Renningen Auch Normalität muss man erst üben

Von Regine Brinkmann 

Wie oft sollte Bettwäsche gewechselt werden? Wer seine erste eigene Wohnung bezieht, muss das wissen – auch im neuen Betreuten Wohnen in Renningen.

Was wird bei 30 Grad gewaschen, was bei 60 Grad? Christine Boesen übt das mit den Bewohnern. Foto: factum/Simon Granville
Was wird bei 30 Grad gewaschen, was bei 60 Grad? Christine Boesen übt das mit den Bewohnern. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Im neuen Wohnhaus für betreutes Wohnen in der Leonberger Straße in Renningen brennt Licht. Anfang Dezember ist es bezugsfertig geworden, drei der acht Wohnungen sind schon bezogen, drei weitere Mieter werden in den kommenden Wochen einziehen. Zwei Wohnungen sind noch frei. Noch ist alles ganz neu, manche Mieter ziehen direkt vom ­Elternhaus ins betreute Wohnen, andere haben schon Erfahrung damit, alleine zu leben.

Doch erste eigene Wohnung oder nicht, regelmäßig treffen sich aktuelle und künftige Bewohner im geräumigen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss zum Wohntraining mit Koordinatorin Christine ­Boesen vom diakonischen Unternehmensverbund „Atrio Leonberg“. Atrio unterstützt Menschen mit Behinderung auf vielfältige Weise und ist Träger des betreuten Wohnens in Renningen. Christine Boesen als Koordinatorin hat die Aufgabe, den neuen Bewohnern den Einstieg in den ungewohnten und manchmal vielleicht auch beängstigenden Alltag zu erleichtern.

Selbstbestimmtes Leben

Das Wohntraining behandelt an zehn Terminen wesentliche Themen für das selbstbestimmte Leben. Die Renninger Gruppe wird mit alltagspraktischen Fähigkeiten wie Haushaltsführung, Umgang mit Geld und Behörden oder Gesundheitsfragen vertraut gemacht. Auch die Orientierung am Wohnort oder die Ideenfindung und Planung von Freizeit­aktivitäten werden thematisiert.

An diesem Samstag steht Waschen und Putzen auf dem Plan. Den Mietern stehen zwei Waschmaschinen zur Verfügung, und der Umgang damit will gelernt sein. Darauf hat sich Christine Boesen vorbereitet, auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum liegen zahlreiche Kärtchen mit Abbildungen von Kleidungsstücken, von Hosen, Blusen, Sakkos, Socken oder Pullis. Die müssen zugeordnet werden: Was wird wie gewaschen? Was zusammen? Bei 30 oder 60 Grad? Darf ein Stück überhaupt in die ­Maschine, oder muss es zur Reinigung gebracht werden? Das wirft gleich die nächste Frage auf: „Wo gibt es denn in Renningen eine Reinigung?“ Nach kurzer Diskussion kommt einer jungen Frau die rettende Idee: „Das steht doch im Internet.“ Ein Handy wird gezückt, die nächstgelegene Reinigung ist schnell gefunden. Das wäre also geklärt.

(Lesen Sie hier: Bundesverdienstkreuz für früheren Atrio-Chef)

Doch dann stellt Christine Boesen noch mehr Fragen. Wie oft sollte Bett­wäsche gewechselt werden? Hat Vollwaschmittel die stärkste Waschkraft, und was wird damit am besten gewaschen? Sollte neu gekaufte Kleidung vor dem Tragen gewaschen werden?

Es gibt noch viele Frage

Die jungen Leute müssen sich entscheiden. Stimmt das oder stimmt das nicht? Einige entscheiden sich sehr selbstsicher und ohne zu zögern, andere überlegen etwas länger. Nicht immer liegen alle richtig, Christine Boesen erklärt die Hintergründe. Leise wendet sich ein junger Mann an seinen Nachbarn: „Kann ich dich fragen, wenn ich was nicht weiß?“ Ein kurzes Überlegen, ein Nicken, ein leichtes Aufatmen.

Christine Boesen freut sich, denn dass aus den zusammengewürfelten jungen Menschen eine funktionierende Gemeinschaft wird, ist eines ihrer Ziele. Doch das lässt sich nicht unbedingt steuern: „Das ist wie in jedem anderen Mietshaus auch, entweder es entwickelt sich eine Gemeinschaft oder nicht“, stellt sie klar. Doch durch das Wohntraining haben sich die Mieter schon ein wenig kennengelernt, die ersten Hürden sind bereits genommen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Menschen, die hier leben und leben werden, haben alle unterschiedlichen Unterstützungsbedarf. Damit der Alltag auch ohne Christine Boesen klappt, hat ­jeder Klient einen Vertrag mit einer ausgebildeten Assistenz abgeschlossen. Hier ist festgelegt, in welchem Bereich der Klient Unterstützung braucht. „Das ist verschieden, manch einer braucht Hilfe beim Briefe schreiben, ein anderer beim Einkaufen oder beim Gang zum Amt“, weiß Christine Boesen. Die Assistenz unterstützt den Klienten dann bei der Lösung seines Problems. Das Prinzip dabei lautet: Hilfe zur Selbsthilfe, denn zum selbstbestimmten Leben gehört auch, Verantwortung für die eigene Selbstständigkeit zu übernehmen.

Und was beim ersten Mal nicht klappt, klappt dann vielleicht beim zweiten, dritten oder vierten Mal. Das ist normal, und das ist es, was die Menschen im Renninger betreuten Wohnen wollen: Normalität.