Am ersten Urlaubstag direkt den Koffer packen, in einen Flieger steigen oder sich ins Auto Zug setzen und möglichst weit weg fahren – für viele ist das total normal. Und vor allem mit Vorfreude und Abenteuerlust verbunden. Auch Gabriele Finck (39) hat es einst immer in die Welt raus gezogen. Doch mit Anfang 20 entwickelt sie plötzlich Panikattacken. Schon in eine andere Stadt zu fahren, ist für sie plötzlich wie ein großes Abenteuer, dass mit starken Panikattacken verbunden ist.
„Das Reisen fiel da erst einmal hinten runter“, erzählt sie. „Auch alles, was in der Nähe war, aufzusuchen, war für mich schon sehr anstrengend.“ Das war ihr Leben, für mehrere Jahre. Jeder Tag war voller Angst, wenn sie nur das Haus verlassen hat.
Die Angst war da, aber die Sehnsucht auch
Was die Angst ihr aber nicht nehmen konnte: Die Sehnsucht. Die Welt zu bereisen, kleine und große Abenteuer in einem fremden Land zu erleben, diesen Wunsch hat sie über all die angsterfüllten Jahre behalten. Nur: Die Angst war zu groß. Dadurch geriet sie in eine ungute Spirale: „Denn Reisen war dadurch für mich auch das Non-plus-Ultra“, sagt Gabriele Finck, die in Norddeutschland geboren ist und in Leipzig Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert hat. Heute müsse sie nicht mehr unbedingt ständig reisen. Auch weil sie weiß: sie könnte jederzeit, die Angst steht ihr nicht mehr im Weg.
Das war anders als diese noch ihr Leben diktiert hat. Sie ging ihr aus dem Weg, vermied, was Panik in ihr auslöste. Sie litt unter einer Agoraphobie, was eine Form der Angststörungen ist. Laut dem MSD Manual für psychische Krankheiten leiden ungefähr 30 bis 50 Prozent der Betroffenen mit Agoraphobie auch an Panikattacken.
Häufig haben Betroffene Angst vor Situationen oder Orten, die das Gefühl erwecken, nicht leicht entkommen zu können und im Fall eines Angst- oder Panikanfalls keine Hilfe zu bekommen. Diese Situationen oder Orte werden häufig gemieden oder nur unter großer innerer Anspannung oder gar Panikzuständen ertragen.
Häufige Beispiele für Situationen oder Orte, an denen Furcht und Angst entstehen, sind Warteschlangen in der Bank oder an der Kasse im Supermarkt, Sitzen in der Mitte einer langen Reihe im Theater oder Klassenzimmer und Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus oder Flugzeug. Viele verzichten ganz auf Reisen. Im schlimmsten Fall reduziert sich der Radius von Menschen auf ein paar Schritte um ihr eigenes Zuhause begrenzt. Weil nur das ihnen Sicherheit bietet. Die innere Sicherheit ist ihnen verloren gegangen.
Gabriele Finck verpasste durch die Krankheit viel in ihrem Leben. Immer wieder versuchte sie sich an kleinen Ausflügen, oft konnte sie sich überwinden. Allzu oft drehte sie aber auch um und brach ab. Zu groß war die Angst vor der Angst. Sie war gefangen.
Bis sie einen Freund kennenlernte, in Deutschland. Kleinere Ausflüge hatten sie schon problemlos zusammen unternommen, tolle Gespräche geführt, viele schöne Momente gehabt. Aber er lebte eben eigentlich in Israel. Und Finck wollte ihn unbedingt dort besuchen. Aber nach Israel? Wo eine Reise von Lübeck, wo sie damals wohnte, nach Berlin doch schon einer Weltreise glich und sie die Autofahrt dahin oft kaum ausgehalten hat. „Aber die Freundschaft war dann wirklich mein Zugpferd“, sagt sie heute im Nachhinein.
Die Angst zu akzeptieren, ist der erste Schritt
Und plötzlich hat sie gedacht: „Ich bin so weit. Ich schaffe das.“ Die Sehnsucht hat ihren Mut und ihren Lebenswillen wieder hervorgeholt. War sie plötzlich wieder bereit dafür? „Ich glaube, man sollte nicht warten, bis man sich wirklich bereit fühlt“, sagt Finck. Es sei bei Angststörungen ein schmaler Grat zwischen etwas zu tun trotz Angst und Überforderung. „Ich habe mich deshalb immer gefragt: Ist es grade nur die Angst, die mich vom Reisen abhält?“ – Irgendwann konnte sie diese Frage für sich mit „Ja“ beantworten und hat die Angst deshalb einfach mit ins Gepäck genommen.
Wer unter Angststörungen leidet, der weiß: Das ist gar nicht so einfach. Lange kämpfen viele Betroffene mit ihren Ängsten, oder besser gesagt: gegen sie. Dabei ist der Gamechanger oft: Die Angst zu akzeptieren und Dinge trotz Angst zu tun. Gabriele Finck hat sich dazu vielen unangenehmen Fragen gestellt: Was will ich wirklich? Was sagt mein Bauchgefühl? Was mein Herz? „Irgendwann war mir klar, wenn ich reisen will, dann muss ich die Angst schlicht akzeptieren.“
Für Menschen, die als Globetrotter auf die Welt gekommen sind, ist das schwer nachzuvollziehen, dessen ist sich Finck bewusst. Betroffen schämen sich deshalb oft für die merkwürdigen Gedanken, die ihnen pausenlos im Kopf rum geisterten. Was, wenn ich krank werde? Gibt es dort gute Ärzte? Wie komme ich heim, wenn es mir nicht gut geht? „Irgendwann dachte ich aber, dass andere Menschen im Ausland ja auch ihren Alltag leben. Die kommen ja auch irgendwie durch“, sagt sie. Und dieser Gedanke hat ihr tatsächlich etwas geholfen.
Und dann bucht sie einfach ein Ticket nach Israel. Die Neuigkeit behält sie aber „erst einmal wie einen zerbrechlichen Schatz“ für sich. „Ich wollte mich nicht mit einem Erwartungsdruck von außen überfordern“, sagt sie. Zum Geburtstag schickte sie ihrem Kumpel dann die Kopie des Tickets. „Aber natürlich habe ich ihm noch gesagt, dass er sich lieber nicht allzu viele Hoffungen machen soll“, gesteht sie. Zu groß war die Angst, sie könnte doch noch kneifen.
Vor dem Abflug kommt die Panik hoch
Was ihr geholfen hat? „Der Gedanke, dass es immer ein zurück gibt“, sagt sie. Und sie schreibt sich eine Mutmachliste, die sie jedes Mal rausholt, wenn die Angst zu stark wird. Und dann war da aber noch etwas: Der Gedanke, was wäre, wenn sie die Reise absagen würde? Ihren Koffer wieder auspacken müsste? Zu Hause zu bleiben, „im alten Trott, an selber Stelle“, das rief in ihr „Frust und Widerwillen“ hervor, so schildert sie es in ihrem Buch „Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck – Von der Freiheit, die Welt zu bereisen“.
Aber ihren Koffer musste sie am Ende dann doch nicht wieder auspacken. Am Abflugtag macht sie sich tatsächlich auf den Weg zum Flughafen nach Berlin. Ihre Aufregung hielt sich anfangs in Grenzen. „Ich war ganz entspannt und das war eine riesige Wohltat für mich“, so Finck. Die Angst kam zum ersten Mal auf, als sie im Gang zum Flugzeug stand. Und plötzlich waren wieder die ängstlichen Gedanken in ihrem Kopf. Aber jetzt noch umdrehen? Das geht nicht ohne ein großes Drama zu machen. Und genau das war es doch, was sie nicht wollte. Irgendwo auffallen und ein Drama machen. Und was, wenn das Flugzeug abstürzt? Sie ist doch noch zu jung zum sterben.
Und dann habe sie das gemacht, was sie immer machte, wenn die Angst sie zu überwältigen drohte. Atmen, die Angst akzeptieren und sich bewusst machen, dass sie vorbei geht. Irgendwann während des vierstündigen Fluges nach Tel Aviv habe die Nervosität nachgelassen, sie wurde tatsächlich sogar etwas schläfrig. Beim Landeanflug dann plötzlich das überwältigende Gefühl: „Boah krass, ich bin in Israel.“ Und dann die unglaubliche Freude darüber, den Mut aufgebracht zu haben.
Ein Monat reiste sie durch Israel. „Mit Angst zu reisen, bedeutet für mich, dass ich vieles ruhiger gestalte, weniger Aktivitäten einplane, aber auch Sicherheiten, die ich brauche“, erzählt sie. Aber trotzdem wollte sie von den vier Wochen so viel mitnehmen, wie es geht. Die Mutter ihres Freundes holt sie vom Flughafen ab – und wusste natürlich nichts von Fincks Ängsten. Und dann muss sie deshalb auf einmal Dinge tun, die sie zu Hause aufgrund ihrer Panik jahrelang vermieden hat. Die Mutter schleppt sie zu allen wahnsinnig überfüllten Touristenattraktionen: Altstadt, Kunstmarkt, Menschenmengen. „Nie und nimmer hätte ich mich freiwillig in diese Gewühl begeben“, sagt sie heute. Einfach machen, sagt sie sich dabei aber immer wieder, um sich zu beruhigen.
Die Angst kommt, die Angst geht
Und das tut sie dann auch. Einfach machen. Ein Jahr später dann sogar noch einmal. Wieder reist sie nach Israel. „Der Monat hatte mich so geflasht, dass ich noch einmal hinwollte“, sagt sie. Nachdem sie die Angst einmal überwunden hat, wird es leichter. Sie reist nach Kroatien, Frankreich und in viele andere Länder. „Ich habe alles nachgeholt, was mir jahrelang gefehlt hat“, sagt Gabriele Finck. Und die Angst, sie lässt tatsächlich nach. Heute hat sie keine Angst mehr vorm Reisen, gestresst sei sie immer noch ein wenig. „Aber ich weiß jetzt, was ich brauche“, sagt sie selbstbewusst.
Denn inzwischen hat sie sich auf eine viel größere Reise begeben, die Reise in die Mutterschaft, wie sie sagt. „Und da gibt es auf einmal kein Zurück“, ergänzt sie. Übergangsschwierigkeiten, wie sie es nennt, habe sie auch da gehabt. „Auf einmal ist da jemand, der 24/7 an dir hängt“, sagt sie. Auch da habe sie sich erst etwas zurechtfinden und immer wieder entscheiden müssen, was sie zulässt und wo sie sich abgrenzen muss. „Aber die Ängste sind mit Kind nicht schlimmer geworden“, sagt sie. Im Gegenteil: „Ich habe ja schon gewusst, zu was ich fähig bin und dass ich Dinge überwinden kann, die schwierig sind.“
Dinge zu vermeiden, wie sie es früher lange getan hat, das geht mit Kind auch nicht so einfach. „Aber ich habe auch durch das Reisen eben gespürt, dass ich diese Kraft in mir habe und manchmal habe ich mich dann tatsächlich wie Super-Woman gefühlt“, sagt sie und lacht. Aber auch mit der Entscheidung für ein Kind hat sie lange gerungen. „Aber auch da war die Sehnsucht irgendwann größer als die Angst“, sagt Gabriele Finck.
Und letztlich ist das auch ihr Tipp, für alle die Angst haben: die eigenen Sehnsüchte wecken – und machen.
Zur Person
Leben
Gabriele Finck wurde 1984 in Norddeutschland geboren, sie hat in Leipzig Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert. Heute arbeitet sie als Mediengestalterin und Journalistin. Mit ihrer Familie lebt sie in Greifswald.
Buch
Über ihren Weg aus der Angst und die Überwindung ihrer Agoraphobie hat sie auch ein Buch geschrieben: „Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck – Von der Freiheit, die Welt zu bereisen“. (nay)