Die Fotos, die der Rechtsmediziner Tobias Marx den Richtern der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart erläutert, bekommen die Zuschauer im Gerichtssaal nicht zu sehen. Die Prozessbeteiligten warnt er vor: „Es sind keine schönen Bilder, die ich Ihnen zeige.“ Und es dauert nicht lange, bis die Mutter des getöteten Lukas den Saal verlässt. Während Marx’ knapp einstündigem ist die Stimmung angespannt und konzentriert, immer wieder ist schweres Atmen zu vernehmen. Einige Besucher sitzen mit gebeugtem Oberkörper da und halten die Hände vor ihr Gesicht.
Gutachter: „Der Sterbeprozess geschah innerhalb eines Wimpernschlages.“
Das Fazit von Tobias Marx lautet: Die beiden Schüsse, die den 18-jährigen Lukas im Oberkörper und im Kopf getroffen haben, hatten seinen sofortigen Tod zur Folge: „Zwischen Treffer und Tod lag weniger als eine Sekunde.“ Es habe ein „zentrales Regulationsversagen“ gegeben, der 18-Jährige sei ungebremst auf den Boden gefallen, wo er vom Sturz mehrere Schürfwunden am Körper und im Gesicht erlitt. Marx: „Der Sterbeprozess geschah innerhalb eines Wimpernschlages.“
Im Blut des 18-Jährigen habe man Rückstände von Cannabinoiden gefunden: „Es ist denkbar, dass er zur Beruhigung noch einen Joint vorher geraucht hat, wenn er zumindest eine verbale Auseinandersetzung erwartet hatte“, sagte Marx.
Sehr viel Glück habe der 18-jährige Begleiter von Lukas gehabt, der von insgesamt zehn Schüssen lebensgefährlich getroffen worden sei. „Seine Atmung war schon agonal wie kurz vor dem Sterbeprozess“, erläuterte Tobias Marx. Bei ihm sei es „Spitz auf Knopf“ gestanden. Er habe überlebt, weil es sehr schnell eine gute Versorgung vor Ort gegeben habe und bei der Notoperation Spezialisten der Unfall- und der Thorax-Chirurgie dabei gewesen seien. „Hätte die notärztliche Versorgung wenige Minuten später eingesetzt, oder wäre der Schusskanal etwas anders verlaufen, wäre er wohl gestorben“, so der Sachverständige. Die Schüsse seien aus einer Entfernung von sieben bis 15 Metern abgegeben worden.
Vollständige Genesung des Begleiters fraglich
Auch wenn der 18-Jährige sehr motiviert sei, wieder vollständig gesund zu werden, lasse sich nicht sicher sagen, ob alle erlittenen Schäden wieder verheilen würden. Insbesondere die Lunge könnte dauerhaft geschädigt bleiben, auch die Beweglichkeit der Arme könne durch die Schulterverletzung eingeschränkt bleiben. Auch bei ihm seien bei einem Urin-Schnelltest im Krankenhaus Cannabinoide nachgewiesen worden.
Am 16. Prozesstag äußerte sich zudem der 21-jährige Angeklagte, der über seine Verteidiger zugegeben hatte, die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben, zu seinem Drogenkonsum. Er erklärte, er habe im Alter von 14 Jahren angefangen zu kiffen, später sei Alkohol dazu gekommen. Seit seinem 18. Lebensjahr nehme er regelmäßig Kokain sowie das opioidhaltige Schmerzmittel Tilidin. Auch Lachgas habe er konsumiert. „Ich wollte einfach nicht nüchtern sein und die Probleme in der Familie und der Schule vergessen“, sagte er. Das Kokain habe ihn zeitweise paranoid gemacht, er habe Halluzinationen gehabt.
Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt
Die Staatsanwaltschaft hat die drei Angeklagten im Alter von 18 und zweimal 21 Jahren in diesem Prozess wegen Totschlags angeklagt. Sie geht davon aus, dass sich das Trio mit Lukas und einem Freund in der Nacht zum 8. April 2023 auf einem Schotterparkplatz in der Nähe der Goetheschule in Asperg getroffen hat. Nach einem Wortgefecht habe einer der Angeklagten mindestens 21 Schüsse abgegeben. Lukas starb am Tatort, der andere 18-Jährige wurde am Oberkörper und an den Beinen schwerstens verletzt. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt, möglicherweise werden dann schon die ersten Plädoyers gehalten.