Richard Wagner und Italien Hier gilt’s dem welschen Tand

Von Eberhard Straub 

Richard Wagner gilt als Galionsfigur einer entschieden deutschen Kunst. Tatsächlich galt die große Liebe des Opernerneuerers Italien. Seine Musikdramen sind ohne die romanische Literaturgeschichte überhaupt nicht vorstellbar, wie Eberhard Straub nachweist.

Wagners Büste schaut auf Venedig und seine Lagune. Foto: dapd
Wagners Büste schaut auf Venedig und seine Lagune. Foto: dapd

Stuttgart - Während seiner langen Aufenthalte in Italien seit 1876 bereute Richard Wagner, sich in Bayreuth niedergelassen zu haben. Einen „Fehler“ nannte er das, einmal sogar ein „Verbrechen“. Bayreuth, die ehemalige Residenz der Markgrafen, wurde ihm rasch zum Inbegriff der deutschen Misere: enge Provinzialität verbunden mit überheblicher Selbstgenügsamkeit. Auf die Kleinstadt projizierte er sein Unbehagen am 1871 gegründeten neuen Deutschen Reich, das ihm mit seinen Kasernen, Fabriken und Schulen, mit diesen Dressuranstalten zur bloßen Funktionstüchtigkeit in Apparaten und Systemen, zunehmend auf die Nerven ging.

Den Humanisten empörte die Kulturlosigkeit der neuen Deutschen, die sich in seinen Augen darin äußerte, Künste und Wissenschaften allein nach ihrer Nützlichkeit für den ökonomischen Wohlstand als der Grundlage bürgerlicher Glückseligkeit zu beurteilen. Bald kam er sich wie ein Fremder im Deutschen Reich vor. Der 1849 ins Exil Vertriebene, der Deutschland erst 1862 wieder besuchen durfte, vorübergehend in Wien und München lebte, brach im Dezember 1865 für weitere sieben Jahre ins Exil auf, in die Nähe von Luzern.

Wagners Deutschlandbild war die Fiktion eines Exilierten

Ein paar Jahre früher, am 13. September 1860, hatte er seinem Freund Franz Liszt nach Weimar geschrieben: „Mit eigentlichem Grauen denke ich jetzt nur an Deutschland . . . ich sehe dort nur Kleinliches und Erbärmliches . . . Halbheit in allem und jedem . . . Glaub mir, wir haben kein Vaterland! Und wenn ich ‚deutsch‘ bin, so trage ich sicher mein Deutschland in mir.“ Wagners Deutschland, das war er selber, erfüllt von den literarischen Fiktionen eines Exilierten. Er hielt es nie wieder in Deutschland aus und fand Berlin, Leipzig, Dresden, München nicht minder niederschmetternd als Bayreuth.

Der „Bayreuther Meister“ darbte in Bayreuth und wusste überhaupt nicht, wie es dort mit den Festspielen weitergehen sollte. Am liebsten wäre er dauernd in Italien geblieben. Neapel, Palermo oder Venedig veranschaulichten ihm eine unmittelbare Vorstellung von Leben und Weltfreude, die er sich sonst in das klassische Griechenland hineinzaubern musste. In den Festspielen wollte er im deutschen Nebel und Nifelheim, wo ihm meist die Sonne fehlte, wenigstens ein Sinnbild schaffen von der attischen Idee der Befreiung durch tragische Kunst aus dem Geist der Musik. Aber zu seinem Verdruss sahen viele Besucher in den Bayreuther Festspielen ein gesellschaftliches Ereignis, anderen imponierte es im Zeitalter der großen Unternehmer als Ausdruck unternehmerischer Fantasie. Vor seinem Tod – in Venedig! – 1883 zweifelte Wagner an seiner Idee, ohne sie jedoch endgültig zu verwerfen.