Rolling Stones „Hackney Diamonds“ Ein Aufstand alter Männer

It’s only Rock’n’Roll, but I like it! Ron Wood, Mick Jagger und Keith Richards (von links) haben ein neues Album veröffentlicht. Foto: Polydor/© Mark Seliger

Nach dem Tod des Schlagzeugers Charlie Watts im Jahr 2021 sagten viele das Ende der Rolling Stones voraus. Stattdessen hält das knurrige aktuelle Album namens „Hackney Diamonds“ sogar Vergleichen mit den Meisterwerken der größten Rockband aller Zeiten stand.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Manchmal geht die Party erst los, wenn du glaubst, dass sie schon vorbei ist. Das behauptet Mick Jagger in dem Song „Whole Wide World“, der genau das beweist: dass gerade dann, wenn man nichts mehr erwartet, etwas Sensationelles passieren kann. So eine rotzig-trotzige Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Hymne wie diese und so ein Album wie „Hackney Diamonds“ hätte man den Rolling Stones kaum mehr zugetraut. Nach dem Tod des Drummers Charlie Watts im August 2021 galt es als wahrscheinlich, dass sich die Band schlimmstenfalls auflöst und bestenfalls damit begnügt, ihren Beitrag zum kulturellen Erbe des Abendlandes noch mit ein paar Tourneen gewinnbringend zu verwalten.

 

Die Single „Angry“ gibt dem Album den Ton vor

Doch dann hauen Mick Jagger (80), Keith Richards (79) und Ron Wood (76) dieses Album heraus. Seit 2005 („A Bigger Bang“) haben die Stones kein Album mehr voller eigener Songs veröffentlicht. Und als 2017 „Blue & Lonesome“ erschien, auf dem sie Bluesklassiker interpretierten, klang das wie die Vorbereitung auf den Ruhestand und der Abschied vom Rock’n’Roll.

Doch auf „Hackney Diamonds“ proben die alten Männer noch einmal den Aufstand. Die Vorabsingle „Angry“, die erschien, als sie vor einigen Wochen das neue Album bei einem Premieren-Event im Hackney Empire in East London ankündigten, gibt den Ton vor. Bei dem Event ließen sie sich im Video zu dem Song allerdings noch von Sydney Sweeney („Euphoria“) die Show stehlen. Weil die sich dermaßen lasziv über drei Minuten lang in einem Mercedes-Cabriolet rekelte, fiel fast gar nicht auf, wie gut der Song ist, der zu einem stoischen Drumbeat,und einem herrlich mürrischen Gitarrenriff von einer toxischen Beziehung erzählt.

Eine wunderbar altmodische Rock’n’Roll-Platte

„Angry“ ist aber nur einer von vielen großartigen Songs auf dieser altmodischen Rock’n’Roll-Platte, die zurückverweist in die 1960er und 1970er, in die Zeit von Alben wie „Let It Bleed“, „Sticky Fingers“ oder „Exile On Main St“. Der mit einem Grammy ausgezeichnete Produzent Andrew Watt, der bisher eher durch seine Arbeit für Justin Bieber oder Miley Cyrus aufgefallen ist, lässt die Stones wieder wie zornige junge Männer klingen, verpasst dem Album einen erdig-dreckigen Gossensound. Dazu passt auch der Albumtitel: „Hackney Diamonds“ spielt auf einen Slangausdruck in London an. Der Stadtteil Hackney steht im Ruf eine besonders hohe Kriminalitätsrate zu haben und mit „Hackney Diamonds“ sind die Scherben gemeint, die zurückbleiben, wenn irgendwo eingebrochen wurde.

Es geht auch viel zu Bruch auf dem Album, und es wird viel gestritten. Etwa im Rockrabauken „Bite My Head Off“, der wie die Fortsetzung von „Angry“ wirkt und bei dem Paul McCartney Bass spielt. „Mess It Up“ klingt nicht nur wegen des Titels wie das 2023er-Jahre-Gegenstück zu „Start Me Up“, sondern auch weil sich da ein ähnlich markanter Keith-Richards-Riff durch die Strophen schlängelt, während sich der Song später im Refrain mit einer funky Gitarre als Disconummer verkleidet. Der einzige Moment auf der Platte, in dem die Stones sich mal aus ihrer Komfortzone wagen.

Gäste: Lady Gaga, Stevie Wonder, Elton John und Paul McCartney

Ein weiteres Album-Highlight ist „Sweet Sounds of Heaven“, ein soulig-gospelhafter Meisterwerk in der Tradition von „You Can’t Always Get What You Want“. Jagger hat man lange nicht mehr so gut singen hören, und er kann gut mit Lady Gaga mithalten, die hier einen großen Auftritt als Gastsängerin hat. Prominent besetzt sind in dem Lied auch die Tasteninstrumente: mit Stevie Wonder. Detail am Rande: Beide sind schon einmal mit den Stones getourt – Lady Gaga im Jahr 2012, Stevie Wonder im Jahr 1972.

Ebenfalls das Zeug zum Klassiker haben die Ballade „Depending On You“, das Beziehungsdrama „Driving Me Too Hard“, das knackige „Get Close“ – einer der Songs, bei dem Elton John am Klavier zu hören ist –, aber auch der Weltfluchtsong „Dreamy Sky“. Darin sehnt sich Jagger zu einem schlurfenden Beat und einer Schrammel-Akustikgitarre weit weg in die Natur und träumt davon, den ganzen Tag einem Radiosender zu lauschen, der nur Hank Williams und schlechten Honky Tonk spielt.

Der Sturm und Drang der frühen Jahre als Blaupause

Tatsächlich ist allen Songs auf „Hackney Diamonds“ gemeinsam, dass nichts, was seit den 1980er Jahren musikalisch passiert ist, irgendwelche Spuren hinterlassen zu haben scheint. Auf anderen Alben klangen die Stones schon mal moderner, zeitgeistiger. Aber will man wirklich, dass die Stones auf ihre alten Tage anfangen, mit Autotune, KI-Harmonizern oder Trap-Beats herumzuexperimentieren? Dann doch lieber ganz wertkonservativ den Sturm und Drang der frühen Jahre als Blaupause nehmen.

Nicht ganz den hohen Standard des Albums halten können lediglich die Nummer „Tell Me Straight“, die Richards singt und durch die ein ungewöhnlicher Akkord hallt, und der Boogie „Live By The Sword“. Neben „Mess It Up“ ist dieser Song eines der Stücke, für die Charlie Watts noch die Drumparts eingespielt hat. Außerdem ist in „Live By The Sword“ Bill Wyman am Bass zu hören, der von 1962 bis 1993 Mitglied der Rolling Stones war. Und diese musizieren nur im Albumfinale altersgerecht, verpacken die rebellische Rastlosigkeit, die einem überall auf „Hackney Diamonds“ begegnet, in einen störrischen Zwölftakter namens „Rolling Stone Blues“, den sie sich bei Muddy Waters geborgt haben.

The Rolling Stones: Hackney Diamonds. Polydor/Universal

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