Protest gegen Stuttgart 21 Der Absitzer aus Zelle fünf

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Mark Pollmann sitzt lieber ein, statt zu bezahlen. Am Sonntag ist der Stuttgarter Überzeugungstäter aus der Haft entlassen worden. Er bereue nichts, sagt der "Parkschützer" - die Zeit im Knast hat er zum Fasten genutzt.

Mark Pollmann beim Antritt seiner zehntägigen Haft am 25. Mai. Foto: Horst Rudel 3 Bilder
Mark Pollmann beim Antritt seiner zehntägigen Haft am 25. Mai. Foto: Horst Rudel

Rottenburg - Der Himmel über Rottenburg ist so verdeckt wie die Wachmänner hinter ihren Computern. Die Mauern, die ihre Wache umgeben, sind so grau, dass sie auch ohne Stacheldraht bedrohlich wirken. Das Tor, das in die Freiheit führt, ist so massiv, dass die schweren Jungs dahinter auch nicht mit Gewalt hindurch können. Knarrend rollte es zur Seite. Hervor tritt ein Mann in Jeans, Poloshirt und Turnschuhen. Um die Hüfte hängt ein Pullover, auf dem Rücken ein Sack, in den Armen eine Kiste voller Post. Mark Pollmann strahlt, als er die Justizvollzugsanstalt verlässt. Freunde holen ihn ab. Sie haben Kaffee mitgebracht und Sekt. Mark Pollmann saß zehn Tage im Knast. Vom Freitag vor Pfingsten bis zum Sonntag. „Ich fühle mich ziemlich erholt“, sagt er.

Ein Hausfriedensbruch hat den 42-Jährigen hinter Gitter gebracht. Am Abend des 26. Juli 2010 zieht Mark Pollmann mit einer Gruppe von Demonstranten von der 39. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 zum Nordflügel des Hauptbahnhofs, um gegen den Abriss zu protestieren. Wie die Gruppe in das Gebäude kommt, ist bis heute nicht ganz klar. Fakt ist, dass die Bahn etwas gegen den Besuch hat und deshalb einen Strafantrag stellt. Am 17. Februar 2011 wird Mark Pollmann zu zehn Tagessätzen à 35 Euro verurteilt. Dass er nicht daran denke, dem Staat auch nur einen Euro zu zahlen, teilt er bereits im Amtsgerichtssaal mit. Er werde seine Strafe absitzen. Pollmann fürchtet sich nicht vor der Einsamkeit. Einmal im Jahr geht er ins Kloster, zum Heilfasten. Er könne sich also in etwa vorstellen, wie es ist, Zeit in einer Zelle zu verbringen.

Eine Mahnwache zum Abschied

Am Tag, an dem der studierte Geograf zum Häftling wird, ist der Himmel klar, und die Sonne strahlt. Ausflugswetter. Auf dem Trog des Marktbrunnens in Rottenburg dampft Kaffee aus Pappbechern, Brezeln liegen zum Verzehr bereit, ein Mann verteilt Erdbeeren. Ein anderer hält ein Pappschild in die Luft, auf dem steht: „Wir alle sind Mark“. „Wer isch Mark,?“ fragt eine Passantin auf dem Rottenburger Marktplatz ihre Begleiterin. Die weiß es auch nicht. Aber es muss eine halbwegs bekannte Person sein. Ein Übertragungswagen des Rundfunks ist da, Fotografen und schreibende Journalisten. Alle warten auf den Mann aus Stuttgart, für den die Parkschützer vorübergehend zu Markschützern werden. Sie haben eine Mahnwache organisiert. An die 20 Mitstreiter sind gekommen. Alle finden es mutig, dass sich ihr Mark für seine Einstellung einsperren lässt. „Das ist Zivilcourage“, sagt eine Frau. Pollmann gibt Interviews. „Ich gehe mit erhobenem Haupt für zehn Tage ins Gefängnis, als Mahnung an den Staat“, sagt er, dann zieht der Zug los zur Justizvollzugsanstalt.

In Rottenburg sitzen zurzeit rund 550 Häftlinge. „Alles potenzielle Parkschützer“, geben die Markschützer ihrem Freund als Auftrag mit auf den Weg. Die meisten der Gefangenen sind wegen Diebstahl, Betrug, Unterschlagung oder anderen Eigentumsdelikten verurteilt. Auch drei Lebenslängliche sind dort. Mark Pollmann hat keine Angst. Er glaubt, dass er immer angemessen reagieren kann, „wie sonst auch“. Und er glaubt, dass er viel Zeit zum Lesen und Schreiben haben wird. An seinem Buch über Stuttgart – der schönsten Stadt, die er kennt. Pollmann hat die amerikanische und die deutsche Staatsbürgerschaft, er hat in New York gelebt, in São Paulo, Rio de Janeiro, in Düsseldorf und Tübingen. In Stuttgart fühlt er sich so daheim, dass er Mitglied im Kirchenchor wurde und Straßenbäume vor dem Verdursten rettete. Im heißen Sommer 2003, lange bevor er um die Bäume im Schlosspark kämpfte, versorgte er die in seiner Straße mit Wasser. „Wir sind auf Menschen wie Mark Pollmann angewiesen“, sagte die Stadt damals.

Zwölf Quadratmeter, Stockbett, Waschbecken

Hauptberuflich arbeitet der ehrenamtliche Baumschützer als selbstständiger Versicherungsfachmann und Finanzberater. Außerdem lässt er sich zum Heilpraktiker für Psychotherapie ausbilden. Seine Haft hat er extra in die Pfingstwoche gelegt. Dann sind auch viele seiner Kunden nicht da. Hafturlaub mal anders.

Die Zelle in Rottenburg ist etwa zwölf Quadratmeter groß. Ein Stockbett steht darin, ein Tisch, zwei Stühle, ein Fernseher, ein Waschbecken. Hinter einer nicht verschließbaren Türe befindet sich die Toilette. Auf dem Schrank drapiert der neue Insasse seine Bücher. „Die entzauberte Stadt“ hat er dabei, „Der Fremde“ und „Civil Disobedience“. Der Klassiker über zivilen Ungehorsam ist ein Abschiedsgeschenk. Mark Pollmann versteht sich hervorragend mit seinem Zellengenossen. Die beiden wischen täglich mit Wasser und Duschgel ihren Haftraum durch, unterhalten sich über politische Systeme und Weltreligionen. Mark Pollmann lernt von dem Mann mit algerischen Wurzeln das arabische Alphabet. Im Gegenzug gibt er ihm Papier und Stifte zum Zeichnen. „Er ist an dieser interessanten Nahtstelle zwischen Genie und Wahnsinn“, schreibt Pollmann in sein Knasttagebuch.

Rund 380 Verurteilte treten in Baden-Württemberg jeden Monat die sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe an. In Rottenburg sitzen aktuell etwa 60 solcher Häftlinge, die man eher aus den Protestzeiten gegen Pershing-Raketen in Mutlangen kennt, oder von Castor-Blockaden im Wendland. Mark Pollmann ist der einzige Stuttgart-21-Gegner, der im Gefängnis sitzt. In Rottenburg ist er auch der einzige Ersatzfreiheitssträfling, der nicht zahlen will. Die anderen können nicht. Der Stuttgarter Überzeugungstäter hätte auch gemeinnützige Arbeit leisten können. Doch das fand er absurd. „Das mache ich doch seit Jahren“, sagt er und meint sein Engagement gegen S 21. Mindestens 20 Stunden pro Woche sei er dafür im Einsatz, seit 2007. Der Geograf hält das Projekt für unvernünftig und gefährlich. Und er findet es ungerecht, dass diejenigen kriminalisiert würden, die vor den Risiken warnen. „Das kann ich nicht akzeptieren“, sagt er. Folgerichtig hat er auch den Gerichtsvollzieher nicht akzeptiert, als dieser im April vor seiner Wohnung stand, um die längst fällige Geldstrafe einzutreiben.