Drei Seiten Meer
Wer von La Hague spricht, der meint zumeist die Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Das ist zwar nicht ganz falsch, greift aber zu kurz. Denn La Hague ist ursprünglich die Bezeichnung für ein Gebiet im Nordwesten der Normandie auf der Halbinsel Cotentin. Diese ragt in den Ärmelkanal und ist von drei Seiten vom Meer umspült. Die Küste ist 350 Kilometer lang, die größte Stadt ist der Handelshafen Cherbourg.
Gartentraum
Der Golfstrom beschert der Normandie ein mildes Klima mit wenig Frost und reichlich Regen. Das nahe England mit seiner Gartenbegeisterung mag ebenfalls eine Rolle dabei spielen, dass es im Norden Frankreichs so viele Gärten gibt. Ausgerechnet am wilden Cap de la Hague befindet sich der klimatisch mildeste Punkt der gesamten Normandie. So ist es zu verstehen, dass sich einer der schönsten Tropengärten mit mehr als 600 exotischen Pflanzen in La Hague befindet. Der Jardin Botanique de Vauville wurde 1947 gegründet und um ein normannisches Herrenhaus herum angelegt. Gedüngt wird übrigens mit Algen. Die gibt es gratis am Strand gleich hinter dem Gelände.
Der Poet
Für Jacques Prévert (1900–1977) war das Cap de la Hague „das Ende der Welt, das Paris am nächsten liegt“. Der Poet und Drehbuchautor des Films „Die Kinder des Olymp" kaufte 1970 ein altes Granitgemäuer in Omonville-la-Petite, wo er bis zu seinem Tod lebte. Auf dem kleinen Friedhof des Dorfes ruht Prévert neben Frau und Tochter. Das Haus ist heute ein Museum. Ein Freund des Dichters legte ab 1980 einen Garten zur Erinnerung an Prévert an. Der verwunschene Park liegt etwa eine Wanderstunde entfernt im Tal der Windmühlen. Die Pinien für den Park hat Yves Montand gestiftet, die Azaleen Juliette Gréco. Für beide Künstler hat Prévert Chansons geschrieben.
Wohn-Weiler
Der allgegenwärtige Wind fordert auch bei der Bauweise der Wohnhäuser Tribut. Typisch für die Region sind deshalb Weiler. Diese traditionellen Wohngebäude der Region La Hague schmiegen sich eng aneinander. Durch diese Bauweise können sie starken Winden und sogar Unwettern trotzen. Diese Häuser in der typisch geduckten Gestaltung aus Sandstein und Schiefer hat ein Sohn der Stadt Gréville-Hague, der Maler Jean-François Millet, in seinen Bildern verewigt.
Das Cap
Das Cap de la Hague ist Frankreichs nordwestlichster Punkt und gehört zum Dorf Auderville. Der Tidenhub ist gewaltig hier, die Strömung mörderisch, die Gischt meterhoch. Unter Seefahrern heißt das Cap „Europas Kap Hoorn“. Menschen findet man kaum, dafür endlose Strände und Dünen. Das oft bemühte Bild vom Ende der Welt – hier am Cap de la Hague bekommt man eine Ahnung davon.
Die Fabrik
Dass das Cap de la Hague touristisches Niemandsland ist, liegt vor allem an der Fabrik. So wird die atomare Wiederaufbereitungsanlage La Hague gerne verharmlosend genannt. Doch genauso gilt, dass Frankreich die Anlage und auch das Atomkraftwerk Flamanville deshalb hier errichtet hat, weil das Cap so abgelegen ist. Versteckt hinter Ginsterbüschen und blickdichten, hohen Hecken ist von dem riesigen Komplex kaum etwas zu sehen. Sicher aber ist jedenfalls, dass es der Fabrik zu verdanken ist, dass die Küste unverbaut geblieben ist. Keine Jachthäfen, keine Ferienhaussiedlungen weit und breit. Und das wird sicher auch erst mal so bleiben, denn Frankreich baut bereits an einem weiteren Reaktor in Flamanville.
Fish and Chips
England ist nicht weit. Das merkt man am Cap de la Hague ganz besonders. Nicht nur, dass es hier ohnehin fast so aussieht wie in England, bei guter Sicht kann man auch die britischen Kanalinseln Jersey oder Alderney erkennen. In dem kleinen Ort Goury, kurz vor dem Leuchtturm, steht sogar eine Bude, an der man Fish and Chips essen kann.
Am Abgrund
Der alte Zöllnerpfad, heute Fernwanderweg GR 223, umrundet auch das Cap de La Hague, und zwar auf 25 ziemlich wilden Kilometern. Der Streckenabschnitt um die windumtoste Nordspitze gehört zu den landschaftlich schönsten, aber auch anspruchsvollsten Touren an Frankreichs Küsten. Ein Teilstück führt vom Port Racine, dem vermutlich kleinsten Hafen Frankreichs mit seinen winzigen Booten, bis zur Landspitze Nez de Jobourg. Dort ragen die Klippen bis zu 128 Meter auf, man sollte also schwindelfrei sei. Die gigantischen Dünen bei Biville erwecken den Eindruck einer Mondlandschaft. Und fast nirgendwo sind Menschen: Wer sich wie Robinson fühlen möchte, der sollte hierher.