Radikale Klimaschützer in Stuttgart Helfen Straßenblockaden dem Klima?
Die Aktivisten der Letzten Generation blockieren wieder bundesweit Straßen, um die Regierung unter Druck zu setzen. Unterwegs mit den radikalen Klimakämpfern in Stuttgart.
Die Aktivisten der Letzten Generation blockieren wieder bundesweit Straßen, um die Regierung unter Druck zu setzen. Unterwegs mit den radikalen Klimakämpfern in Stuttgart.
Dienstag, mitten in der morgendlichen Rushhour am Leuzeknoten in Bad Cannstatt: Fünf Aktivisten der Letzten Generation warten, bis die Ampel für den Autoverkehr auf Rot springt. Dann stürmen sie die zweispurige Fahrbahn in Richtung Stadtmitte und setzen sich nebeneinander hin. Sie drücken Sekundenkleber in eine Handinnenfläche und pressen sie auf den Boden. Sie entfalten ein rotes Banner: „Öl sparen statt bohren.“ Ein Handwerker brüllt aus dem Seitenfenster seines Transporters: „Euch hat man wohl ins Hirn geschissen!“ Die Aktivsten sitzen schweigend wie buddhistische Mönche auf der Fahrbahn. Es ist 8.04 Uhr.
Sieben Minuten später ist die erste Polizeistreife vor Ort, die beiden Beamten fordern Verstärkung und die Feuerwehr an. Um 8.23 Uhr trifft Brandamtmann Markus Schmidt ein, seine Aufgabe ist es, die am Asphalt bäbbenden Klimaschützer zu entbäbben. Schmidt kniet sich vor die Aktivisten: „Ich kann Ihr Anliegen nachvollziehen, werde aber meine Pflicht tun.“ Den Aktivisten wird ein Kriechöl unter die Hände gesprüht. Eine weitere halbe Stunde vergeht, bis sich die Haut vom Asphalt gelöst hat. Der Verkehrsstau ist inzwischen auf drei Kilometer angewachsen, er reicht bis hinter die Gaisburger Brücke. Um kurz vor neun trägt die Polizei die Demonstranten von der Straße. Sanitäter stehen bereit, um ihre wunden Hände zu versorgen.
Drei Tage zuvor im Stuttgarter Westen. Die kommunale Wählergruppe Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS) hat der Letzten Generation ihre Räumlichkeiten für ein Seminar zur Verfügung gestellt. Sechs Männer und eine Frau wollen lernen, wie man Straßen blockiert, ohne sich und andere zu gefährden. Auf einem Flipchart sind „Fünf Schritte der Deeskalation“ aufgelistet. Aktionstrainer Moritz Riedacher, 26, gibt praktische Psychotipps: „Hört dem wütenden Autofahrer zu. Nehmt euch seiner Gefühle an, sagt zum Beispiel, dass es euch leidtut, dass er zu spät zur Arbeit kommt.“
Vor drei Jahren trägt Greta Thunberg ihre Verzweiflung über die anrollende Klimakatastrophe in die Welt. Der Degerlocher Student Moritz Riedacher gehört zu der begeisterten Masse, die dem schwedischen Teenager folgt. Er tritt der Stuttgarter Ortsgruppe von Thunbergs globaler Bewegung Fridays for Future bei und demonstriert am 20. September 2019 mit 20 000 Menschen friedlich auf dem Schlossplatz. Doch bald fällt Riedacher vom Glauben ab, dass man mit wohlgefälligem Verhalten die Welt retten kann. „Es reicht einfach nicht, über die Folgen des Klimawandels zu sprechen, Bus zu fahren oder weniger Fleisch zu essen“, sagt er. „Wir müssen der Bundesregierung nachdrücklich klarmachen, dass es zu ihrer verfassungsrechtlichen Pflicht gehört zu verhindern, dass der Planet in eine Heißzeit kippt.“
Im Sommer 21 macht erstmals die Letzte Generation auf sich aufmerksam. Während des Wahlkampfs wollen sieben Aktivisten mit einem Hungerstreik im Berliner Regierungsviertel die Kanzlerkandidaten Baerbock, Scholz und Laschet dazu zwingen, mit ihnen über Klimapolitik zu diskutieren. Die Forderungen der Gruppe lauten: keine weiteren Ölbohrungen in der Nordsee, den Abbau von Braunkohle stoppen, kostenloser öffentlicher Nahverkehr, Tempolimit auf Autobahnen. Und so weiter. „Wir sind die erste Generation, die den beginnenden Klimakollaps spürt, und die letzte Generation, die noch etwas dagegen tun kann“, steht in Versalien auf der Homepage der Organisation, die bundesweit rund 500 aktive Unterstützer zählt.
Seit Anfang dieses Jahres ist Moritz Riedacher nicht nur Sprecher der Stuttgarter Gruppe, sondern bei den Protestaktionen oft an vorderster Front dabei. Etwa ein Dutzend Mal beteiligt er sich an Blockaden von Hauptverkehrsadern. Ende Mai versucht er, sich beim Katholischen Kirchentag während der Rede von Bundeskanzler Scholz an der Bühne der Liederhalle festzukleben. Die Aktion geht schief, Riedacher wird von der Security überwältigt – dennoch sorgt sie für viele Schlagzeilen. „Von Scholz’ Entscheidungen hängt meine Zukunft, hängt unser aller Zukunft ab“, zitiert sogar der „Spiegel“ den Stuttgarter Klimakämpfer Riedacher. „Wir sind und bleiben radikal, wir werden weiter Aktionen machen, die Emotionen hervorrufen.“
Nach der Protestlogik der Letzten Generation muss der Autoverkehr stillstehen (zumindest vorübergehend), damit sich endlich etwas in ihrem Sinne bewegt. Der Zorn, den sie heraufbeschwören, so das Kalkül, erzeugt Aufmerksamkeit für ihr überlebenswichtiges Anliegen. Die Aktivisten handeln unter der (wissenschaftlich umstrittenen) Prämisse, dass in nur zwei oder drei Jahren die sogenannten Kipppunkte erreicht sind und somit das Ende der Menschheit besiegelt ist – wenn der CO2-Ausstoß nicht sofort massiv reduziert wird. Ihr Tun interpretieren sie als einen Akt der Notwehr.
Elf Jahre lang arbeitet Patrick T. als Diplom-Ingenieur bei Daimler. Doch irgendwann kann er seinen Job in einer Industrie, die wertvolle Ressourcen für die Herstellung von teuren Autos verschwendet, nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Vor zwei Jahren beschließt Patrick T., wie er sagt, „dass ich mit meinem Wirken künftig einer guten Sache dienen will“. Er verkauft seinen BMW, zieht von Stuttgart in den Nordschwarzwald und lebt seither von seinem Ersparten: „Ich brauche nicht mehr viel.“ Nur wenn die Menschen ihr Konsumverhalten drastisch ändern, davon ist der 40-Jährige überzeugt, können sie die Klimakatastrophe verhindern. Seine Gedanken hat Patrick T. per E-Mail mit Politikern fast aller Parteien geteilt: „Es kamen aber nur Standardantworten zurück.“
Nun sitzt der Diplom-Ingenieur, Fachrichtung Maschinenbau, mit sieben anderen Neuaktivisten beim Straßenblockade-Training der Letzten Generation und lernt, was es bei den Aktionen zu beachten gilt. „Keinen Schmuck tragen, wegen der Verletzungsgefahr“, rät der Seminarleiter Riedacher – oder: „Wenn ein Autofahrer handgreiflich wird, haltet eure Arme von vorne über den Kopf, damit er euch nicht ins Gesicht schlagen kann.“
Im Frühjahr dieses Jahres wurden in Stuttgart insgesamt zwölf Mal die Bundesstraßen 10, 14 und 27 von der Letzten Generation blockiert. Seit Ende Mai herrschte Ruhe. Doch nun, wo sich der Bundestag wieder zu Plenarsitzungen trifft, wollen die Aktivisten systematisch den Autoverkehr behindern. Das Recht auf Versammlungsfreiheit sei dazu da, den öffentlichen Konsens zu erschüttern, argumentieren sie. Doch was bewirkt es, Tausende Berufspendler zu ärgern? Nichts Gutes, prophezeite bereits im Februar der grüne Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir: „Egal, wer was will, eine Demokratie lässt sich nicht erpressen. Die Aktivisten spielen den reaktionären Kräften in die Hand, die eben gerade keinen Klimaschutz wollen.“
Es laufen diverse Ermittlungsverfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung gegen Aktivisten der Letzten Generation. Auch Moritz Riedacher wird sich bald vor einem Amtsrichter verantworten müssen. „Unser oberstes Ziel ist der Stopp des fossilen Wahnsinns“, sagt er. „Dafür setzen wir unsere Körper ein, und dafür sind wir auch bereit, Haftstrafen hinzunehmen.“ Zumindest ein finanzielles Risiko besteht für Riedacher und seine Mitstreiter nicht: Private Förderer übernehmen die Anwalts- und Gerichtskosten, auch die Rechnungen für die Polizei- und Feuerwehreinsätze zahlen die Blockierer nicht aus ihren eigenen Taschen.
Dienstag, kurz nach neun am Cannstatter Leuzeknoten: Patrick T. steht an einer Baustellenzufahrt und berichtet von seinem Straßenblockade-Debüt: „Mein Puls war auf 180, als ich auf der Fahrbahn saß. Es war sehr aufregend, aber ich würde es wieder machen.“ Dann muss er auf der Rückbank eines Streifenwagens Platz nehmen, im Polizeipräsidium am Pragsattel erwartet ihn eine erkennungsdienstliche Behandlung: Lichtbilder, Fingerabdrücke et cetera. „Sie werden verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben“, klärt ihn ein Beamter formal auf.
Wird’s bei den Straßenblockaden bleiben? Anderswo experimentiert die Letzte Generation bereits mit alternativen Protestformen. In Dresden, München und Berlin haben sich Klimaaktivisten in Museen an die Bilderrahmen von berühmten Gemälden geklebt. Bei der Bundesligapartie des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach ist eine Gruppe aufs Spielfeld gestürmt, um sich an die Torpfosten zu ketten. Möglicherweise taucht die Letzte Generation auch bald in der Stuttgarter Staatsgalerie oder in der Mercedes-Benz-Arena auf. Die Frage ist: Würde das unserem kranken Klima helfen?