Die Reiter reagieren rasch, als 1983 Veranstaltungen für die nagelneue Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart gesucht werden. Der kleine Südbadener August Föll („Napoleon von Legelshurst“), Präsident des Landesverbands, zeigt bei einer Vorstandssitzung auf seinen agilen Landesjugendwart und sagt: „Gotthilf, du machsch des!“ Der damals 38-jährige Gotthilf Riexinger nickt etwas verdattert – er weiß, sein Präsident duldet keinen Widerspruch. So beginnt die Erfolgsgeschichte des German Masters in der Schleyerhalle, und so beginnt zugleich Riexingers Karriere als Turnierchef. Er sagt in der Rückschau: „Ich hab mir das damals zugetraut, aber nicht geahnt, was daraus entstehen würde.“ Nun kehrt er als Teil der Jury zurück – obwohl er 2016 nach mehr als dreißig Jahren an der Turnierspitze aus dem Amt gedrängt wurde.
Gleich von der legendären Premiere des Reitturniers im Herbst 1985 an mit Weltstars wie Hans Günter Winkler und Graciano Manchinelli geht es steil bergauf. Gotthilf Riexinger, ein rastloser Perfektionist, treibt sein Team an, baut ein internationales Netzwerk auf, gewinnt Sponsoren wie etwa den Herzog von Württemberg, Daimler-Benz und sogar das noble Kaufhaus Breuninger. Jetzt ist er 75 und sagt: „Rainer Vögele, der damalige Messechef, wollte unbedingt, dass ‚sein‘ Reitturnier zu den besten Europas aufschließt und sich weltweit einen guten Namen macht. Das ist uns gelungen.“
Riexingers persönlicher Blick geht jedoch über Stuttgart hinaus: Von 1987 bis 2003 leitet er zugleich das traditionsreiche Turnier im Schlosspark zu Donaueschingen sowie einige Jahre das Topturnier von Hans Werner Aufrecht in Affalterbach. Im südbadischen Offenburg zieht man den Schwaben zurate, um in den Oberrheinhallen ein Springerturnier zu etablieren. Bei seinem Reiterverein in Reutlingen ist er Vorstand, veranstaltet dort seit fünf Jahren ein Dressurturnier. Dieser passionierte Pferdemann kann einfach nicht Nein sagen: „Mein Vater hat einst den ländlichen Reiterverein in Holzgerlingen mitgegründet, seitdem gefällt mir die Vereinsarbeit für den Breitensport, ich will junge Leute für das Reiten begeistern.“
Pferdezüchter und Juryrichter
Dass Riexinger regelmäßig in den Sattel steigt, im Norden Deutschlands Pferde züchtet – kein Wunder. Er besitzt seit Langem die höchsten Weihen für das weltweite Richten von Dressurprüfungen. Sein Höhepunkt war der Einsatz bei den Olympischen Reiterspielen 2008, die damals in Hongkong stattfanden: „Mitglied der Jury zu sein bei den Wettkämpfen in aller Welt, das erfordert Erfahrung, ist anstrengend, provoziert ab und zu kritische Debatten mit den Aktiven, die sich falsch bewertet fühlen. Da braucht man als Richter viel Selbstbewusstsein und gute Nerven. Ich mag diese Herausforderung.“
Impulsiver Macher
Apropos kritische Debatten. 2016, also nach mehr als dreißig Jahren an der Turnierspitze, waren die Gemeinsamkeiten mit der stadteigenen Gesellschaft in.Stuttgart, die das German Masters veranstaltet, aufgezehrt – man drängte ihn dazu, seinen Posten abzugeben. Aber der oft impulsive Macher, der im Hauptberuf lange Jahre mit italienischen Möbeln gehandelt hat, ist nicht nachtragend: „Im Frühjahr hat mich die neue Turnierleitung eingeladen, doch jetzt, beim 36. Masters, am Richtertisch zu sitzen. Ich habe gerne zugesagt und freue mich, dass es nach drei Jahren Zwangspause in dieser so schwierigen Zeit überhaupt stattfindet.“
An diesem Mittwoch um 12.30 Uhr hat Riexinger seinen ersten Einsatz, am Sonntag von 9.30 Uhr an seinen letzten: Da entscheidet er mit darüber, wer den begehrten Titel German Master 2022 in der Dressur holt. Fast kommt der alte Turnierspruch wieder zum Tragen: Ohne Gotthilf geht es nicht!