Stuttgart/Berlin - Eigentlich war die Idee, dass die wichtige Stromautobahn Suedlink fertig ist, wenn in Baden-Württemberg das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht. Zwischenzeitlich wurde die Fertigstellung des Projekts für 2026 geplant – doch nun verzögert sich der Start noch weiter. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.
Wann soll die Stromautobahn fertig sein?
Nach neuesten Aussagen peilen die Netzbetreiber für die Inbetriebnahme wohl das Jahr 2028 an – und auch bei diesem Datum stehe ein „kleines Fragezeichen“, wie Netzagentur-Präsident Jochen Homann nun der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte. „Wir gehen davon aus, dass wir mit Suedlink bis Ende 2028 Windstrom von Nord- nach Süddeutschland transportieren können“, erklärte auch ein Sprecher von Transnet BW, einem der beiden Übertragungsnetzbetreiber, die Suedlink umsetzen, der Zeitung. Dabei handele es sich um einen „weiterhin ambitionierten Zeitplan“, der nach der aktuellen Planung aber realistischerweise zu erreichen sei.
Aus dem baden-württembergischen Umweltministerium heißt es, das nun genannte Datum beruhe auf dem Einpreisen von Risiken, die bisher bei der Prognose noch nicht berücksichtigt worden waren. Eine Verzögerung im Planungs- und Genehmigungsprozess habe sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet, sagte die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) unserer Zeitung. Es sei aber „bedauerlich“, dass Suedlink nur schleppend vorankomme. „Suedlink ist für die klimaneutrale Stromversorgung des Landes wichtig.“
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Was ist Suedlink eigentlich genau?
Suedlink ist eine von mehreren geplanten Stromautobahnen in Deutschland, genauer: eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Strecke. Die Übertragungsstrecke soll auf rund 700 Kilometern zwischen Brunsbüttel in Schleswig-Holstein und Leingarten-Großgartach in der Nähe von Heilbronn im Südwesten verlaufen. Ein anderer Strang wird Strom nach Bayern liefern. Mit einer Übertragungskapazität von zwei Gigawatt soll Suedlink nach Angaben des Umweltministerium Stuttgarts „ein Eckpfeiler für den Transport von Windstrom aus Norddeutschland nach Baden-Württemberg darstellen“. Die Übertragungsnetzbetreiber Tennet und TransnetBW – die den Korridor planen – hatten das Investitionsvolumen für Suedlink auf rund zehn Milliarden Euro beziffert.
Warum kommt es nun zu Verzögerungen?
Schon Mitte des vergangenen Jahres hatte Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, von Verzögerungen gesprochen. Grund war zunächst, dass die Politik nach Bürgerprotesten entschieden hatte, die Übertragungsstrecke mit Erdkabeln statt mit Freileitungen an Strommasten zu bauen. Dies hatte laut einer Sprecherin der Bundesnetzagentur eine Neuaufsetzung der Planung zur Folge. Zudem nennt sie etwa die aufwendige Prüfung von verschiedenen Alternativen sowie den Fachkräftemangel als Gründe. Vom Unternehmen Transnet BW heißt es, „ein Grund für zahlreiche Verzögerungen sind überfrachtete Planungs- und Genehmigungsverfahren“. Erschwerend kämen derzeit noch mit Corona verbundene Einschränkungen in den Arbeitsabläufen sowie bei Vorort-Untersuchungen hinzu. Transnet BW fordert, Verfahren zu entschlacken und personelle Kapazitäten in den Genehmigungsbehörden zu erhöhen. Ähnliche Forderungen kommen aus dem Landesumweltministerium: Die Bundesregierung sollte Maßnahmen ergreifen, um die Komplexität der Verfahren „wo es geht“ zu verringern.
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Wie soll die Stromversorgung im Südwesten künftig gewährleistet werden – gerade nach Abschalten der Atomkraftwerke?
Eine „konkrete Gefahr für die Versorgungssicherheit“ sieht die Bundesnetzagentur nicht. Die Stromversorgung müsse und werde „langfristig“ auf erneuerbare Energien umgestellt werden, heißt es aus dem Umweltministerium. Die Erzeugung müsse in den kommenden Jahren deutlich weiter gesteigert werden. Unter anderem dadurch könnten wegfallende Strommengen ersetzt werden. Auch Maßnahmen zur Energieeffizienz seien wichtig. „Darüber hinaus werden voraussichtlich auch konventionelle Stromerzeugungsanlagen eine höhere Auslastung erfahren“, also etwa Gaskraftwerke, wie sie beispielsweise an verschiedenen EnBW-Standorten im Land geplant seien. Und: „Der Wegfall von Kernenergie muss kurzfristig über steigende Stromimporte kompensiert werden, vor allem aus anderen deutschen Bundesländern sowie aus einigen Anrainerstaaten“, sagte Umweltministerin Walker.
Woher genau wird der importierte Strom dann kommen?
Baden-Württemberg sei schon immer ein Stromimportland, heißt es aus dem Umweltministerium in Stuttgart. Zur genauen Zusammensetzung des importierten Stroms könne aber keine Aussage getroffen werden, es fehle dazu die Datengrundlage. Insgesamt exportiert Deutschland derzeit mehr Strom, als importiert wird.
Sind „Blackouts“ realistisch – also Situationen, in denen der Strom ausfällt?
„Die Energiewende führt nicht zu Risiken für die sichere Stromversorgung“, so eine Sprecherin des Landesumweltministeriums. Zur Sicherstellung der Stromversorgung seien in den vergangenen Jahren Absicherungsinstrumente wie die sogenannte Netzreserve aufgebaut worden, außerdem hätten die Netzbetreiber Maßnahmen für einen sicheren Betrieb der Stromnetze ergriffen. Solche Reservekapazitäten sind etwa flexible Gaskraftwerke.