Region Stuttgart Warum sind so viele Kinder mit Corona im Krankenhaus?

Zurzeit werden in Kliniken viele Kinder mit Corona behandelt. Foto: dpa/Peter Endig

Seit Jahresbeginn kommen auffällig viele Säuglinge und Kleinkinder mit Corona ins Krankenhaus. Wie gefährlich ist das? Was deutet auf eine Infektion hin, und was müssen Eltern jetzt wissen? Die Kliniken in der Region Stuttgart geben Antworten.

Säuglinge und Kleinkinder werden seit Jahresbeginn auffällig oft mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt. Für 0- bis 4-Jährige weist das Robert-Koch-Institut Stand Freitagmorgen die nach Altersgruppen dritthöchste Hospitalisierungsrate aus. Aktuell melden die Kliniken etwa sieben neue Patienten je 100.000 Einwohner pro Woche. Mehr sind es nur bei Menschen über 60 Jahre (Hospitalisierungsrate 10) und über 80 Jahre (37).

 

Covid-19 ist vor allem für ältere, vorerkrankte und ungeimpfte Menschen gefährlich – das gilt weiterhin. Doch das Thema erregt die Gemüter. Im Februar hat die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU) aus Schleswig-Holstein, nach einem Shitstorm ihren Twitter-Account deaktiviert. Sie wollte, so ihr umstrittener Tweet, „differenzieren“. Kinder „sterben mit Covid-19 und nur extrem selten wegen Covid-19“, schrieb sie. Unsensibel – meinten ihre Kritiker. 16 Jungen und 23 Mädchen zwischen 0 und 9 Jahren sind laut Robert-Koch-Institut in Deutschland bisher im Zusammenhang mit einer Infektion verstorben – und mehr als 125 000 Menschen insgesamt.

Auch wenn der schlimmste Fall sehr selten eintritt, verwundert der relativ hohe Anteil der hospitalisierten Kleinkinder. „Seit Beginn der Omikron-Welle sehen wir vermehrt Infektionen bei Kleinkindern“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Kinderärztin Henriette Rudolph. Auch die Kliniken in der Region Stuttgart melden auf Nachfrage übereinstimmend viele infizierte kleine Patienten.

Säuglinge machen den größten Anteil aus

Im Stuttgarter Olgahospital, Deutschlands größtem Kinderkrankenhaus, sind seit Anfang Januar mehr als 100 Kleinkinder mit Corona stationär aufgenommen worden – davon „etwas mehr als die Hälfte wegen einer Infektion“, sagt der Ärztliche Leiter der Kindernotaufnahme im Klinikum Stuttgart, Friedrich Reichert. „Der Rest waren Zufallsbefunde bei Aufnahme aus einem anderen Grund.“ Von deutlich steigenden Zahlen gerade besonders junger Patienten berichten übereinstimmend auch die Filderklinik, die Häuser der für Ludwigsburg zuständigen Regionalen Klinik-Holding und der im Kreis Böblingen tätige Klinikverbund Südwest.

Woher kommen die steigenden Zahlen? Friedrich Reichert vermutet, dass viele Kleinkinder sich in der aktuell grassierenden Omikron-Welle bei Haushaltsangehörigen anstecken. Vom Uniklinikum Dresden deutschlandweit erhobene Daten zeigen, dass unter den 0- bis 4-Jährigen Säuglinge weit mehr als die Hälfte der aufgenommenen Patienten ausmachen, unter allen Kindern mehr als ein Drittel. Es handelt sich also vielfach um besonders fragile Patientinnen und Patienten – und besorgte Eltern.

„Je kleiner ein Kind ist, desto schwerer ist es vor allem für die Eltern, die Situation einzuschätzen“, sagt Christian von Schnakenberg, der Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Esslingen. Bei Säuglingen äußere sich eine Erkrankung häufig nur durch Erbrechen, gegebenenfalls auch durch Fieber. Wenn zusätzlich noch eine Trinkschwäche auftritt oder das Baby die Nahrung verweigert, kämen Familien in vielen Fällen stark verunsichert in die Klinik – zumal, wenn mindestens ein Elternteil coronapositiv ist.

Babys sind besondere Coronapatienten

„Gerade Kinder unter sechs Monaten mit Fieber werden sehr großzügig stationär aufgenommen, da auch lebensgefährliche Infektionen die Ursache sein können“, sagt Friedrich Reichert vom Klinikum Stuttgart. Die Omikron-Variante greife insbesondere die oberen Atemwege an. Daher komme es bei Kindern häufiger zu Symptomen wie Fieberkrämpfen und Pseudokrupp-Anfällen mit starkem Husten und Heiserkeit.

Das kindliche Immunsystem sei gegen bakterielle Infektionen noch nicht so gut gerüstet, ergänzt Fabian Kaßberger, der Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin an den Alb-Filstal-Kliniken im Kreis Göppingen. Es könne sich daher schnell eine bakterielle Blutvergiftung entwickeln. Auch komme es wegen kleinerer Atemwege bei Schwellungen der Schleimhaut viel eher zu Atemnot als bei älteren Kindern.

„Exzellente Prognose“

Die Omikron-Variante und das weniger leistungsfähige Immunsystem sind also die Ursache für den Anstieg der Hospitalisierungsrate unter Kleinkindern und Babys. So sehr das die Familien verunsichert und ängstigt – aus den Krankenhäusern wird berichtet, dass die Kleinsten oft nur sehr kurz stationär behandelt werden müssen, in der Regel lediglich eine Nacht lang, seltener einige Tage. Laut den Daten des Uniklinikums Dresden wird derzeit weniger als jedes zehnte Corona-infizierte Kind auf einer Intensivstation behandelt.

„Schwere, lebensbedrohliche oder gar tödliche Fälle sind die absolute Ausnahme“, sagt Fabian Kaßberger von den Alb-Filstal-Kliniken, die kleinen Covid-Patienten hätten eine „exzellente Prognose“. Behandelt würden sie mit Inhalation, Cortison oder einer intravenösen Flüssigkeitsgabe, dazu würden einige Tage lang die Vitalparameter überwacht – etwa um auszuschließen, dass zusätzlich andere Infektionen im Spiel sind. Nach der Entlassung könnten die Kinder zu Hause weiter behandelt werden, sagt Ralf Rauch, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Rems-Murr-Klinikum Winnenden.

Kleine Kinder kommen also derzeit relativ häufig mit Corona ins Krankenhaus, haben aber kein besonderes Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Dennoch ist es besser, wenn sie sich gar nicht anstecken. In Kitas ist Infektionsschutz nur schwer durchzuhalten – bei ganz kleinen Kindern, die oftmals zu Hause betreut werden, dagegen schon. Schwangere sollten sich ebenso impfen lassen wie die übrigen engen Kontaktpersonen eines Kleinkinds, empfiehlt Henriette Rudolph von der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

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