ihm im Kopf herum spukte. Sie handelte von einem Jungen, der auf einem Kometen reitet und Sternschnuppen über der Erde verstreut. Die Geschichte gefiel der Illustratorin so gut, dass sie Bilder dazu zeichnete. „Bis daraus ein Buch wurde, hat es lange gedauert“, sagt Schölkopf. „Es ging am Ende schneller, drei Kinder zusammen zu haben.“

Der Flügel bleibt stumm an diesem Tag im Max-Planck-Haus, obwohl Schölkopf schon auf ihm gespielt hat. Er selbst ist kein Mann der lauten Töne, was deshalb erwähnenswert ist, weil rund um das Thema Künstliche Intelligenz schillernde Gestalten kernige Sprüche abfeuern: Elon Musk, der Hans-Dampf-in-allen-Gassen aus dem Silicon Valley posaunt heraus, dass die Menschheit unterzugehen drohe und die Maschinen die Macht übernehmen könnten. Schölkopf setzt ein schmales Lächeln auf, er weiß zu viel über Künstliche Intelligenz (KI), um vorschnell aus der Hüfte zu schießen. „Schrittweise werden immer mehr Dinge von Maschinen übernommen werden – in 50 Jahren wird es normal sein, dass medizinische Diagnosen nicht mehr von Menschen allein gestellt werden.“

Ein leidenschaftlicher Forscher

Im Laufe seiner Karriere hat Bernhard Schölkopf miterlebt, wie sich die Grenzen dessen, was Maschinen können, immer weiter verschoben haben. „Früher dachten wir, sobald Künstliche Intelligenz einen Schachgroßmeister schlägt, ist das Ziel erreicht.“ Inzwischen haben Menschen gegen ihre maschinellen Gegner keine Chance mehr: Weder im Schach, noch beim asiatischen Brettspiel Go. Auch beim Poker hat der Mensch das schlechtere Blatt. Schölkopf denkt viel darüber nach, wie die Welt funktionieren wird, in der seine drei Kinder als Erwachsene leben werden. „In der Schule werden Fremdsprachen eine geringere Bedeutung haben. Maschinelle Übersetzungsprogramme sind heute schon unglaublich gut.“

Der Forscher blickt hinaus in den Regen, er erzählt davon, wie er als Student von seinem Professor für theoretische Physik in das Max-Planck-Haus zu einer Konferenz über die Allgemeine Relativitätstheorie eingeladen wurde. „Ich bin hingegangen und habe dort zum ersten Mal erlebt, wie Wissenschaftler miteinander über die großen Themen der Kosmologie diskutieren.“ Das Feuer war in ihm entfacht. Heute steht Bernhard Schölkopf selbst mit an der Spitze eines Forschungszweigs, auf den die Öffentlichkeit schaut. Wer künftig mit Spitzentechnik erfolgreich sein will, kommt an Künstlicher Intelligenz nicht vorbei.

Wegen Schölkopf kommen andere begabte Forscher nach Tübingen

Baden-Württemberg will mit aller Macht mitspielen. Sollte das Land in diesem Punkt den Anschluss verlieren, verwandeln sich die Käpsele von heute in die Bergarbeiter von morgen. In Auslaufmodelle. Im Dezember 2016 hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Cyber Valley mit aus der Taufe gehoben. In der Region Stuttgart-Tübingen vernetzen sich dabei Forschungsinstitute mit Konzernen wie Daimler, Bosch und Porsche. Als Kretschmann im Neuen Schloss sagte, „wir wollen verhindern, dass die zweite digitale Revolution an Europa vorbeigeht“, da stand auch der Tübinger Forscher an seiner Seite. Wissenschaftler seines Formats ziehen die begabtesten Nachwuchsforscher an. Kleine Späne richten sich an einem starken Magneten aus. Wer den Namen Schölkopf mit seinem Lebenslauf verbinden kann, besitzt einen Karrierebeschleuniger.

Das Cyber Valley soll das Zeichen eines neuen Aufbruchs werden. Unweit des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme wächst ein Neubau empor – das geplante Forschungszentrum des US-Technologieriesen Amazon zeigt, dass die Amerikaner die Idee des schwäbischen Valley ernst nehmen, vor allem die Grundlagenforschung, die Schölkopf und seine Kollegen dort betreiben. Der Technologie-Riese gibt Geld, aber er profitiert auch: Amazon erfährt so zuerst, wenn sich die Forschung die Tür aufstößt für neue Geschäftsfelder. Wo die einen dabei Chancen wittern, fürchten die anderen Risiken. Wenn intelligente Kameras in U-Bahnhöfen Gesichter erkennen und mögliche Straftäter an Behörden melden, arbeitet KI-Technik im Hintergrund.

Mit Blick auf die Ängste vor dem Überwachungsstaat sagt Schölkopf: „Manche sagen, man solle einfach nichts tun, von dem man nicht will, dass es in der Öffentlichkeit gesehen wird – aber diese Sichtweise halte ich für naiv. Deutschland muss große Anstrengungen unternehmen, diese Revolution mitzugestalten – auch weil so unsere Wertvorstellungen mit einfließen.“

Mensch und Maschine – eine komplizierte Angelegenheit

Es bleibt kompliziert zwischen Mensch und Maschine – und nicht alle Zukunftsperspektiven sind so vielversprechend wie jene, dass der Mensch eines Tages auf der Autobahn Zeitung liest, während das Auto selbstständig überholt. „Wir Menschen nehmen uns selbst als Zentrum des Universums wahr“, sagt Bernhard Schölkopf und streicht über den Flügel. „Mittelfristig werden wir ein bisschen bescheidener sein.“