René Pollesch inszeniert „Stadion der Weltjugend“ in Kornwestheim Im Schleudergang der Theorie

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Immer diese Anschlussfehler: René Pollesch führt im Kornwestheimer Autokino sein „Stadion der Weltjugend“ auf – und Martin Wuttke glänzt als komischer Hysteriker.

René Pollesch führt im Kornwestheimer Autokino sein „Stadion der Weltjugend“ auf, ein live gespielter Film an einem Ort, an dem wir alle Amerikaner sind. Foto: dpa
René Pollesch führt im Kornwestheimer Autokino sein „Stadion der Weltjugend“ auf, ein live gespielter Film an einem Ort, an dem wir alle Amerikaner sind. Foto: dpa

Kornwestheim - Das Setting ist perfekt und lässt nichts zu wünschen übrig. Ein lauer Sommerabend, in den langsam die Dämmerung kriecht, dazu ein riesiger Parkplatz, auf den gemächlich 120 Corsas, Golfs und Daimlers rollen, bevor sie in zehn Reihen vor einer großen Leinwand zum Stehen kommen, die ihrerseits für das Glück unter freiem Himmel unabdingbar ist: Wir sind im Autokino Kornwestheim, einem Relikt aus vergangenen Tagen, als wir noch alle Amerikaner waren und wo René Pollesch nun sein neues Stück aufführt. „Stadion der Weltjugend“ lautet der in die Irre führende Titel. Denn darum, um juvenile Leibesübungen, drehen sich die Gedanken in dieser Produktion des Stuttgarter Schauspiels keineswegs. Sie kreisen vielmehr, sich in abstrakte Höhen schraubend, um Substantive wie Subjekt, Geschlecht, Liebe, Rollenspiel und Authentizität – und ums Autokino selbst, das für diese bei Pollesch immer wiederkehrenden Themen ein kongenialer Aufführungsort ist.

Wie kongenial, merkt man, wenn dieses Freilichtspiel der besonderen Art beginnt. Aber noch ist es nicht soweit, noch hat sich die Dunkelheit nicht über das weitläufige Bühnengelände gelegt: Pollesch braucht das Schwarz der Nacht, um sein Theater mit der Theorie im Wortsinne leuchten zu lassen, droben auf der Leinwand, auf der das unten vom Publikum nicht zu sehende, freilich live herbeigespielte Geschehen übertragen wird. Aber das dauert noch. Also plaudert man mit den Insassen benachbarter Wagen, deckt sich im Diner mit Popcorn ein und checkt im Radio die Frequenz, auf der die Tonspur übertragen wird. Und plötzlich: dramatische Filmmusik aus den Autoboxen mitsamt ersten, vorproduzieren Filmszenen auf der Kinoleinwand, in denen das fünfköpfige Ensemble mit Vollgas auf dem Weg nach Kornwestheim ist. Und während sich oben Julischka Eichel und Abak Safaei-Rad, Christian Schneeweiß, Manuel Harder und – als Gast – Martin Wuttke in einen Mittelklassewagen quetschen, streift sich jetzt unten, ebenfalls im Mittelklassewagen, die Beifahrerin den BH und den Slip ab und . . . Cut! Schnitt! Puuh! Kaum haben Hollywood-Klischees die Fantasie gekapert, sitzt man auch schon in der Falle: eben in einem vor Erwartung vibrierenden Autokino, das in aller Öffentlichkeit die Intimität eines geschlossenen Raumes bietet und Energien freisetzt, die Pollesch seit zwei Jahrzehnten untersucht.

Schnittstellen zwischen Körper und Seele

Was diesen Theatermann interessiert, sind Schnittstellen: zwischen Innen und Außen, zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen Körper und Seele – und die Kräfte, die auf diese Schnittstellen einwirken und dafür verantwortlich sind, dass wir uns Identitäten zulegen, die zwar der Gesellschaft, nicht aber dem darin lebenden Individuum zuträglich sind. Es folgt bewusstlos den von außen auferlegten, nie hinterfragten Rollenmustern – so könnte man, stark vergröbernd, das Lebensthema von René Pollesch beschreiben. Dass er für sein psychosoziologisches, an Denkern wie Michel Foucault und Slavoj Zizek orientiertes Theater zudem eine radikal neue Ästhetik entwickelt hat, konnte man in Stuttgart schon häufig sehen. Sein Engagement am Schauspiel begann unter dem Intendanten Friedrich Schirmer und hat sich über Hasko Weber bis zu Armin Petras fortgesetzt. Vor zwei Jahren hat Pollesch im Kammertheater „Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist“ inszeniert – und die über Jahre erprobte Spielweise, die ihn zu einem der wichtigsten Regisseure und Autoren des zeitgenössischen Theaters gemacht hat, greift nun auch im „Stadion der Weltjugend“.

Folglich gibt es in Kornwestheim kein Drama zu sehen. Es gibt auch keine Schauspieler zu sehen, die in festgelegte Rollen schlüpfen. Sie verkörpern vielmehr Gedanken und sagen Sätze, die von Spieler zu Spieler weitergetragen werden, auf Widerstand stoßen und diskursive Dialoge auslösen, wobei Zuordnungen jeglicher Art unterlaufen werden. Nichts wird durchgehalten, aber das mit einem Redetempo, dessen Lichtgeschwindigkeit den Zuhörer im Corsa schwindlig macht – und heraus kommt ein produktives Chaos, das andernorts wie die Pest gefürchtet wird. Denn was fürs Theater von Pollesch ein Grundsatz ist, ohne den nichts geht, gilt im Mainstream-Film grundsätzlich als Katastrophe: der „Anschlussfehler“, der im Kino gar nicht geht, wobei sich jetzt im Autokino besonders Wuttke als die „Continuity“ versauender Bursche hervortut. „Du bist ein lebender Anschlussfehler. Eben hattest du noch einen Schnurrbart und jetzt nicht mehr“, sagt die Schauspielerin Abak Safei-Rad, woraufhin der gescholtene Fehler nahtlos entgegnet: „Es war wieder einer dieser Tage, wo alle an einem herumschrauben und man dauernd zu hören kriegt, dass man nicht mehr derselbe ist, der man noch gestern war.“

Wuttke war früher Tatort-Kommissar in Leipzig

Ja, so ist das im Fernsehen, wo sich Wuttke, ehemals Kommissar im Leipziger „Tatort“, mit falschen Anschlüssen bestens auskennt. Und so ist das auch im Bühnenauto, wo Pollesch mutwillig jegliche „Continuity“ außer Kraft setzt, weil er die uns abverlangten Kontinuitäten im Denken und Fühlen und Dasein für eine Lüge hält. Film, Theater, Leben: Pollesch nutzt mithin den Genius loci des Autokinos, um die verschiedenen Sphären übereinander zu blenden und einen lustigen Anschlussfehler an den nächsten zu setzen. Aus Prinzip, denn schließlich dient das Verfahren der Befreiung von Fesseln, welche die Schauspieler jetzt auf ein ganze andere Weise zu spüren bekommen. Dem vorfabrizierten Eröffnungsclip entsprungen, quetschen sie sich mittlerweile zu fünft leibhaftig im Innern eines Wagens, den sie allerdings für drei, vier Ausflüge aufs Areal wieder verlassen. Die Kamera folgt ihnen dabei, auch als sie unterhalb der riesigen Leinwand eine nicht minder riesige, zehn Meter hohe Sexpuppe mit üppigen Brüsten aufpumpen: eine Hüpfburg für Sexsüchtige, die das Quintett munter besteigt.

Komisch ist Pollesch, trotz tonnenschwerer Theoriefracht, meistens ja auch noch. Mit anarchischer Lust schickt er im „Stadion der Weltjugend“ seine Spieler auf den Boulevard und gibt ihnen die Lizenz zum Blödeln. Und sie tun das wie Kinder, die ihre Akademikerkarriere schon hinter sich haben, quengelnd, nörgelnd und trotzend auf höchst elaborierte Art, wobei vor allem Julischka Eichel mit ungebremster Schmollenergie auffällt: Silbermedaille, mindestens. Aber Gold geht doch an Wuttke, der sich als „bester Frauendarsteller des 17. Jahrhunderts“ rühmt und seine Stimme in hysterische Höhen windet – ein dauerbeleidigter Filou mit schmalen Oberlippenbart, der irgendwann auch die besonderen Vorzüge eines Autokinos zur Sprache bringt. „Wenn man davon ausgehen würde, dass dieser Ort hier ein mythischer Ort für pubertierende Jugendliche wäre, dann ist das hier vielleicht seine sexuelle Projektionsfläche“, sagt er und weist hinter der Windschutzscheibe aufs umliegende Gelände. Was da genau projiziert werden könnte, siehe oben: der Traum einer weißen, männlichen, heterosexuellen Person, die – kaum hat sie diesen Anschlussfehler begangen – durch den Schleudergang der Diskursmaschine wirbelt.

Am Ende, nach knapp neunzig Minuten: lautes Hupen für dieses ins Autokino verpflanzte Theaterkino aus dem Auto, das die letzte Inszenierung dieser Spielzeit war. Wer René Pollesch mag, sollte im Turbo nach Kornwestheim sausen. Wer ihn nicht mag, nicht – es sei denn, er will Wuttke als famos aufgedrehten, übertourten und kindsköpfigen Komiker sehen. Dann schon.

Aufführungen vom 7. bis 9., vom 14. bis 16. und vom 21. bis 23 Juli