Rafael Treite lebt als Minimalist Esslinger wohnt auf neun Quadratmetern

Dusche, WC, ein Bett, ein Tisch – das reicht dem Esslinger Rafael Treite. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Rafael Treite hatte ein Loft, eine Rolex und einen italienischen Sportwagen. Doch irgendwann wurde ihm alles zu viel. Nun lebt er als Minimalist. [Plus-Archiv]

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Noch besitzt Rafael Treite ein dreistöckiges Patrizierhaus in der Esslinger Altstadt. Den Dachstuhl hat er vor einiger Zeit zu einem Luxusloft ausgebaut: Küchenmöbel von Schüller, Badausstattung von Philippe Starck, Vollholz-Lärchenfußboden, offener Wohnbereich, Terrasse mit Blick auf die Stadtkirche. Hier könnte Treite seine Tage verbringen – tut er aber nicht. Stattdessen haust er im Souterrain auf neun Quadratmetern: Kochnische, Dusche, WC, ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein winziges Fenster. Der Hausherr stößt mit seinen 1,80 Meter fast an die Zimmerdecke. Eine Gefängniszelle wirkt komfortabler. „Es war eine bewusste Entscheidung, mich zu beschränken“, sagt der 51-Jährige. „Ich wollte die materiellen Dinge loslassen.“

 

Früher sah sein Leben anders aus. Nach dem Studium arbeitet der Sozialpädagoge Treite im Esslinger Jugendhaus Komma. Mit 27 bewirbt er sich spaßeshalber als Moderator bei einer Event-Agentur und merkt, dass er in diesem Job sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein endlich voll ausleben kann – er fühlte sich schon immer als geborene Rampensau.

Treite macht sich selbstständig und startet durch. VW bucht ihn für die Internationale Automobilausstellung, Stihl für eine Feier zum Firmenjubiläum, Daimler für die Großveranstaltung „125 Jahre Automobil“. Der ebenso anpassungsfähige wie wortgewandte Moderator Treite kassiert stolze Honorare. Das Geld investiert er in alte Häuser, die er saniert und vermietet. Ein gutes Geschäft. Seinen Wohlstand trägt Treite offen zur Schau: Den Espresso bereitet er mit einer chromglänzenden Siebträgermaschine zu, am Handgelenk glänzt eine Rolex, und zu seinen Auswärtsterminen braust er in einem italienischen Sportwagen – von null auf hundert in viereinhalb Sekunden.

Veganer, Antialkoholiker und Nikotin-Verächter

Von all dem hat er sich getrennt. Heute bereitet Rafael Treite den Kaffee in einem 15-Euro-Kocher auf der einzigen Herdplatte zu, die in einer Nische Platz findet. Dazu gibt’s einen Schuss Hafermilch – Treite ist Veganer, Antialkoholiker und würde niemals an einer Zigarette ziehen. Er nimmt auf einem Ikea-Drehhocker Platz, fixiert sein Gegenüber mit einem freundlichen Blick und sagt: „Entscheidend ist doch, was kannst und willst du am Ende deines Lebens mitnehmen? Gar nichts!“

Sein Umdenken beginnt im Jahr 2015. Die Aufgabe als Vater hat er zu diesem Zeitpunkt größtenteils erfolgreich erledigt, seine drei Kinder sind junge Erwachsene, die eigene Wege eingeschlagen haben. Beruflich läuft es für Treite noch immer bestens. Alles scheint perfekt. Und doch spürt er eine Unruhe, die sich nach außen dadurch offenbart, dass seine Augenlider zittern. Abends legt er sich hin und hört Pink Floyd. Das entspannt. Morgens joggt er durch die Weinberge. Das tut ihm immer gut. Und doch bleibt ein diffuses Gefühl der inneren Leere.

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Intuitiv findet seine Frau die passende Therapie: Sie schickt ihren sinnsuchenden Gatten nach Kenia in ein Lauftrainingscamp. Es klingt wie ein Klischee, wenn Rafael Treite von seiner Begegnung mit den Afrikanern erzählt, „die in einfachen Hütten wohnen, nichts besitzen und trotzdem eine unglaubliche Leichtigkeit ausstrahlen“. Dort, in dem Bergdorf Kiambogo, sei ihm klar geworden, „dass Glück und Zufriedenheit nichts mit materiellen Gütern oder beruflichem Erfolg zu tun haben, dass allein das Menschliche entscheidend ist“.

Schwierige Jugendzeit

Doch warum war es ihm über Jahrzehnte wichtig, im Rampenlicht zu stehen? Warum bedeutete ihm Anerkennung so viel? Warum hatte er sich dem Konsum verschrieben?

Treite holt weit aus, um diese Fragen zu beantworten. Er sei ein Kind der Liebe eines 68er-Hippie-Paars. Seine Eltern, zu denen er nicht Mama und Papa, sondern Anja und Dietmar sagt, trennen sich, als er sieben ist. Er bleibt bei Dietmar, einem Waldorflehrer, der rasch eine neue, deutlich jüngere Frau findet. Fortan führt Rafael ein Aschenputteldasein: Seine Stiefmutter kratzt ihm sogar die Butter vom Brot, wenn sie der Ansicht ist, dass der Junge zu dick aufgetragen hat. In der Schule wird er, der Waldorflehrersohn mit Secondhand-Strickpullover und Hornbrille, gemobbt. Rafael hat Selbstmordgedanken, es bleibt aber bei halbherzigen Versuchen mit nassen Fingern an der Steckdose und Nadelstichen in der Pulsschlagader.

Sein Vater will den pubertierenden Störenfried loswerden. Mit sechzehneinhalb bekommt Rafael ein One-Way-Ticket nach Göppingen in die Hand gedrückt, wo er an der Waldorfschule Filstal allein klarkommen soll. Die ersten Monate wohnt er bei einer Gastfamilie, bis er sich durch Aushilfsjobs ein unabhängiges Leben finanzieren kann. In Faurndau mietet er ein heruntergekommenes Häuschen: Plumpsklo, Holzheizung, kein Warmwasser – und trotzdem sein Paradies. Von seinem ersten Ersparten kauft er einen Harman-Kardon-Verstärker, einen Nakamichi-CD-Player und Teufel-Lautsprecherboxen – Sachen, mit denen er die stiefmütterlichen Jahre hinter sich lassen kann.

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Später, als er als Moderator auf Messen teure Autos, teure Einbauküchen und alle möglichen anderen teuren Statussymbole anpreist, ist Rafael Treite gleichzeitig Verkäufer und Konsument. Kochtöpfe, Antiquitäten, Mehrfamilienhäuser – sein Besitz wächst kontinuierlich, „bis ich begriffen habe, dass ich den Ballast abwerfen muss, den ich angesammelt habe“.

Jede Menge Ratgeber-Literatur

Er sucht sein Heil im weniger. Treite will nur noch das Nötigste behalten, der Rest kann weg. Mit jedem Gegenstand, den er verkauft, verschenkt oder spendet, gewinnt er den Überblick über sein Leben Stück für Stück zurück. Sein Ziel sei es, „dass alles, was ich besitze, in zwei Umzugskartons passt“.

Es gibt jede Menge Ratgeberliteratur zum Thema Minimalismus als Gegentrend zum allgemeinen Überfluss in unserer Gesellschaft. Bereits in den 1950er Jahren verbreitet der amerikanische Rhetoriktrainer Dale Carnegie in seinem Weltbestseller „Sorge dich nicht – lebe!“ Botschaften wie: „Vergiss nicht, Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast. Es hängt nur davon ab, was du denkst.“ Anfang dieses Jahrtausends erklären der Theologe Werner Tiki Küstenmacher und der Personalberater Lothar Seiwert in ihrem Buch „Simplify your life – Einfacher und glücklicher leben“, wie man seinen Alltag von Überflüssigem entschlackt. Gesamtauflage: eine Million Exemplare.

Aktuell heißen die Minimalismus-Gurus Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus. Auf ihrer Website, in Büchern, Podcasts und Netflix-Filmen erklären die beiden US-Mittvierziger, warum jeder von uns zurückstecken sollte: Verzicht sei besser für das Klima, die Umwelt, die Tiere, die Menschen – und das eigene Wohlbefinden. Arm sei nicht derjenige, der wenig hat, sondern derjenige, der viel braucht.

Säkularisierte Versions des Fastens

Rafael Treite sagt, dass er nichts von alldem gelesen habe: „Ich mache mir lieber meine eigenen Gedanken.“ Und irgendwann sei ihm eben bewusst geworden, dass er nicht länger von Dingen abhängig sein wolle. „Das war ein persönlicher Prozess, der letztendlich zu einer neuen Lebenseinstellung geführt hat. Ich will mich nicht mehr mit dem Sortieren und Verwalten meines Eigentums beschäftigen.“ Seit sechs Jahren testet er nun, was er weglassen kann, ohne etwas zu vermissen.

Ursprünglich beruht der bewusste Verzicht auf einem religiösen Konzept. So fasten die Christen in der Quadragesima, den vierzig Tagen vor Ostern, um sich von allem zu lösen, das sie auf ihrem Weg zu Jesus aufhält, der für sie gestorben und auferstanden ist. Manche Mönche und Nonnen leben immer wie in der Fastenzeit, weil sie glauben, dass sie nur durch strikte Askese zum wahren Leben und zu Gott finden können. Wenn man so will, säkularisieren Menschen wie Rafael Treite diese Geisteshaltung.

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Noch befindet er sich in einer Trennungsphase. Mit seiner Frau war es im Herbst nach 28 gemeinsamen Jahren vorbei. Die Interessen hatten sich im Laufe der Zeit verschoben, da schien es besser, im gegenseitigen Einvernehmen einen Schlussstrich zu ziehen. Er ist ausgezogen und hat freiwillig alles zurückgelassen, was ihm einst lieb und teuer war.

1000 Euro im Monat sollen reichen

Seither lebt Rafael Treite in seinem Mikroapartment, das eher einer Höhle gleicht. Vermutlich ist das nur eine Zwischenstation auf seinem Weg in ein anderes Leben. Das gesamte Patrizierhaus steht derzeit für 2,2 Millionen Euro zum Verkauf. Wenn das Vermögen irgendwann mit seiner Frau geteilt und alle Darlehen bezahlt sind, dürfte für ihn unterm Strich noch immer eine hübsche Summe übrig bleiben. „Mein Ziel, mit 50 nicht mehr arbeiten zu müssen, habe ich erreicht“, sagt er. Zumal sich der Minimalist Treite vorgenommen hat, mit 1000 Euro im Monat auszukommen.

Aber es gibt ja auch noch den alten Bauernhof irgendwo in der niedersächsischen Pampa, den er und seine Frau vor einem Jahr gekauft haben, weil sie es damals noch für möglich hielten, dass ein neues gemeinsames Projekt die Ehe retten könnte. Jetzt will er das Gebäude allein renovieren und dort möglichst bald ein Trainingslager für Läufer anbieten. Die Unterkunft soll puristisch gestaltet sein – kein Luxus, keine Ablenkung. Laufen in der Natur, Yoga zum Runterkommen, gesundes Essen, inspirierende Gespräche, volle Konzentration auf das Wesentliche. Ganz so, wie es Rafael Treite in dem kenianischen Bergdorf schätzen gelernt hat.

Dieser Text erschien erstmals am 22.03.2022.

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