Ranch in Ludwigsburg Auf dem Pferd fürs Leben lernen

Kinder haben im Alltag immer weniger Zeit, sich auszuprobieren, sagt Steffi Armbruster. Foto: Andreas Essig

Die B-Ranch im Ludwigsburger Stadtteil Poppenweiler ist Reiterhof und Jugendfarm, Bildungsort und kommerzielle Reitschule. Angebote wie dieses werden in einer Zeit von Medienüberflutung und Ganztagsschulen immer wichtiger.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Laut seufzend hievt Felix (Name geändert) das stinkende Stroh in eine Schubkarre. Der 8-Jährige will demonstrieren, dass er beim Ausmisten des Hasenstalles mit vollem Einsatz dabei ist. Er möge alle Tiere auf dem Hof, sagt Felix. Doch die Pferde sind ihm am liebsten. Alle 21 kenne er beim Namen, auch wenn ihm nicht immer alle auf Anhieb einfallen. Alle zwei Wochen ist Felix für einige Stunden auf der B-Ranch in Poppenweiler. „Ich muss viel putzen wie jetzt gerade, auch die Pferde – ich mache eigentlich alles, was Steffi mir sagt“, grinst Felix und zeigt auf Steffi Armbruster.

 

Die systemische Beraterin arbeitet auf der Ranch mit Kindern mit körperlichen Behinderungen, Lernschwächen oder Aufmerksamkeitsstörungen. „Verhaltenskreative Kinder“, nennt es Armbruster. Auch Felix ist verhaltenskreativ. Er braucht immer Action, es fällt ihm schwer, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren. In der Schule würden seine Stärken untergehen, sagt Armbruster. „Hier zeigt er echte Führungsqualität.“ Mit einem der kompliziertesten Ponys des Hofes kommt Felix spielend leicht klar.

Ein pädagogischer Ansatz, der immer wichtiger wird

Die B-Ranch in Poppenweiler gibt es seit Frühjahr – sie ist Reitschule, Jugendfarm und Sozialeinrichtung. Bevor es in den Sattel geht, wird die Beziehung zum Pferd aufgebaut und Verantwortung übernommen. So ein Angebot wird in einer immer enger getaktetem Kinderwelt wichtiger – und ist ein Glücksfall. Denn die erste Ranch der beiden Betreiberinnen musste einem Gewerbegebiet weichen.

Die B-Ranch ist ein Idyll am Rande von Poppenweiler. Die Pferde leben nicht in Boxen, sondern gemeinsam auf der Koppel. Zudem springen Ponys, Hunde und Katzen über den Hof. Vier Ziegen grasen in einem Gehege, aktuell wird ein Igel aufgepäppelt. Armbrusters Fokus liegt auf dem therapeutischen Angebot „Pony, Hund und Co.“, Kollegin Steffi Schmidtke kümmert sich um die Reitschule „Bali Pferdetraining“.

In beiden Bereichen ist die „ganzheitliche Beziehung“ zu den Tieren grundlegend. Es geht also nicht gleich aufs Pferd. Erst wird geputzt, gestriegelt, gesattelt – und das Pferd spazieren geführt. Die Kinder und Jugendlichen sollen Verantwortung für das Tier übernehmen, sich Wissen aneignen und eine Bindung aufbauen. Reguläre Reitschüler und „verhaltenskreative“ Kinder würden lernen, mit Rückschlägen umzugehen und eigene Strategien zu entwickeln, sagt Armbruster – es gehe aber auch darum, einfach mal herauskommen. Sie beobachtet immer häufiger, dass bei den Kindern „Basics“ fehlen. Es gibt mehrere Studien, die diesen Eindruck stützen. Seit Jahren verlagert sich der Aktionsradius der Kinder zunehmend ins Hausinnere. Die Distanz zur Natur wird größer, grundlegendes Wissen geht verloren.

Das liegt laut Armbruster am größeren Medienangebot, aber auch an einer schnelleren Taktung des Kinderalltags. Während vor 15 Jahren die Schule für die Kinder um 13 Uhr endete, ist es mittlerweile 16 Uhr. „Die Kinder und Jugendlichen haben immer weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren.“ Felix hat mittlerweile frisches Stroh und Sägespäne im Hasenstall verteilt und widmet sich einer neuen Aufgabe. Er steht auf einem Schemel und bürstet ein Pferd namens Percy. „Wieso bist du so dreckig, überall Erde?“, fragt Felix und streicht über Percys Hals. Das Fell ist voller Dreckklumpen, eine Sisyphusarbeit. Doch der 8-Jährige ist dennoch tatkräftig. Anfangs habe er etwas Angst vor den Pferden gehabt, gesteht Felix. Einmal sei er zu lange hinter einem Pferd gestanden, das dann nach ihm getreten habe. Das passiere ihm nicht noch einmal.

Ein Umzug mit Wehmut

Die B-Ranch gibt es erst seit rund einem halben Jahr, hier und da wirkt sie noch wie eine Baustelle. Armbruster und Schmidtke haben noch viel vor, unter anderem wollen sie eine Reithalle für schlechtes Wetter. Diese hatten sie eigentlich schon in Waiblingen. Dort, nur einen Katzensprung von der S-Bahn-Station entfernt, betrieben die beiden Frauen jahrelang ihren ersten Hof, die Clay-Pitch-Ranch.

Seit längerem planen Investoren rund um die Clay-Pitch-Ranch das Gewerbe-Projekt „Hess Ziegelei 21“. In einigen Jahren soll dort ein 22 Hektar großes Vorzeigeareal mit Industriehallen, „Kreativwerkstatt“ und kleinen Erholungsoasen entstehen. Doch die Ranch ist im Weg. Der Pachtvertrag wurde gekündigt, die Reithalle wird einem Kreisverkehr und einer Straße weichen. „Ich glaube, es hätte andere Möglichkeiten gegeben und die Ranch hätte erhalten werden können“, ärgert sich Lilia Lintzen. Sie hatte ihr Pferd auf der Clay-Pitch-Ranch untergebracht, ihre Tochter lernte dort das Reiten. Lintzen startete Anfang des Jahres eine Petition und sammelt innerhalb von zwei Wochen 7500 Unterschriften für den Erhalt der Ranch. Das stimmte die Verpächter zwar nicht um, brachte jedoch Aufmerksamkeit.

Die Chancen einen neuen Hof in der Region zu finden standen miserabel. „Ich wollte aber unbedingt weitermachen und habe mir sogar Objekte in Aalen und Heilbronn angeschaut“, sagt Steffi Schmidtke. Dann stieß sie auf den Hof im Ludwigsburger Stadtteil Poppenweiler. Ein Glücksfall, der wohl auch auf die Aufmerksamkeit durch die Petition zurückzuführen ist. Dennoch blicken Armbruster, Schmidtke und Lintzen immer noch wehmütig zurück. Der neue Hof in Poppenweiler ist kleiner, im Vergleich zu Waiblingen kommen dort nur rund die Hälfte der Pferde unter. Wegen der weiten Wege und der schlechten öffentlichen Anbindung sind sechs Reitschüler abgesprungen und rund die Hälfte der Therapie-Kinder.

Der Umzug bedeutete auch für Felix eine Veränderung. Bis Mai hatte er nur einen kurzen Weg auf die Ranch, nun muss ihn seine Mutter jedes Mal fahren. Felix scheint das nichts auszumachen, „ich finde es hier besser als früher“, sagt er schulterzuckend. Der 8-Jährige schrubbt immer noch den verdreckten Percy, langsam werden Felix Arme schwer, die Bürstbewegungen werden langsamer. Doch er bleibt dran. Denn gleich geht es mit Steffi Armbruster auf einen kleinen Ausritt über die Feldwege. Die Belohnung für die Arbeit und die Verantwortung, die er heute übernommen hat. „Wenn ich erwachsen bin, kaufe ich mir auf jeden Fall ein Pferd“, sagt Felix und räumt die Bürste und Schemel auf.

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