Der Rest sind Worte, die Bilder sein wollen. Mit langen Regieanweisungen beschwört Richard Wagner am Schluss der „Götterdämmerung“ das große Weltuntergangskino, während das Orchester tobt, braust, leuchtet, glitzert – und im Diminuendo des Des-Dur-Schlussakkords eben doch in kein Nichts, sondern ins Utopische verklingt. Peter Konwitschny ließ im Jahr 2000 zu dem monumental wortlosen Bilderfinale den Vorhang schließen, den Regietext als Abspann projizieren: Der Film ist aus, Utopien sind bilderlos, oder sie sind keine.
Utopie nah am Traumkitsch
Auf diese letzte Szene des nunmehr vorletzten Stuttgarter „Rings“ scheint Marco Stormans Inszenierung der „Götterdämmerung“ – der Abschluss des neuen Wagner-Zyklus im Opernhaus – zu verweisen. Auch bei Storman sinkt am Ende die Nacht der Utopie als Raum der Frei- und Offenheit hernieder, bleibt aber doch nicht ganz menschenleer. Drahtzieher Hagen wird noch schnell von der Weltesche erschlagen, während er im Rheinrinnsal nach dem verlorenen Gold schürft. Eine Mädchenschar mit Taschenlampen entert die Bühne, wirft Hoffnungsschimmer ins Dunkel – und prompt wird die Utopie nah am Traumkitsch gebaut.
Aus Winnetou wird Siegfried
Indes hat Storman seine Erzählung von der Macht der Vor-, Nach- und Abbilder und der Befreiung von ihrer Tyrannei konsequent und über weite Strecken in detailscharfer Figurenzeichnung durchdekliniert. Die Nornen sind hier nicht Herrscherinnen über das Schicksal, nur über einen Bildervorrat, den sie wie alte Klamotten aus dem Schrank ziehen. Auf dass die Gesellschaft sich und ihre kollektiven Imaginationen zumüllt mit einer Bilderbuchmythenwelt: straff gespannte Fin-de-siècle-Männerakte, muskulöse Pathosformeln, herbeizitiert aus dem Oeuvre von Karl-May-Illustrator Sascha Schneider („Winnetous Verklärung“ wird zu „Siegfrieds Verklärung“). Die Ikonografie machterhaltender Erzählungen treibt den Ölschinken die Mehrdeutigkeit aus, gaukelt ein statisches Weltbild vor, das bereits in die Brüche ging. Das Bildprogramm Stormans und des Bühnenbildners Demian Wohler korrespondiert mit einer Musik, die in sisyphusartiger Absurdität ihre allwissenden Leitmotive am Steilhang der konträren Botschaft abmüht: „Zu End ewiges Wissen!“
Storman deutet die „Götterdämmerung“ als Drama des Postfaktischen: Bilder statt Wirklichkeit und Erzählungen statt Wahrheit. Bilder wie Erzählungen – die episch wuchernden Retrospektiven des Stücks – werden manipuliert vom Willen zur Macht oder der Angst vor ihrem Verlust. Obermanipulator Hagen bringt im Ringen um den Ring, also die Weltherrschaft, nicht nur den verblendeten Siegfried dazu, seine Braut Brünnhilde mit Gunther zu verkuppeln, dem schwächlichen Chef im Gibichungenstaat. Bei Storman inszeniert Hagen gleich noch den Staatsstreich hinzu, Wagners Chormannen ruft er zum Sturm aufs Capitol. Hagen ist populistischer Trumpeter, aber auch unglücklicher Intellektueller, dem Vater Alberich als nervöse Vaterimago im Albtraum erscheint: Patrick Zielke singt das Zwiegespräch als Dialog mit sich selbst – wie seine ganze Partie in hochauflösender psychologischer Präzision, brisant und überragend: die eigentlichen Hauptrolle.
Totemsäule, Minarett, Betonkirchturm
Götter sind in dieser Bilderdämmerung nur noch als sakrale Architekturzeichen präsent. Totempfahl, antike Tempelsäulen, Minarett, Rundbogen und Betonkirchturm: Wohlers Bühne versammelt Transzendenzhochbauten, die nur noch säkularisiert zur Weihe taugen – des Gibichungenparlaments, wo die Mannenhorde wiederum einschlägige Accessoires als Traditionsfetische trägt, von Hornochsen- und Schamanenschädeln bis zum imperialen Lorbeerkranz. Religiöser Eklektizismus als überkommene staatstragende Hohlform: Für Storman dämmert mit den fernen Göttern und den nahen Bildern auch die demokratische Institution. Sprechertribüne und Parlamentsbänke sind am Ende von Tüchern verdeckt wie die Ölschinken.
Allerdings entgeht die Regie nicht der Dialektik der Erzählung vom Ende der Erzählungen, die selbst zur Erzählung wird. Je bündiger das Konzept, desto dürftiger das Flickwerk, wo es nicht aufgeht, namentlich bei der Figur des Siegfried. Er ist grinsender Fuzzi, Clown und Klon der Gunther-Karikatur (getönte Brille, mattorangefarbene Hochwasserhose, eine Mischung aus Elton John und Wohlstandsrentner, aber grandios kantig gesungen von Shigeo Ishino). Siegfried fehlt die widerständige Spontaneität, ohne die die Rolle kaputt und ihre Fallhöhe bei null ist. Daniel Kirch singt robust, aber etwas mehr Gesang und etwas weniger Tonhöhenmelodram hätten es schon sein dürfen.
Tödlicher Identitätsschock
Die Desillusion naht in Gestalt der Rheintöchter, hier die nächste Nornengeneration im selben Kampffliegerinnendress (Kostüme: Sara Schwartz). Statt der auszulöschenden Bilder ziehen sie nun Spiegel aus dem Kasten, die sie Siegfried vorhalten – ein Identitätsschock mit tödlichen Folgen. Nur Checkerin Brünnhilde dämmert, was Sache ist, bis sie – ein letztes Walküren-Erinnerungsbild – mit dem toten Siegfried auf dem Einhornmonument ins Off reitet. Und mit ihr Christiane Libors Gestaltungskunst in der Zurückhaltung, aber auch allzu tremolierende, unscharf fokussierende Tongebung im Forte samt eher geschrienem als gesungenem hohen C. Grandios Stine Marie Fischers helle, zur Dramatik fähige Waltraute und Esther Dierkes’ Gutrune: ein hocken gebliebenes Mädchen mit Brezelfrisur und hysterischem Lachen, von der Sängerin zur Fallstudie ausgefeilt.
Fulminantes Dirigat
Fulminant die Dynamik und Transparenz, mit der Dirigent Cornelius Meister und das Staatsorchester den „Ring“ runden. Ausdruck bedeutet hier nicht Überdruck, sondern erregende Balance von Struktur und Farbe. Die paar klappernden Akkorde ändern daran nichts: Hier kündigt sich eine neue Wagner-Sicht an – die Emphase der Klarheit.
Termine
Nächste Vorstellungen
12. und 19. Februar, 12. März, 10. April.
Kompletter „Ring“
Zwei Aufführungen sind geplant. Erster Zyklus: 3. März („Rheingold“), 4. März („Walküre“), 10. März („Siegfried“), 12. März („Götterdämmerung“). Zweiter Zyklus: 5., 6., 8. und 10. April.