Der Schauspielintendant Armin Petras zeigt auf der Bühne „Pfisters Mühle“. Es geht um eine Ökokatastrophe vor mehr als hundert Jahren – und die Folgen für uns heute.

Stuttgart - Stuttgart - Das ist der Horrortraum jedes Theatermachers: Einer der Darsteller bricht sich am Tag vor der Premiere das Bein. Am Stuttgarter Schauspiel ist just das passiert. Wolfgang Michalek hatte einen Bühnenunfall und musste ins Krankenhaus gebracht werden. So kurzfristig war seine Rolle nicht mehr neu zu besetzen. Also sprang der Regisseur Armin Petras selbst für ihn ein. „Pfisters Mühle“ ging planmäßig über die Bretter. Der Abend – nehmen wir das vorweg – polarisierte wieder einmal das Stuttgarter Publikum. Einige unüberhörbare Buhs am Ende wurden mit heftigem Applaus beantwortet. Vielleicht traf in dieser Reaktion das Alte auf das Neue. Wenn dem so wäre, entspräche das genau dem Inhalt von Wilhelm Raabes „Sommerferienheft“ – so die Gattungsbezeichnung im Untertitel –, auf dem die Inszenierung beruht.

Nach Thomas Mann („Zauberberg“) jetzt also Raabe und demnächst Goethe – nein, nicht der Dramatiker dieses Namens, sondern der Erzähler („Die Leidern des jungen Werther“): allmählich macht das Stuttgarter Schauspiel aus seinen Zuschauern beschlagene Kenner der deutschen Belletristik oder vielmehr dessen, was davon auf dem Weg ins Theater übrig geblieben ist. Fehlt noch Hermann Hesse. Der folgt im Juli: „Unterm Rad“.

„Pfisters Mühle“ von Wilhelm Raabe ist 1884, zwei Jahre nach Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“, entstanden. Beiden, Raabe wie Ibsen, stinkt, durchaus im wörtlichen Sinne, die Verseuchung des einstmals sauberen Wassers. Ein mittlerweile vertrautes Thema, das freilich damals, in der Zeit der Hochindustrialisierung in Deutschland, gerade erst auftauchte. Nach der Aktualität braucht man nicht lange zu fahnden. Fragen der Umweltzerstörung im Allgemeinen und der Wasserverschmutzung im Besonderen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Und der Gegensatz zwischen Profitinteressen und Naturschutz hat sich nicht verringert.

Unterm Weihnachtsbaum stinkt die Gülle

Ibsen geht es allerdings eher um die Versuche einer korrupten Politik und der Presse, den Skandal zu verheimlichen, während Raabe das ökologische Thema selbst interessiert. Die verklärte Vergangenheit repräsentiert Pfisters Mühle. Ihr steht, real und symbolisch, die Zuckerfabrik in dem Fantasieort Krickerode gegenüber, die dafür verantwortlich ist, dass der Bach zu einer stinkenden Kloake geworden ist und die Gäste der als Ausflugslokal zuvor beliebten Mühle ausbleiben. Zu den schönsten Szenen des Abends gehört jene, in der das Ensemble um die Weihnachtstafel sitzt und mit diversen Gesten den eindringenden Gestank sichtbar macht.

Wilhelm Raabe lässt einen Ich-Erzähler, Eberhard Pfister, seine Erinnerungen an diese Vergangenheit niederschreiben. Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen einem erzählenden und einem erzählten Ich. Für seine Theaterfassung hat Armin Petras daraus zwei Figuren gemacht, den alten Eberhard, den er bei der Premiere, stellvertretend für Wolfgang Michalek und mit einem Stöpsel im Ohr, über den ihm ein Helfer den Text einsagen konnte, selbst verkörpert hat, und den jungen Eberhard, den Sebastian Wendelin spielt.

Die Gegenfigur zum alten Eberhard Pfister ist A. A. Asche, der, von Jugend auf mit den Pfisters befreundet, als Wissenschaftler den Interessen des Kapitals dient und schließlich selbst zum Unternehmer wird. Holger Stockhaus macht daraus, wie schon unlängst in „Staub“, eine virtuose Nummer grotesken Körpertheaters, die ergänzt wird durch ein nicht weniger virtuoses, die Rolle sprengendes Solo von Michael Klammer als Dichterfreund Lippoldes mit Zweispitz auf dem Kopf im Kampf mit riesigen toten Fischen, die sich zuvor über die Bühne wälzen.

Bezüge zur Gegenwart zieht jeder für sich selbst

Den Vater Pfister „gibt“, wie man früher im Theaterjargon sagte, Peter Kurth, und er gibt ihn tatsächlich. Er weiß, dass weniger auf der Bühne mehr sein kann. Meist schaut er schweigsam und regungslos auf die anderen, auf den plappernden Ascher zum Beispiel, böse über das, was da passiert, aber resigniert. Dabei gewinnt er am Ende mit Hilfe des Anwalts Riechei (Manolo Bertling) sogar den Prozess gegen die Zuckerfabrik. Svenja Liesau, Maja Beckmann und Julischka Eichel in den Frauenrollen überzeugen derweil durch hohe Konzentration und Komik.

Auf eine platte Verlegung in die Gegenwart, die sich bei dem Thema anböte, hat Petras verzichtet. Die über weite Strecken frontal zum Publikum sprechenden Darsteller tragen bis zur Pause mehr oder weniger historische Kostüme (Dinah Ehm). Die Inszenierung nähert sie der Karikatur an. Armin Petras, das wissen wir mittlerweile, ist kein Verfechter einer Identifikationsästhetik. Seine Figuren scheinen, ganz im Sinne von Brecht, zu sagen: „Seht mal, ich führe euch vor, wie ein Typus sich bewegt, verhält, wie er redet.“ Für Einfühlung ist da kein Platz.

Bis zur Pause wird auf einer fast leeren Bühne gespielt. Ein Bett, ein Schaukelpferd, im Hintergrund eine Platte auf zwei großen Reisekoffern mit einer Tischlampe: Hier sitzt zeitweilig mit einem Federkiel der sich erinnernde alte Eberhard. In der Rückwand sieht man einen kreisrunden, von hinten beleuchteten Ausschnitt mit Lamellen, die an einen Ventilator oder eine Turbine erinnern.

Nach der Pause noch zehn Minuten Kunst

Der zweite Teil nach der Pause, der nur wenige Minuten währt, gehört dem Bühnenbildner und Künstler Martin Eder, der auch für die Musik verantwortlich zeichnet. Er hat eine Installation entworfen, die sich auch auf jeder Ausstellung gut machte, eine Endzeitvision: ein Autowrack, umhüllt von viel Kunstnebel, einen überdimensionalen Lumpenballen, der im Gegenlicht über der mit Wasser überfluteten Bühne langsam hoch gezogen wird. Dann, nach einer kurzen Blendung des Publikums durch Scheinwerfer: heutige Menschen, die unbewegt knöcheltief im Wasser stehen. Aus dem Orchestergraben kriechen, mühsam und erschöpft, Figuren aus dem vorangegangenen Spiel. Dazu ein Text der Hamburger Rockgruppe Tocotronic: „Drüben auf dem Hügel möcht ich sein.“ Irgendwie scheint Petras Wilhelm Raabe nicht so recht zu trauen. Am Ende wird es immer wieder Pop.

Mit der Öffnung des Theaters für den Zwischenbereich der Installation, wie man sie schon vor Jahrzehnten bei Wolf Vostell oder Duane Hanson sehen konnte, und diversen Einlagen nähert sich Armin Petras einmal mehr dem Varieté, der Nummernrevue. Der bedeutende russische Schriftsteller und Literaturtheoretiker Viktor Schklowski schrieb einmal: „Das Lebendigste in der zeitgenössischen Kunst sind der Aufsatzband und das Varietétheater, das auf die einzelnen Nummern, nicht auf deren Verbindendes setzt.“ Das war 1923. Ist das nun neu wie eine Zuckerfabrik oder alt wie eine Mühle?

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