Preisgekrönter Nachkriegsbau Glamouröse Stadtwohnung im Stil der 50er Jahre

Arnold/Werner Architekten verwandelten eine triste Wohnung aus der Nachkriegszeit in ein Zuhause mit großzügiger Raumaufteilung. Die Bildergalerie bietet weitere Einblicke in das preisgekrönte Innenarchitektur-Projekt. Foto: Boo Yeah

Von wegen Nachkriegsmief: So farbenfroh und luftig kann eine Wohnung aus den 50ern sein. Besuch in einer schicken Wohnung für Vater und Sohn in München.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

München - Der stilbewusste Städter von heute lebt gern im Altbau mit hohen Decken oder in einer zum Loft umgebauten ehemaligen Fabrikhalle. Nachkriegsbauten mit ihren oft dünnen Wänden, kleinen Bädern und Küchen zählen nicht unbedingt zu den begehrtesten Objekten. Aber was tun, wenn der Immobilienmarkt in Großstädten wie Hamburg, Stuttgart, München kaum mehr Bezahlbares, geschweige denn mit Stuck oder industriellem Charme, hergibt? Mut aufbringen, vermeintlich Spießiges wie eine Wohnung aus den 50ern neu zu denken.

 

Umbau einer tristen Nachkriegswohnung

„Altbau wäre schön gewesen“, sagt auch der Bauingenieur Tobias Lutzenberger, der in München eine Wohnung suchte. „Aber für mich war entscheidend, dass das Objekt in Schwabing liegt, weil mein Sohn dort in die Schule geht. Und dass es ein Dachgeschoss ist, weil ich ein bisschen geräuschempfindlich bin.“

Die Besichtigung einer Nachkriegswohnung im Münchner Stadtteil Schwabing sah dann so aus: schmaler Flur, unterschiedliche Fliesen in den Räumen, dunkle Zimmer, eine Art Hühnerleiter-Treppe, die zum Dachgeschoss führt. Etwas trist.

Fantasiebegabte sind hier klar im Vorteil, Menschen wie der Architekt Sascha Arnold. Er hat selbst vor einigen Jahren eine Nachkriegswohnung saniert und bewohnt und Auszeichnungen dafür erhalten. Diesen Architekten hatte der Käufer in spe bei der Besichtigung der zweigeschossigen Wohnung in einem schmucklosen Nachkriegshaus an seiner Seite.

„Die Wohnung passt“, sagte der Architekt. Und ja, passt – jetzt. Der Bauherr bestätigt es: „Eigentlich schätze ich häufigeren Tapetenwechsel, aber hier fühle ich mich sehr wohl. Es würde mir schwerfallen, wieder auszuziehen.“ Man glaubt ihm aufs Wort. Auch die Jury des Preises für Innenarchitektur, die dem Projekt von Sascha Arnold und Steffen Werner eine von vier Auszeichnungen des „Best of Interior“-Preises verliehen hat, lobte: „Das Team von Arnold/Werner denkt das offene Wohnen hier mal anders.“

Eine knallige Treppenskulptur als Hingucker

Bis auf die Außenmauern und tragenden Wände blieb kaum ein Stein auf dem anderen, der Boden bekam einen neuen Estrich. Wände, sogar Decken wurden während des sechsmonatigen Umbaus im Jahr 2018 herausgenommen, neue Fenster eingebaut.

Im Zentrum der 120-Quadratmeter-Wohnung steht nun die Verbindung der zwei Geschosse: die Treppe. Präziser: die kirschrote Treppenskulptur. „Ich wusste, eine große Geste musste her“, sagt Sascha Arnold. Die Stufen verstecken sich also, Schreinerarbeit vom Feinsten, hinter der farblich knalligen Holzskulptur. „Der harmonische Schwung der Treppenverkleidung ist ein Zitat der Nierentisch-Optik“, sagt Sascha Arnold. Und sie ist klug konzipiert: Die Skulptur funktioniert zugleich als Raumtrenner.

Wer nun die Wohnung betritt, sieht links den Wohnbereich mit dem kleinen Balkon. Rechts schaut man von der offenen Küche – mit schwarz lackierten, teils verspiegelten und dadurch dramatisch glamourös wirkenden Deckenbalken – bis in den Essbereich hinein.

Der wirkt mit gut sechs Meter Höhe besonders luftig. „Das Erste, was Sascha bei der Besichtigung sagte, war: ,Die Decke muss raus, damit in der Wohnung eine Großzügigkeit entsteht‘“, sagt Tobias Lutzenberger. „Das schätze ich an ihm, dass er immer wieder besondere Ideen und ein hervorragendes Raumgefühl hat.“

Minimalistisches Bad

Also wurde die Betondecke entfernt und der Statik wegen ein neuer Ringanker an der Wand betoniert. Jetzt ist hier auch ausreichend Platz für die Zeichnungen und Gemälde, die der Hausherr sammelt.

Das Bad ist minimalistisch: schwarze Kacheln, weißer Waschtisch vom Designer Konstantin Grcic für Laufen, Armaturen in mattem Schwarz von Dornbracht, schnörkellose Messingleuchten von der Münchner Manufaktur Winhart. „Gerade diese zurückhaltende Einfachheit im Beleuchtungskonzept finde ich sehr gelungen“, sagt Tobias Lutzenberger.

Hochwertige Materialien

Wichtig, gerade bei kleineren Objekten, erklärt der Architekt, „sind die Details, die Materialien“. Sprich: Einbauschränke vom Schreiner im Schlaf- und Kinderzimmer (mit Blick auf den Olympiaturm) schaffen Stauraum; gedeckte Wandfarben wie „Off Black“ von Farrow & Ball sorgen für Behaglichkeit im Schlafzimmer; über dem Esstisch hängt die „String“ von Flos, eine Pendelleuchte, entworfen von Michael Anastassiades, dem soeben auf der Wohnmesse Maison & Objet in Paris gekürten Designer des Jahres 2020; gebeizte Eiche auf dem Fußboden schafft eine warme Atmosphäre. Dazu, Stichwort Materialmix, passt Feines wie der Messing-Handlauf an der Treppe.

Nachhaltigkeit ist den Architekten wichtig

Die in einem denkmalgeschützten Büro in München residierenden Architekten Sascha Arnold und Steffen Werner, sie sind Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, legen Wert auf Nachhaltigkeit und die Verwendung heimischer Materialien.

Auch ihr mit dem German Design Award 2019 ausgezeichnetes, helles und offen gestaltetes Büro mit den rund 26 festen und freien Mitarbeiterin in einem denkmalgeschützten Altbau in der Isabellastraße etwa beherbergt ein Café. „Es ist wohl das Café mit den kürzesten Öffnungszeiten der Stadt“, wie Sascha Arnold sagt, während er einen hervorragenden Espresso braut. In Erdgeschossen der Altbauten in der Gegend sind häufig Büros untergebracht. „Wir wollten das Quartier beleben und haben die Ecke des Hauses mit dem kleinen Café geöffnet.“ Von acht bis 10 Uhr kann man hier hervorragenden Kaffee zu seinem Frühstücksgebäck bekommen.

Salbeifarbene Küche vom Schreiner

Bei einem Umbau des Ferienhauses Urfeld in Bayern arbeitete Sascha Arnold mit dem lokalen Zimmerer, dämmte mit Holzwolle, „und wir verwendeten so viel heimische Weißtanne wie möglich.“ Das Haus schaffte es unter die vier Finalisten des renommierten internationalen Interior-Design-Wettbewerbs „Best of Year 2019“ im Bereich Country-House.

Die Architekten denken auch die zeitliche und räumliche Umgebung mit. In der Wohnung von Tobias Lutzenberger wurden gut erhaltene originale Elemente aus den 50ern, wie das Fensterbrett, aufgearbeitet und betont. „Wir zitieren zeittypisches Material wie Linoleum“, sagt Sascha Arnold. Das findet sich beispielsweise an den Fronten der salbeifarbenen Küche vom Schreiner. Midcentury-Charme verströmt ein Sesselklassiker von dem Designer Jens Risom.

Käme hierzulande ein Produzent auf die Idee, aus der US-Fernsehserie „Mad Men“ – die in der fancy Werbewelt der Nachkriegszeit spielt – ein Remake zu machen, böte sich diese Wohnung durchaus an, um den deutschen Don Draper hier einziehen zu lassen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Architektur Wohnung Umbau München