Mit Rezzo Schlauch in Bächlingen Eine Dorf-Kindheit im Hohenloher Land
Rezzo Schlauch, Urgestein der Grünen, ist in einem kleinen Dorf in Hohenlohe aufgewachsen. Die Liebe zu Bächlingen hat sich der 76-Jährige bewahrt.
Rezzo Schlauch, Urgestein der Grünen, ist in einem kleinen Dorf in Hohenlohe aufgewachsen. Die Liebe zu Bächlingen hat sich der 76-Jährige bewahrt.
Das Wochenende hat Rezzo Schlauch wieder mal in Hohenlohe verbracht. In Bächlingen lebt noch der jüngere Bruder Bernulf, der als „Holunderzauberer“ feine Schaumweine erzeugt und eben seinen Siebzigsten feierte. Von dessen Haus, etwas erhöht an der Alten Steige gelegen, geht’s hinunter ins Dorf. An diesem regnerischen Tag begegnen dem ehemaligen Grünen-Politiker nur wenige Menschen. Eine ältere Frau im Anorak eilt vorbei, nickt kurz in seine Richtung. Ein Bauer auf dem Traktor grüßt von oben. Unbeeindruckt leckt eine schwarz-weiße Katze im Hof ihre Pfoten. Mit weit ausholenden Schritten durchmisst Rezzo Schlauch sein Heimatdorf.
„Im vielfach gewundenen Jagsttal liegt das kleine Dorf mit seiner alten Kirche malerisch zwischen Wäldern, Wiesen und Äckern am Fluß, in dem sich Häuser des Dorfes und Türme des Schloßes Langenburg spiegeln“, hat sein Vater Rudolf Schlauch, Pfarrer und Volkskundler, Bächlingen in seinem Buch „Hohenlohe Franken“ beschrieben. Rezzo Schlauch fasst sich zeitgemäß kürzer: „Ein Bilderbuchdorf.“ Der Sohn gibt jetzt den Fremdenführer: „Das hier ist der letzte Bauer im Dorf, früher waren alle Bauern. Danach kommt der Löwen, die Wirtin war meine Patentante, dort war immer Kerwefeier von Freitag bis Montag.“ Kerwe, das bedeutet Kirchweih.
Er passiert den Grünen Baum, in dem wie in vielen Gaststätten auf dem Lande längst keine Gäste mehr bewirtet werden. Vorbei am Hof vom „Herrenbauer“, so nannten sie den Größten im Ort. „Hier war der Wagner, der hat uns Schießgewehre gesägt, mit denen wir gespielt haben.“ Rezzo Schlauch kneift die Augen zusammen: „Das war nicht gerade pazifistisch.“ Bäcker, Kaufladen, Schmiede, Mühle: „Wir hatten alles im Ort.“
Im Eiltempo weiter zur evangelisch-lutherischen Johanneskirche im ummauerten Friedhof, sie gilt als älteste in der Region. Im Innern der Chorturmkirche befindet sich das Grabmal des 1320 verstorbenen Ritters Rezzo von Bächlingen, ein steinernes Epitaph. Die Rezzen, wie sie genannt wurden, waren zunächst Verwalter der Langenburg, ehe sie ihren Sitz nach Bächlingen verlegten. Schlauch betrachtet den Ritter Rezzo von Bächlingen mit Kettenhemd, Beinschienen, Eisenhut, Wappenzier und Schwert, dessen Vornamen er trägt: „Das war die Idee meiner Mutter, die von der Kirche und dem Standbild beeindruckt war.“
In der Johanneskirche von Bächlingen hat Rudolf Schlauch bis zu seinem Tod 1971 als Pfarrer gewirkt. Kommt die Rede auf den Vater, beginnt der heute 76-jährige Sohn zu schwärmen: „Er war ein super Prediger, viele Leute von außerhalb sind zum Gottesdienst gekommen.“ Anschließend trank man Wein im nebengelegenen Pfarrhaus. Warum ist er selbst nicht Pfarrer geworden? Schlauch wiegt das mächtige Haupt mit dem lichten Haarkranz: „Das war die Zeit, da hat man nicht gemacht, was der Alte gemacht hat.“
„Läutbub“ in der Dorfkirche ist er aber gewesen. Diese hatte eine kleine, eine mittlere und eine größere Glocke. Von jeder ging ein Seil hinunter auf den Läutboden. „Die Mesnerin hat das Elf-Uhr-, das Zwölf-Uhr- und das Betläuten kurz vor der Dämmerung gemacht. Dann wussten wir: Wir müssen nach Hause.“ Die Läutbuben waren an den Sonntagen dran: „Erst haben wir jede Glocke einzeln geläutet, dann 15 Minuten lang alle zusammen.“ Auch bei Beerdigungen versahen die Läutbuben ihren Dienst. Damals zogen Pferde den Leichenwagen von der Kirche unten im Dorf hinauf zum Friedhof. „Man musste so lange läuten, bis der oben war.“ Als Lohn gab’s ein kleines Taschengeld.
Eine behütete Kindheit mit dem verehrten Vater, mit Mutter Ingaruth, die Essays und Theaterstücke schrieb, mit dem älteren Bruder Wolfgang (Jahrgang 1938) und dem jüngeren Bruder Bernulf. „Es ist noch heute ein enges Band zwischen uns Brüdern, obwohl wir weit auseinander sind.“Nach der Grundschule in Bächlingen – in der Zwergschule im Rathaus-Dachgeschoss unterrichtete ein Lehrer die Klassen 1 bis 8 – besuchte der Pfarrerssohn das Gymnasium im rund 20 Kilometer entfernten Künzelsau. „Der Bus fuhr um Viertel vor sechs los. Im gesamten Jagsttal hat er die Arbeiter aufgesammelt und war um sieben in Künzelsau.“ Die Schüler warteten bis halb acht im sogenannten Auswärtigenzimmer und tauschten Hausaufgaben. „Um halb zwei sind wir wieder heimgekommen.“ Am Nachmittag, nach den Hausaufgaben lockte das Dorfleben mit all seinen Abenteuern. „Bächlingen war für mich das Paradies.“
In einem Geburtstagsartikel für seinen Parteifreund Joschka Fischer, der in Langenburg aufgewachsen ist, beschrieb Rezzo Schlauch Keilereien zwischen den Bächlinger Buben und den Langenburger Eindringlingen an der Alten Steige, die als Schlittenbahn diente. „Die oben waren städtisch, wir unten Landvolk, da gab es natürlich Auseinandersetzungen.“ Ein beliebter Treffpunkt war das alte Badehüttle an der Jagst. „In guten Sommern haben wir nachts gebadet, da gab es erste Liebeleien.“ Schlauch lacht: „Samstagabend haben wir ein Fässle Bier geholt, 18, 20 Liter, und haben hier gefeiert.“
Auf seiner privaten Webseite sind unter dem Stichwort „Daheim – Rezzo vor Ort“ Fotos des jüngeren Schlauch eingestellt, der im klaren Wasser des kleinen Flusses schwimmt. „Daheim“, das sagt schon was aus. Rezzo Schlauch bekennt: „Wenn ich von Nesselbach ins Jagsttal runterfahre, Bächlingen sehe, geht mir das Herz auf.“
Neben dem leiblichen gab’s für den Jungen noch eine zweite Vaterfigur, den „Bernde-Bauer“, ein Nachbar. „Der hat aus dem Krieg zwei Kosakenpferde mitgebracht, mit denen er seine Äcker bestellt hat. Er hat mir die Welt erklärt, die Natur, die Viecher.“ Als Bub half er dem Bernde-Bauern beim Steinelesen, Ernten, Kartoffelkäfer-Klauben. „Eine Schwäche hatte er: der Most, daran ist er auch draufgegangen.“
Dem Bernde-Bauern verdankt er die bäuerliche Kindheit in den 1950er bis 1960er Jahren: „Jeden Winter hat er mich zur Hausschlachtung mitgenommen.“ Rezzo Schlauch schnalzt mit der Zunge: „Die Nierle hingen am Bändel im Kessel. Dann wurden sie herausgezogen, auf dem Brett in Scheiben geschnitten und mit Salz und Brot gegessen – diesen Geschmack werde ich nie vergessen.“
Das Bäuerliche im Dorf und die Weltoffenheit im Pfarrhaus: „Was aus mir geworden ist, hat hier seine Wurzeln“, sinniert Schlauch. Auch später – als Student, als Rechtsanwalt, als Landtagsabgeordneter, Bundestagsabgeordneter, zweimaliger OB-Kandidat von Stuttgart, Co-Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, nach dem Rückzug aus der Politik 2005 als Unternehmensberater und Lobbyist – ist er immer wieder ins Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt. Noch heute.
Bevor er mit dem schwarzen BMW-Cabrio wieder „nach Stuttgart hinter“ fährt. Denn so sagen sie im Hohenlohischen: „Nach Hall nei, nach Künzelsau nüber, nach Crailsheim nuff, nach Mergentheim no und nach Stuttgart hinter.“ Vorne ist für Rezzo Schlauch das hohenlohische Bächlingen.