Stuttgart - Es begann mit den beruflichen Problemen. Damals, vor fünf Jahren, wurde der Vertrag für seinen Baumarkt gekündigt, Gunter Kemper hatte nicht damit gerechnet. Die Verantwortung für die 15 Mitarbeiter, der Ärger über die Ungerechtigkeit und die Sorge, wie es weitergehen sollte: Er fiel in ein tiefes Loch. Ihm war ständig schwindelig, er konnte kaum noch geradeaus gehen, nicht mehr schlafen und fragte sich morgens, ob er aufstehen wolle. Kemper ließ alles überprüfen, ging zum Herzspezialisten, zum Orthopäden, zum Neurologen, doch die fanden nichts. „Heute weiß ich, dass es ein Burn-out war, eine Depression“, sagt er.
Kemper, ein groß gewachsener Mann um die 50, sitzt an seinem Esstisch in einer lichtdurchfluteten Neubauwohnung in Stuttgart-Mitte. Neben ihm der Laptop, das Smartphone, eine Kaffetasse, der Terminkalender: sein Arbeitsplatz heute. „Ich hätte nie gedacht, dass mich das mal treffen würde“, sagt er, wenn er an damals denkt. „Ich dachte immer: Das ist was für Weicheier.“ Neun Monate lang steckte er in einer schweren Krise, konnte die Ratschläge von Freunden und Bekannten nicht mehr ertragen. Bis sein damaliger Fitnesstrainer ihn anrief und ihm anbot, ihn zu beraten. „Seine Art des Coachings hat mir geholfen, aus dem Loch wieder rauszukommen – und meinen Blick auf meine Probleme und meinen Stress zu verändern“, sagt Kemper heute.
Immer häufiger fühlen sich Menschen von ihrer Arbeit gestresst
Dass eine belastende Arbeitssituation krank machen kann, ist keine Seltenheit: Das zeigt etwa der jüngste Fehlzeiten-Report der Krankenkasse AOK, herausgegeben zusammen mit der Universität Bielefeld und der Beuth-Hochschule für Technik Berlin. Demnach fühlt sich knapp die Hälfte der befragten Beschäftigten erschöpft, etwa ein Drittel sogar ausgebrannt.
Das Gefühl von Erschöpfung und Stress ist zu einem alltäglichen Begleiter, zu einem gesellschaftlichen Grundton geworden. Und das, obwohl faktische Arbeitszeit und wirtschaftliche Sorgen vieler Menschen im Vergleich zu früheren Generationen nicht unbedingt zugenommen haben. „Was sich schon sehr stark verändert hat, sind unsere Lebens- und unsere Arbeitsumwelt“, sagt der Berliner Stressforscher und Psychiater Mazda Adli. Arbeitsdichte, Termine und hoher Leistungsdruck belasten viele Arbeitnehmer. Doch die Fähigkeit des Gehirns, in kurzer Zeit immer mehr zu bewältigen, ist begrenzt. Hinzu kommt: „Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, wir machen Multitasking, haben dauernd Unterbrechungen und sind permanent erreichbar. Das führt dazu, dass der Körper ständig in Alarmbereitschaft ist – also Stresssymptome zeigt.“
Stress ist zunächst einmal schlicht eine natürliche Reaktion des Körpers auf kritische Situationen: Hormone lassen Herzfrequenz und Blutdruck steigen, der Körper ist bereit für die Flucht oder den Kampf. Dies erhöht die eigene Leistungsfähigkeit – weshalb es auch den Begriff Eustress gibt, also den guten oder positiven Stress.
Lesen Sie hier darüber, wie Online-Coaching bei psychischer Belastung helfen kann
Chronischer Stress kann zu ernsthaften Erkrankungen führen
Problematisch wird es erst dann, wenn der Stress chronisch wird, die negativen körperlichen und geistigen Folgen dauerhaft belastend sind, es keine richtige Erholung mehr gibt. Die Folge können psychosomatische Beschwerden oder Stressfolgeerkrankungen sein – das, was gemeinhin als Burn-out bezeichnet wird. „Chronischer Stress kann zu Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen führen, zu erhöhtem Blutdruck, Stoffwechselstörungen, Immunproblemen und sogar zum Absterben von Nervenzellen im Hippocampus“, sagt Mazda Adli, der in Berlin als Chefarzt der Fliedner-Klinik und Leiter eines Charité-Forschungsbereichs tätig ist.
Es gibt Menschen, die sich in schwierigen Situationen nicht so schnell überfordert fühlen und die mit Stress besser umgehen können als andere. Ob jemand mehr oder weniger widerstandsfähig ist, steckt zumindest zum Teil in den Genen – und äußert sich etwa darin, wie gut unser Körper Stresshormone reguliert. Eine Rolle spielen dabei aber auch die Erziehung, das soziale Umfeld, ob wir in der Stadt oder auf dem Land aufgewachsen sind – und die eigene Persönlichkeit. „Ist jemand eher ängstlich oder zart besaitet, geht er anders mit schwierigen Situationen um“, sagt Mazda Adli. Perfektionismus und Ehrgeiz könnten potenziell leichter Stressgefühle auslösen. Auch die Frage, ob Erholung und Entlastung in Sicht seien, spiele eine Rolle.
Gene, Prägung und äußere Faktoren sind aber nicht alles. „Es hängt auch entscheidend davon ab, ob man eine Situation subjektiv als kontrollierbar empfindet oder nicht“, sagt Adli. Studien zeigen sogar: Wer glaubt, dass Stress schädlich für die eigene Gesundheit sei, hat ein höheres Sterberisiko als jene, die sich nicht stressen lassen – oder Stress eher positiv bewerten.
Lesen Sie hier: Wie man sich im Alltag weniger stresst
Stress per se muss nichts Schlechtes sein, sagen Experten
Dass es zu einem wichtigen Teil auch das Denken über eine Situation oder ein Ereignis ist, das Stressgefühle auslöst, ist auch die Überzeugung von Daniel Holzinger. Der Trainer und Lebensberater hat Gunter Kemper eine andere Sichtweise auf die Dinge nahegebracht. „Nichts stresst uns, sondern wir stressen uns“, sagt Holzinger, blauer Baumwollpulli und Dreitagebart. „Die Frage ist: Warum sind wir von der Welt gestresst?“ In den hellen Räumen im Obergeschoss eines Hauses in Stuttgart Mitte helfen er und seine Frau Managern, Sportlern, Unternehmern und Angestellten bei Stress, in Lebenskrisen, bei Versagensängsten und Entscheidungsproblemen. Bleiben oder kündigen? Den Beziehungsstress aushalten oder Schluss machen? Das Gefühl, es allen recht machen zu müssen? „Wir versuchen den Leuten beizubringen, sich nicht über die Dinge aufzuregen, die sie eh nicht ändern können, sondern die Energie dort zu investieren, wo sie tatsächlich etwas ändern können.“
Holzinger, der früher selbst Leistungssportler war, glaubt: Wer von vorneherein einplane, dass nicht alles optimal laufen könne, nicht alles erreichbar sei, gerate auch nicht so leicht unter Druck. „Die Erwartungen, die Menschen heute an sich selbst stellen, stehen in krassen Widerspruch zu dem, was sie tatsächlich leisten können.“ Letztlich gehe es darum, neue Denkmuster zu trainieren – schließlich sei es das Gehirn, das die Stressgefühle erzeuge. „Durch langsames Denken kann man die angeborene Reaktion auf schwierige Situationen verändern“, ist Holzinger überzeugt. Ist es schlimm, dass ich anspanne? Ist das, was ich denke, realistisch? Stress per se sei nichts Schlechtes – es sei nur entscheidend, ob man schlecht darüber denke.
Gunter Kemper ist heute wieder selbstständig. Er hat aber keine Mitarbeiter mehr, für die er verantwortlich ist, und deshalb auch weniger Druck. Er sagt, er habe gelernt, sich nicht im Selbstmitleid aufzuhalten, Entscheidungen zu treffen, die Verantwortung nicht auf andere zu schieben, sondern selbst zu handeln. Und dem Stress nicht mehr so viel Raum zu geben, keine hohe Bedeutung beizumessen, wenn er kommt. Manchmal merkt er noch immer diesen Schwindel, wenn es viel ist. Dann geht er raus oder fährt mit dem Motorrad weg – und konzentriert sich auf etwas anderes. „Ich bin heute 53 – es kommen nicht mehr unendlich viele Sommer. Wenn ich gestresst bin, muss ich eben etwas ändern.