Wie viele Unfälle auf der Strecke wirklich passieren, weiß er nicht. „Aber man hat dieses generelle Unwohlsein“, sagt Visel. Er selbst sei hart im Nehmen. Doch er kenne einige Leute, die nicht aufs Fahrrad umsteigen, weil es ihnen zu unsicher ist. Gerade auf der Hauptradroute 1 durch Kaltental. „Wenn die Stadt den Radverkehrsanteil für den erhöhen will, muss die Infrastruktur auch sicher sein, sonst wird man keine neuen Leute zum Umsatteln animieren können.“
Radwege in Kaltental derzeit „nicht sicher“
Die Hauptradrouten sollen für die zunehmende Zahl von Radfahrern sichere und schnelle Wege durch die Stadt markieren und vor allem Pendler am Autoverkehr vorbeileiten. Kai Visel findet: „Wenn die Stadt Hauptradrouten ausweist, dann muss sie auch liefern“. Radwege, vor allem die der Hauptradrouten, müssen sicher sein.
In Stuttgart-Kaltental sei das aktuell nicht der Fall. „Die Radschutzstreifen sind zu schmal und animieren zum zum engen Überholen. An der Stelle wird es nicht ohne Wegfall von Parkplätzen funktionieren“, sagt er. Derzeit ist es so, dass ein Radfahrer, der mit ausreichend Abstand zu parkenden Fahrzeugen auf dem Radschutzstreifen fährt, von Autofahrern nicht regelgerecht überholt werden kann.
Was sagt die Verwaltung dazu?
Solche Klagen und Vorschläge bringen Radfahrer schon lange vor. Was sagt die Stadtverwaltung dazu? Das kläre man am besten vor Ort, sagt die Verkehrsbehörde. Treffpunkt ist die Einmündung zur Engelboldstraße, formal mittlerweile ein Unfallschwerpunkt: sechs Unfälle mit Personenschaden gab es hier binnen fünf Jahren. Stets wurden Radfahrer von abbiegenden Autos erfasst und leicht verletzt.
In der von der Verkehrspolizei erstellten Liste der Unfallhäufungsstellen steht die Kreuzung nicht ganz oben, anderswo kracht es häufiger. Aber wo sich Unfälle nach den Regeln des „Merkblatts zur Örtlichen Unfalluntersuchung in Unfallkommissionen“ systematisch häufen, müssen Polizei und Verwaltung tätig werden. Rund um die Haltestelle Kaltental ist das trotz mehrerer Unfälle mit Radfahrerbeteiligung nicht so, auch nicht weiter unten in der Burgstallstraße. Entlang der Kaltentaler Abfahrt häufen sich gleichartige Unfälle nur an der Abzweigung Engelboldstraße.
Was an der Engelboldstraße passiert
Die Verwaltung hat vergangenes Jahr in Absprache mit der Polizei den Radstreifen deutlich rot markiert, außerdem weist eine Markierung die oftmals mit hoher Geschwindigkeit von oben heranrollenden Radfahrer auf die Gefahrenstelle hin: „Langsam fahren!“ Davor wurden Unfallakten studiert, außerdem trafen sich die Beamten zum Ortstermin.
„Wir haben uns erstmal gründlich umgeschaut und überprüft, ob mit den Verkehrsschildern, Markierungen und Ampeln auf der Straße alles in Ordnung ist. Dabei haben wir auch längere Zeit die Verkehrsteilnehmenden beobachtet, wie sie sich verhalten und miteinander umgehen“, sagt Stephanie Deinerth von der Verkehrsbehörde. Die Kreuzung sei auch vom Radteam „abgeradelt“ worden, „damit wir einen besseren Eindruck bekommen“. Anschließend seien konkrete Maßnahmen geplant worden.
Hubert Werthwein analysiert für die Polizei das Unfallgeschehen in Stuttgart. Er findet, dass besonders an übersichtlichen Stellen wie an der Engelboldstraße Radfahrer ebenso wie Autofahrer gegenseitig davon ausgehen müssen, nicht immer alles im Blick zu haben. Nicht in diesem Sinne handelten jene drei oder vier Radfahrer, die beim Ortstermin sehr schnell den Hügel herunterbrausen oder bei Rot über die Engelboldstraße fahren.
„Schon aus Vorsicht würde ich da von selbst langsamer fahren“, findet Werthwein. Man müsse damit rechnen, dass ein in die Engelboldstraße abbiegender Autofahrer den Radfahrer möglicherweise nicht sieht. Die Frage nach dem Unfallverursacher wäre dann zwar eindeutig, „aber das nützt dem Radfahrer ja nix.“
Ein Fall von „Victim Blaming“?
Die Kritischeren unter den Stuttgarter Radfahrern sprechen in solchen Fällen von „Victim Blaming“, also, dass man den Opfern auch noch die Schuld an ihrem Unglück gebe. Kai Visel zählt eher zu den Gemäßigten: „In Kaltental wird ohnehin saniert. Das sollte die Verwaltung nutzen, um die Strecke für Radfahrer attraktiver zu machen“, sagt er. Warum nicht den bisherigen Schutzstreifen in einen richtigen Radweg umwandeln? „Man sollte sich sicher fühlen, dort zu fahren“, glaubt Visel. Auch Kreisverkehre seien eine Option und könnten Kreuzungen ersetzen.
Was den Umbau der Kaltentaler Abfahrt angeht, habe man mehrere Varianten im Blick, sagt Rainer Wallisch vom Amt für Stadtplanung und Wohnen beim Vor-Ort-Termin: „Die Varianten werden zunächst innerhalb der Verwaltung abgestimmt und dann den politischen Gremien zur Entscheidung vorgelegt.“ Eine knifflige Sache, vor allem, wenn möglicherwesie Parkplätze wegfallen.
Wie es in Kaltental weitergeht, muss sich zeigen. Falls an der Kreuzung Engelboldstraße dieses Jahr kein Unfall mehr erfasst wird, gilt sie als „ruhende“ Unfallhäufungsstelle. 2021 ist noch nichts passiert.