Premiere am Schauspiel Stuttgart Petras zeigt „Pfisters Mühle“

Von Thomas Rothschild 

Der Schauspielintendant Armin Petras zeigt auf der Bühne „Pfisters Mühle“. Es geht um eine Ökokatastrophe vor mehr als hundert Jahren – und die Folgen für uns heute.

Peter Kurth (links) spielt im Stück „Pfisters Mühle“ am Staatstheater Stuttgart einen alten Müller in der düsteren Bühneninstallatiuon von Martin Eder. Foto: Staatstheater
Peter Kurth (links) spielt im Stück „Pfisters Mühle“ am Staatstheater Stuttgart einen alten Müller in der düsteren Bühneninstallatiuon von Martin Eder. Foto: Staatstheater

Stuttgart - Stuttgart - Das ist der Horrortraum jedes Theatermachers: Einer der Darsteller bricht sich am Tag vor der Premiere das Bein. Am Stuttgarter Schauspiel ist just das passiert. Wolfgang Michalek hatte einen Bühnenunfall und musste ins Krankenhaus gebracht werden. So kurzfristig war seine Rolle nicht mehr neu zu besetzen. Also sprang der Regisseur Armin Petras selbst für ihn ein. „Pfisters Mühle“ ging planmäßig über die Bretter. Der Abend – nehmen wir das vorweg – polarisierte wieder einmal das Stuttgarter Publikum. Einige unüberhörbare Buhs am Ende wurden mit heftigem Applaus beantwortet. Vielleicht traf in dieser Reaktion das Alte auf das Neue. Wenn dem so wäre, entspräche das genau dem Inhalt von Wilhelm Raabes „Sommerferienheft“ – so die Gattungsbezeichnung im Untertitel –, auf dem die Inszenierung beruht.

Nach Thomas Mann („Zauberberg“) jetzt also Raabe und demnächst Goethe – nein, nicht der Dramatiker dieses Namens, sondern der Erzähler („Die Leidern des jungen Werther“): allmählich macht das Stuttgarter Schauspiel aus seinen Zuschauern beschlagene Kenner der deutschen Belletristik oder vielmehr dessen, was davon auf dem Weg ins Theater übrig geblieben ist. Fehlt noch Hermann Hesse. Der folgt im Juli: „Unterm Rad“.

„Pfisters Mühle“ von Wilhelm Raabe ist 1884, zwei Jahre nach Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“, entstanden. Beiden, Raabe wie Ibsen, stinkt, durchaus im wörtlichen Sinne, die Verseuchung des einstmals sauberen Wassers. Ein mittlerweile vertrautes Thema, das freilich damals, in der Zeit der Hochindustrialisierung in Deutschland, gerade erst auftauchte. Nach der Aktualität braucht man nicht lange zu fahnden. Fragen der Umweltzerstörung im Allgemeinen und der Wasserverschmutzung im Besonderen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Und der Gegensatz zwischen Profitinteressen und Naturschutz hat sich nicht verringert.

Unterm Weihnachtsbaum stinkt die Gülle

Ibsen geht es allerdings eher um die Versuche einer korrupten Politik und der Presse, den Skandal zu verheimlichen, während Raabe das ökologische Thema selbst interessiert. Die verklärte Vergangenheit repräsentiert Pfisters Mühle. Ihr steht, real und symbolisch, die Zuckerfabrik in dem Fantasieort Krickerode gegenüber, die dafür verantwortlich ist, dass der Bach zu einer stinkenden Kloake geworden ist und die Gäste der als Ausflugslokal zuvor beliebten Mühle ausbleiben. Zu den schönsten Szenen des Abends gehört jene, in der das Ensemble um die Weihnachtstafel sitzt und mit diversen Gesten den eindringenden Gestank sichtbar macht.

Wilhelm Raabe lässt einen Ich-Erzähler, Eberhard Pfister, seine Erinnerungen an diese Vergangenheit niederschreiben. Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen einem erzählenden und einem erzählten Ich. Für seine Theaterfassung hat Armin Petras daraus zwei Figuren gemacht, den alten Eberhard, den er bei der Premiere, stellvertretend für Wolfgang Michalek und mit einem Stöpsel im Ohr, über den ihm ein Helfer den Text einsagen konnte, selbst verkörpert hat, und den jungen Eberhard, den Sebastian Wendelin spielt.

Die Gegenfigur zum alten Eberhard Pfister ist A. A. Asche, der, von Jugend auf mit den Pfisters befreundet, als Wissenschaftler den Interessen des Kapitals dient und schließlich selbst zum Unternehmer wird. Holger Stockhaus macht daraus, wie schon unlängst in „Staub“, eine virtuose Nummer grotesken Körpertheaters, die ergänzt wird durch ein nicht weniger virtuoses, die Rolle sprengendes Solo von Michael Klammer als Dichterfreund Lippoldes mit Zweispitz auf dem Kopf im Kampf mit riesigen toten Fischen, die sich zuvor über die Bühne wälzen.