Michael Roth hat reagiert auf die Psyche seiner Kunden. Als Beruhigung hat er sogar drei Paletten mit Mehl im Markt aufstellen lassen, obwohl die auf der kleinen Fläche eher stören. Aber so sehen die Leute: Gut, Mehl geht also auf jeden Fall nicht aus. Und deshalb hamstert niemand.
Ein echter Quereinsteiger
Ein einfacher Trick von jemandem, der noch gar nicht so lange im Geschäft ist. Seine Eltern kommen zwar vom Fach, als Kind hat er immer ausgeholfen, aber eigentlich arbeitete Roth beim Daimler und ist ein klassischer Quereinsteiger. Verfahrensmechaniker hat der heute 32-Jährige gelernt, nebenher seinen Fachwirt gemacht. Vor zwei Jahren schrieb Rewe den Markt am Vogelsang aus, da schlug er den Rat seiner Eltern in den Wind. „Lernsch was Gscheits!“, haben die ihm gesagt, damit er nicht gar so viel arbeiten müsse. Nun hat er aber doch den 35-Stunden-Job für die Selbstständigkeit aufgegeben. Und die interpretiert er auch so: selbst und ständig. Arbeiten von 5 bis 17 Uhr sei die Normalität.
Dabei macht der Vater von zwei Jungs nicht auf großer Chef. Roth packt selbst mit an, füllt Regale auf, langt zu, wo jemand gebraucht wird. „Wenn mal was runterfällt, darf man sich auch nicht zu schade sein, selbst zu putzen“, sagt er. Vorzuleben, wie er sich das wünscht, das ist seine Devise. „Ich bin auch schon öfter angesprochen worden, wie höflich alle Mitarbeiter hier drin sind“, sagt Roth, was ihn auch stolz gemacht habe. Wenn man sehe, dass etwas funktioniert, meint der Familienvater, dann erfülle einen dies auch. Schließlich sei er ja auch ein Wagnis eingegangen, für das er einstehen müsse – neben dem roten Rewe steht immerhin groß sein eigener Name.
Die Zahl der Mitarbeiter hat sich verdoppelt
Nun war die Umstellung in der Zeit der Pandemie eine große Herausforderung. Mit 23 Mitarbeitern ist der Branchenneuling im Januar 2019 an den Start gegangen, mittlerweile zählt er exakt 47 Köpfe in seiner Mannschaft. Im März war auf einen Schlag alles anders. Nicht nur wegen des Toilettenpapiers. Die vielen Menschen im Homeoffice mussten sich ganz einfach versorgen. Früher hätten die meisten in Kantinen gegessen, in Mensen oder eben in Restaurants. Nun bleibe zwar deren Abholservice oder das Liefern, aber das entspreche bei Weitem nicht dem normalen Umfang. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute auch wieder mehr kochen, auch Dinge ausprobieren“, sagt Roth. Er sähe sie mit Rezepten im Laden, das deute darauf hin, dass die Experimentierfreude zugenommen habe. Und das wiederum sei wenigsten ein positiver Aspekt.
Vor den Feiertagen rechnet Roth mit gewaltigem Andrang
Bis zu diesem Donnerstag rechnet er mit einem gewaltigen Andrang, vor den Feiertagen müssten die Menschen natürlich viel einkaufen. Und die Kapazitäten ließen sich in einem Laden wie seinem ja nicht unendlich ausdehnen. 86 Kunden dürften maximal in den Laden. Wenn die 45 Einkaufswägen alle weg sind, dann stellt er auch mal einen Mitarbeiter vor das Geschäft und kontrolliert den Einlass. Dass alle mit einem Wagen kommen und so die Anzahl kontrolliert werden kann, sei unmöglich: „Dazu sind bei uns einfach die Gänge zu eng.“
Die vier Kassen seiner Filiale hat er aber konsequent mit sechs Mitarbeitenden besetzt. Viele Studenten und Schüler helfen aus. In der Gastronomie sei ja nichts mehr zu verdienen, an Personal mangele es also nicht, so Roth. Dass er alles Erdenkliche versuche, um die Hygienestandards einzuhalten, verstehe sich für ihn von selbst. Schon allein, um seine Mitarbeiter zu schützen. Eine Studie hat nämlich herausgefunden, dass gerade die Mitarbeiter in Supermärkten, die einen direkten Kontakt mit Kunden haben, der größten Infektionsgefahr ausgesetzt seien.