„Romeo und Julia“ am Stuttgarter Schauspiel Shakespeares Liebestragödie schwarz wie die Nacht

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Oliver Frljic ist bekannt für seine politisch grundierten Inszenierungen. In Stuttgart macht er bei seiner Inszenierung von „Romeo und Julia“ aus dem Panorama von Shakespeare aber oft nur ein Panoptikum.

Szene aus „Romeo und Julia“ Foto: Thomas Aurin
Szene aus „Romeo und Julia“ Foto: Thomas Aurin

Stuttgart - In Reihe fünf im Schauspielhaus Stuttgart sitzt ein zu Beginn der Premiere von „Romeo und Julia“ ungemein und ungehemmt kommentierungsfreudiges Ehepaar. Sagt sie, als die Darsteller von Tybalt (David Müller) und Romeo (Jannik Mühlenweg) schmatzend schon sehr viele Küsse getauscht haben und flugs dazu übergegangen sind, allerdings folgenlos, die Hosen herunterzulassen: „Das ist nicht Shakespeare!“ Drauf sagt er, derweil sich das Publikum in einem auf der Bühne aufgestellten Spiegel selbst betrachten darf: „Die sollen mal wieder was anziehen!“

Dem Zuschauerwunsch des Mannes wird ziemlich bald entsprochen, wiewohl Tybalt und Romeo im Verlauf der eindreiviertel Stunden nicht die einzigen sind, die blank ziehen müssen (Julia steigt, schaumgeboren, zwischendurch aus dem Bad in ihrem eigenen Sarg). Was die Shakespeare-Frage hingegen betrifft, so ist das frühe Urteil falsch. Shakespeare bleibt es, bis auf minimale Ergänzungen, immer. Allerdings Shakespeare mit anders verteilten Rollen und gewissermaßen „gegendert“. Tybalt zum Beispiel spricht zu Anfang eine Textstelle von Julia aus der zweiten Szene des zweiten Aufzugs. Nach zwölf Zeilen jedoch wechseln beide Männer in einen anderen Dialog, nämlich jenen zwischen Benvolio und Romeo aus dem ersten Akt. Wobei, um genau zu sein, Tybalt das sagt („Schwermüt’ger Leichtsinn, ernste Tändelei . . .“), was Romeos Part wäre. Dass die Endlos-Knutscherei der beiden Männer in den Schrei: „Ich liebe eine Frau . . .“ mündet, kann halbwegs nur verstehen, wer Shakespeares Stück im Ganzen und in der ehemals gedachten Reihenfolge im Sinn hat. Wobei, um wiederum genau zu sein, Romeo tatsächlich eine Frau meint, als er von ihr redet. Wenn auch da noch nicht Julia.

Alle drei bis fünf Minuten muss etwas Neues passieren

Und so geht das also schon mal los in der Inszenierung des 42-jährigen, in Bosnien geborenen Kroaten Oliver Frljic, der in Rijeka bis 2016 das Nationaltheater geleitet hat und nach Arbeiten für den Heidelberger Stückemarkt, am Residenztheater in München und in Mannheim kein Unbekannter mehr ist: wie mit einer Fünf-Minuten- Zusammenfassung einiger Ticks und Spleens, die das Theater in den, grob gesagt, letzten zwanzig Jahren regietheaterhammermäßig entwickelt hat. Angefangen von der launigen Dekonstruktion eines Textes über den Rollentausch bis hin zur Aufhebung der lange etablierten Norm, dass man Wörter, um verständlich zu bleiben, in logischen Zusammenhängen sprechen kann, also nicht sinnfrei brüllen muss. Was kurzzeitig wie ein Persiflagen-Potpourri eines Regisseurs anmutet, der sich mit ernsthaften, politisch grundierten Produktionen einen Namen gemacht hat, erweist sich schnell als Prinzip, das bis zum Schluss durchgehalten wird.

Dabei geht es durchaus an, „Romeo und Julia“ von 1595, historisch hundert Jahre vorher in Verona und Mantua spielend, als Liebestragödie dramaturgisch vom Ende her zu erzählen. Zuerst also in Stuttgart, nach dem seltsamen Vorspiel auf dem Theater, die Beerdigung: mit wandernden Grabsteinen auf der Bühne und donnernden Dominantsepten aus dem Off. Im Tod, dem „unentdeckten Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“, wie Hamlet sagt, wäre Oliver Frljic eigentlich im Stück, und im Programmheft - im Gespräch mit der Dramaturgin Carolin Losch - zieht er die Verbindungslinie auch zwischen Liebestragödie hier und existenziellem Drama dort. Aber das bleibt Papier. Denn Frljic denkt nicht an eine große Konstruktion. Er denkt in Clips.

Für „Romeo und Julia“ bedeutet das: Es muss alle drei bis fünf Minuten etwas Neues passieren. Auf die Vorlage will Frljic sich dabei nicht verlassen. Gespielt wird – wenn sie gespielt wird! - die eher glatte, neutrale Übersetzung von Sven-Eric Bechtolf und Wolfgang Wiens, nicht die mit betonter Lust am Vulgären arbeitende von Thomas Brasch. Bechtolfs Fassung hat den zweifelhaften Vorteil, dass man sie wie nebenbei sprechen kann, und so wird sie auch gesprochen. Manchmal dieselben Worte in Endlosschleife (Klaus Rodewald als sadistischer Vater Capulet), manchmal im Gaga-Rhythmus (Christoph Jöde als Mercutio). Und latente Gewalt ist, neben fluider Geschlechtlichkeit, das bestimmende Thema. Ehe sie sich das Herz herausreißen in dieser Liebestragödie, brechen sich alle immer fast die Knochen.

Was wird aus dem Panorama?

Shakespeare schuf, selbst wenn er holzschnittartig in der Typisierung wurde, eine Ansicht verschiedener Gesellschaftsschichten: ein Panorama. Frljic zielt auf ein Panoptikum. Also müssen Bilder her – und Igor Pauska (Bühne) und Sandra Dekanic (Kostüme) können diese von dem Moment an liefern, als die Sängerin Sandra Hartmann auf dem Ball der Capulets wie eine Königin der Nacht und hocherhoben „Killing Me Softly“ singt. Musikalisch ist die Inszenierung nicht festgelegt: „Tanz der Vampire“, „Rimski-Korsakows „Hummelflug“, gerne Chromatisches, sehr gerne viel Flow. Überhaupt ist sie nicht wählerisch. Die meisten Szenen tendieren zur Traum- respektive Albtraumsequenz, und Bühnentechnik und Statisterie haben reichlich zu tun: Särge fahren umeinander, Rahmen senken und heben sich, ein Holzkirchenmodell geht auf Reise, Gefolterte im Schlepp, und natürlich dampft es aus allen Rohren. Ab und an zeigen sich Figuren aus Hieronymus Boschs Bild „Garten der Lüste“: so albern wie abgenützt auf dem Theater.

Zur eigentlichen Geschichte kehrt Oliver Frljic zurück, wenn die Szene zu sehr ins Schwimmen geraten ist und auch die Inszenierung eines ganz anderen Stoffes sein könnte. Den Text, den es zu hören gibt, versteht er als „Spitze des Eisbergs“. Ab und zu ist man dankbar, ein wenig davon zu spüren, auch von seiner Kälte und Brutalität; am Ende froh, dass der Lärmpegel dann doch drastisch gesenkt wird, bevor sich Romeo und Julia (Nina Siewert) gemeinsam unter Sternen vom Leben verabschieden. Und einen längeren poetischen Moment gibt es dann doch. Oliver Frljic erspart den beiden die langwierigen und unglaubhaften Giftkalamitäten und arrangiert einen Doppelselbstmord. Er nennt ihn die „Behauptung von Autonomie“. Dass sie nur im Tod gelingt, ist seine Pointe: schwarz wie die Nacht.

Vorstellungen 28.11 und 15., 19. und 23. Dezember