René Staud ist 70 geworden Der Fotograf ist endlich wieder nur Fotograf

250 000 Bilder hat René Staud mittlerweile im Archiv, zigtausend weitere sind längst gelöscht. Foto: Staud Studios

Der Fotodesigner René Staud setzt seit vier Jahrzehnten rund um den Globus Autos ins beste Licht. Seit er seine Studios in gute Hände abgegeben hat, gibt er als Fotograf wieder richtig Gas – auch mit 70.

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Leonberg - René Staud ist ein Phänomen. Jahrzehntelang war er im Dienste der Automobilindustrie weltweit unterwegs, um deren neueste Produkte für die Werbung in Szene zu setzen. Er inszenierte den Maybach an Standorten rund um den Globus von St. Tropez bis Las Vegas. Er mietete am isländischen Gletscher Jökulsárlón (Schauplatz des Bond-Films „Stirb an einem anderen Tag“) alle acht Sightseeing-Kutter an, um kleine Eisberge in den Hintergrund von Bonds Lieblingsfahrzeug Aston Martin zu schieben, weil die Szenerie zu unspektakulär aussah. Er inspizierte tagelang das karge Lanzarote nach dem richtigen Hintergrund für einen Mercedes SLS. Er ließ einen Maserati auf den Ätna transportieren, um die geeignete Szenerie für den Sportwagen zu bekommen.

 

Immer eine Tasche mit Zahnbürste dabei

Der gebürtige Stuttgarter Staud, am Wilhelmsplatz aufgewachsen, arbeitete meist sieben Tage die Woche, seit er eine Ausbildung zum Fotografen in einem Fotogeschäft in der Eberhardstraße durchlaufen hatte. Er tat es als Selbstständiger zunächst in immer größeren Wohnungen im Westen, später in einem Möbel-Fotostudio in Wendlingen (Kreis Esslingen). Er tat es, als er sich dort auf alles verlegte, was Räder hatte. Als er die Lichtwanne Magic Flash erfand und 1983 patentieren ließ. Und erst recht, als er 1986 die Staud Studios in Leonberg errichtete und dort das begründete, was man mit gutem Grund Weltkarriere nennen kann. Nach seinen Worten mussten seine Mitarbeiter „immer eine Tasche mit einer Zahnbürste und ein paar T-Shirts dabeihaben, damit sie jederzeit zum Flughafen können“. Schließlich konnte es jederzeit passieren, dass ein Auftraggeber kurz vor der Veröffentlichung noch einen anderen Hintergrund für ein Werbebild wollte. Und wenn dieses nur in Kanada zu fotografieren war, so Staud – „dann geht es eben los“. Etwa 40 Marken hat der Mann mit dem Realschulabschluss fotografiert.

Nicht mal Corona zwingt ihn in den Ruhestand

Nun wird auch ein René Staud nicht jünger. 2016 übergab er das operative Geschäftseiner Firma an seine beiden Söhne und seine langjährige Prokuristin und versuchte, nur noch zu fotografieren. Etwa den Maserati Levante an den Kanälen von Venedig, oder auch mal am italienischen Lago d’Iseo die Floating Piers des Künstlers Christo, mit dem er schon 2005 bei dessen The-Gates-Projekt in New York gearbeitet hatte. Anfang dieses Jahres verschmolz das Trio mit dem Papa im Hintergrund die Firma mit dem niederländischen Global Player Media Monks. Dazwischen kam Corona, das Foto-Shootings in aller Welt quasi auf natürliche Weise unterband. Eine Steilvorlage, mit 68 Jahren in den Ruhestand zu wechseln? Von wegen.

„Die Coronazeit kam mir entgegen“, sagt René Staud. Im zehn Meter hohen und 600 Quadratmeter großen Hauptstudio, in das Lastwagen passen, war weniger los als sonst. Nicht jeden Tag wurde hier eine Online-Präsentation eines neuen Fahrzeugs auf die Räder gestellt, wie am Montag und Dienstag vergangener Woche jene des AMG-Edel-Mercedes GTC. Staud hatte die Halle oft für sich, und andererseits hatten sämtliche Museen des Landes geschlossen. „Porsche zum Beispiel hat mir Kostbarkeiten gegeben, die sie sonst nie aus dem Museum herausgelassen hätten“, verrät der Fotograf. Den ersten 917er-Siegerrennwagen vom 24-Stunden-Rennen in Le Mans anno 1971 etwa – eine Legende, vor der sich die Museumsbesucher sonst täglich stauen. Und weil der auch wenig zu tun hatte, konnte Staud den Siegfahrer von damals, Hans Herrmann, gleich mit aufs Bild bitten.

Bisher 87 Bücher

Und wozu das alles? René Staud hat quasi wöchentlich eine neue Idee für ein Buch, das er aus seinem 250 000 Fotos umfassenden Archiv bestücken kann. Für das er aber auch noch alte Autos neu aufnehmen könnte. Nach seinem 87. Buch „Mythos Le Mans“ erfüllt er derzeit Verträge über ein Werk zu BMW und eines zu den seltenen Exemplaren der Marke Jaguar. Diese Arbeit lohnt sich nicht so sehr wie seine frühere, aber trägt seine Bilder in die Welt und mehrt damit seinen Ruhm. So etwas wie eine „kleine Überlieferung des Kulturguts“ Automobilfotografie schwebt ihm vor. Deutlich besser zahlen sich Aufträge von Privatpersonen aus. Etwa jener eines zahlungskräftigen Argentiniers, der seinen Oldtimer zur Restaurierung nach Deutschland fliegen und das Schmuckstück auf dem Rückweg noch von René Staud für die Ewigkeit festhalten ließ.

René Staud will noch mehr „Dinge machen, für die ich bisher keine Zeit hatte“. Dazu gehöre auch, „etwas Gutes zu tun“. Unter dem Titel „What a wonderful world“ plant er ein Buch im Eigenverlag „über die schönsten Plätze der Welt“ – ganz ohne Autos. Etwa den Aurlandsfjord in Norwegen oder den Vogelfederberg in Namibia. Die Bilder, die Staud schon beisammen hat, sind beeindruckend, und das Buch soll nur bekommen, wer einen Spendennachweis über 250 Euro für eine soziale Organisation vorlegen kann. „Ich hoffe, das wird ein Langläufer, den mir auch Großkunden in höherer Stückzahl abnehmen, damit ich damit einiges erreichen kann“, sagt Staud.

Jeden Morgen schwimmen hält gesund

Jeden Morgen schwimmt der Mann, der am Sonntag 70 Jahre alt geworden ist und das an seinem Zweitwohnsitz auf Mallorca gefeiert hat, eine halbe Stunde etwa in seinem hauseigenen kleinen Schwimmbad in Leonberg. „Das hält mich fit“, sagt Staud – und in der Lage, auch in einem Alter weiterhin aktiv zu sein, in dem es andere längst ruhiger angehen lassen. „Ich habe immer alles dafür getan, in der ersten Reihe zu sitzen, falls ein Glücksfall eintritt“, sagt der Fotograf – und so hat er nach eigenem Bekunden manches Mal Glück gehabt. Klar sei: „Das kann länger gehen oder auch nicht.“ Das Phänomen Staud gibt einfach Gas, so lange es geht.

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