Republica und Media Convention Das Internet muss gerettet werden

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Kann man den digitalen Wandel noch mitgestalten oder ist es dafür schon zu spät? Auf der Berliner Republica, die praktisch mit der Media Convention verschmolzen ist, sind die meisten optimistisch. Man dürfe das Thema aber nicht Günther Oettinger überlassen, heißt es.

Nadeschda Tolokonnikowa (rechts) und Marija Aljochina  von der Aktivistengruppe Pussy Riot berichten auf der Media Convention in Berlin über Presse- und Meinungsfreiheit in Russland. Foto: dpa
Nadeschda Tolokonnikowa (rechts) und Marija Aljochina von der Aktivistengruppe Pussy Riot berichten auf der Media Convention in Berlin über Presse- und Meinungsfreiheit in Russland. Foto: dpa

Berlin - Seriöser Journalismus in Russland und Punk haben durchaus etwas gemeinsam: „Man darf keine Angst haben“, sagt Nadeschda Tolokonnikowa von der russischen Aktivistengruppe Pussy Riot in Berlin. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter (eigentlich Pyotr) Verzilov und Marija Aljochina ist sie auf dem Kongress Media Convention aufgetreten, der in diesem Jahr mit der Internetkonferenz Republica regelrecht verschmolzen ist. Die Kooperation der Veranstaltungen ist so gut gelungen, dass von den Besuchern kaum wahrgenommen wird, dass es sich um zwei verschiedene Konferenzen handelt.

Ohnehin ist eines der Hauptmerkmale der Republica, die von Dienstag bis Donnerstag mit mehr als 6000 Besuchern zum nunmehr neunten Mal in Berlin stattfindet, dass dort die Chefs großer Firmen auf Start-Up-Gründer, Hacker, Internet-Aktivisten, Journalisten, Wissenschaftler und (einige wenige) Politiker treffen. Da sitzt eine Hebamme, die gerade mit ihrem Mann einen Online-Shop eröffnet hat, in dem man alles rund um Schwangerschaft und Geburt bestellen kann, neben Geschäftsführern großer Verlage, Informatikern und Medienwissenschaftlern. Kinder wuseln durch die Konferenzräume oder vergnügen sich in mit Bällen gefüllten Planschbecken. So bunt und verschieden die Besucher, so vielfältig ist das Konferenzprogramm.

Während die einen auf der Suche nach Tipps für wirtschaftlichen Erfolg ihres kleinen Unternehmens sind, kommen andere mit großen Ideen. Viele Republica-Teilnehmer – sowohl Redner als auch Zuhörer – wollen nichts weniger als die gesellschaftlichen Big-Data-Fragen lösen. Einer der vier Republica-Mitbegründer ist Markus Beckedahl, der auch die Plattform Netzpolitik.org betreibt. Er möchte die Privatsphäre retten und ruft zur digitalen Selbstverteidigung auf. Er sagt: „Der Ausstieg aus der Totalüberwachung gelingt nur, wenn wir alle etwas dagegen tun. Sonst entscheiden andere für uns.“

Die Staatssekretärin findet, der Zug sei schon abgefahren

Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Viele Bürger haben zwar längst realisiert, dass wir uns mitten in einem tief greifenden Wandel befinden, passen sich aber einfach der neuen Technik an und reflektieren nicht den Umgang damit. Diesen Wandel zu beleuchten und zu erörtern, was noch für die Zukunft mitgestaltet werden kann, ist seit jeher das beherrschende Thema der Republica. Zwar sagt Markus Beckedahl bei der Eröffnung, dass er sich ein bisschen wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fühle, weil er wieder die immer gleichen Themen anspreche. Immerhin sieht er aber Fortschritte: „Wenn Angela Merkel auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart in einer Diskussionsrunde über Digitale Technologien spricht, dann ist das gut.“ Das Thema sei nun in der Gesellschaft angekommen und dürfe auf keinen Fall alleine Günther Oettinger überlassen werden, den Beckedahl häufig in seinen Vorträgen zitiert. Jemand, der seine Freunde von der Telekom als die Guten sehe, die Netzaktivisten hingegen als „Taliban“ bezeichne, dürfe nicht über unser Leben entscheiden, sagt Beckedahl.

„Finding Europe“ – so lautet das Motto der diesjährigen Republica. Damit soll auch die politische Dimension des digitalen Wandels thematisiert werden. Es gibt Referenten wie den Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer, die durch den Gebrauch des Smartphones die Demokratie in Gefahr sehen. Als Beispiel nennt Welzer totalitäre Systeme, die immer schon Interesse an der Aufhebung von Privatsphäre gehabt hätten. Spitzelsysteme müssten heute gar nicht mehr etabliert werden, sagt er. Denn es genüge, die Daten auszuwerten, die ohnehin schon da seien. Er hält eine Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit für zwingend. Welzer appelliert: „Wir dürfen Demokratie und Freiheit nicht für ein bisschen Bequemlichkeit riskieren und nicht für ein paar Apps aufs Spiel setzen.“

Die parlamentarische Staatssekretärin Brigitte Zypries (SPD) hingegen scheint bereits kapituliert zu haben. Es mache keinen Sinn mehr, ein europäisches Google nachzubauen, bei den Internetdiensten sei der Zug bereits abgefahren, sagt sie. Die Nutzer hätten sich gegen Schüler- und Studi-VZ entschieden. „Facebook war eben attraktiver.“ Die Industrie 4.0 sei nun unsere Chance, das Internet der Dinge. Immerhin sieht Zypries auch positive Entwicklungen durch die Digitalisierung, wie etwa die Möglichkeit der „Bildung für alle“.

Der Medienforscher fordert mehr journalistisches Denken

Hört man den Vertretern der Medienwissenschaft zu, besteht aber durchaus noch Grund zur Hoffnung auf Mitgestaltung der Digitalen Gesellschaft. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt: „Wir befinden uns noch in der Übergangszeit, wir sind noch in der kommunikativen Pubertät.“ Pörksen vertraut auf Mündigkeit und Selbstheilungskräfte. Wenn wir Merkmale gelingender Individualkommunikation versuchten ins Netz zu bringen, wenn wir also in Dialog träten und uns aufeinander einließen – mit Respekt und Achtung wie im analogen Leben –, dann könne auch die Kommunikation im Digitalen gelingen. Hilfreich sei es dabei, stets die Prinzipien des Journalismus zu beachten. Jeder, der etwas im Netz verbreite, sei ein Sender und sollte zunächst prüfen, ob eine Nachricht relevant sei und die Quelle glaubwürdig. Diese Fragen müssten sich in dieser Digitalen Gesellschaft nun alle stellen. Damit meint Pörksen nicht, dass nun jeder Journalist werden solle, doch jeder müsse journalistisch denken lernen.

Es wird auf den beiden Berliner Konferenzen viel über das hohe Gut der Meinungs- und Pressefreiheit gesprochen. Von russischen Verhältnissen sind wir in Deutschland weit entfernt. Umso nachdenklicher stimmen die Äußerungen der Pussy-Riot-Aktivisten während ihres kurzen Auftritts. Es sind Sätze wie diese gefallen: „Du weißt in Russland nie, warum Du ins Gefängnis kommst. Es kann sein, weil Du tanzt, und das nächste Mal vielleicht, weil Du ein bestimmtes Mineralwasser trinkst.“ Nadeschda Tolokonnikowa betrachtet die kleine Wasserflasche in ihrer Hand. „Du kannst nichts daraus lernen, weil es nicht nachvollziehbar ist.“ Immerhin ist Media Zona, die Nachrichtenseite der Pussy Riots, in Russland noch nicht gesperrt worden.