Stadtteil Rosenstein in Stuttgart „Stadt von morgen muss radikal grün sein“

Markus Weismann, 59 (li.), und Cem Arat, 57, Geschäftsführende Architekten von asp Architekten in Stuttgart haben den Rahmenplan für den Stadtteil Rosenstein entwickelt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Cem Arat und Markus Weismann von asp Architekten erstellen den Rahmenplan für den neuen Stadtteil Rosenstein in Stuttgart. Die beiden Architekten erklären, wie der Tante-Emma-Laden von übermorgen aussehen wird.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Cem Arat (57) und Markus Weismann (59) von asp Architekten aus Stuttgart erstellen den Rahmenplan für den neuen Stadtteil Rosenstein in Stuttgart. Die Architekten sagen im Interview, wie man ein radikal grünes Wohngebiet mit möglichst wenig Autoverkehr plant, das so groß wie 120 Fußballfelder ist, und wie sie das Image des Projektes verbessert haben.

 

Herr Arat, Herr Weismann, ein bissiger Vorbehalt gegen das Rosensteinviertel lautet, es entstehe ein Ghetto für wohlsituierte, latte-macchiato-angetriebene Lastenradfahrer. Wird es so werden?

Arat Nein, denn die Stadt hat als Eigentümerin die Chance das Gebiet der Spekulation zu entziehen. Und Ziel der Stadt ist es, dort auch günstigen Wohnraum zu schaffen. Also sind die Randbedingungen doch gut, eben kein Viertel wie von Ihnen geschildert zu schaffen.

Weismann Die größte Stellschraube ist der Preis des Grundstücks. Das können wir als Planer aber nur wenig beeinflussen. Was wir beeinflussen können, ist die Art und Weise, wie wir bauen. So wollen wir etwa auf Tiefgaragen weitgehend verzichten, da mit ihnen rund 20 Prozent der Bausumme in den Untergrund gesteckt werden. Das ist eine Chance, kostengünstig zu bauen.

Ihr Büro asp hat den Ideenwettbewerb Rosenstein im Herbst 2019 gewonnen. Für den Außenstehenden hat sich seit damals wenig getan.

Arat Im Gegenteil: Es ist jede Menge passiert. Wir sind Anfang 2020 beauftragt worden mit dem Erstellen des Rahmenplans. Daran haben wir in den vergangenen beiden Jahren intensiv mit der Verwaltung und verschiedenen Akteuren gearbeitet. Das Gelände ist 85 Hektar groß, das ist also ein sehr umfangreiches Projekt, eine Größenordnung, die auch in Stuttgart selten vorkommt. Es hat sich für uns schnell gezeigt, dass so etwas in vielen verschiedenen Ebenen und Schichten bearbeitet werden muss.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Arat Wir haben auf der einen Seite das Gesamtkonzept für das Areal entwickelt und auf der anderen Seite Teilgebiete vertieft betrachtet. Zu den Ebenen, die wir uns angeschaut haben, gehört die Mobilität, die Nutzungsdichte und -mischung mit der Platzierung von Schulen, von Kindertagesstätten und sozialen Einrichtungen. Parallel dazu ist eine Art Regelwerk entstanden. Wir nennen das „Steckbriefe für das Quartier“. In denen sind die künftigen Qualitäten definiert und auf ihrer Grundlage können Bebauungspläne entstehen. Die Herausforderung: Das ist eine langfristige Entwicklung und wir können heute nicht prophezeien, was die Bedarfe in zehn Jahren sein werden.

Besteht bei einem solch offen angelegten Plan nicht die Gefahr, dass Ihre Ideen verwässert werden?

Weismann Nein. Normalerweise besteht so ein Rahmenplan aus zehn Plänen und ein paar Seiten Text. Unser Dokument liefert mehr als 200 Seiten. Das ist alles sehr konkret.

Wie denn?

Weismann Wir haben die Idee, Städtebau aus Nachbarschaften zu machen. Es gibt einen Quartiershub: dort wird geparkt, dort stehen die Sharing-Mobile. Es sind aber auch soziale Einrichtungen untergebracht. Vielleicht findet Sport auf dem Dach statt und im Erdgeschoss ist ein Bürgeramt untergebracht. Was früher der Tante-Emma-Laden war, ist heute der Hub. An den Hub schließt jeweils ein Quartiersplatz an. Zusammen bilden sie den Kern der Nachbarschaft. Ringsherum orientieren sich die Wohngebäude. Nach außen hin sollen diese Nachbarschaften klar definiert sein, nach innen aber aufgelockert. Das ist die Grundtypologie und die kann nach und nach an veränderte Anforderungen angepasst werden.

Arat Wir haben die Vorgabe der Stadt, dass eine bestimmte Anzahl an Wohnungen entstehen soll bei einer gleichzeitig sehr hohen Dichte. Man muss sich das dichter als die Gründerzeitviertel, etwa der Stuttgarter Westen, vorstellen. Auch im Westen werden nach und nach die Innenhöfe entsiegelt. Wir wollen hier von Anfang an so wenig Flächen wie möglich versiegeln. Die Stadt von morgen muss dicht, aber auch radikal grün sein.

Warum dann nicht stärker in die Höhe bauen? Woher kommt die Angst vorm Hochhaus?

Arat Das hat mit dem Stadtklima zu tun, das keine Hochhäuser verträgt. Durch den Schlossgarten führt eine Luftströmung, die durch Hochhäuser gebremst werden würde. Wir hätten gerne noch markantere Hochpunkte gehabt. Es gibt sie, aber sie liegen deutlich unter dem, was wir im Wettbewerb vorgeschlagen hatten.

Und wie wird‘s bei aller Dichte trotzdem grün?

Weismann Wir planen mit großen Stadtbäumen und wir wollen Wasserflächen schaffen. Die, so unser ursprünglicher Gedanke, hätten aus dem Nesenbach gespeist werden sollen. Nun haben wir aber gelernt, dass der im Sommer trocken ist. Am Wasserhaushalt hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Auf so etwas müssen wir reagieren.

Arat Es ist daran gedacht, das Dachflächenwasser, aber auch das Grauwasser zu sammeln, von Pflanzen filtern zu lassen und dann dem Stadtgrün zukommen zu lassen.

Schmerzt Sie es da nicht, dass gefühlt jetzt gerade nur über die Stellplatzzahl im Rosensteinviertel diskutiert wird?

Arat In Stuttgart wird immer gleich über den Verkehr gesprochen. Wenn der Stellplatzschlüssel das einzige Problem ist, über das wir reden müssen, dann haben wir schon viel erreicht. Es gibt im Rat eine Mehrheit, die ein autoarmes Viertel möchte. Alle Fraktionen sind sich aber einig, dass wenig Autos ins Quartier kommen sollen, es gibt lediglich unterschiedliche Auffassungen darüber, was „wenig“ heißt. Um ein möglichst autoarmes Quartier zu schaffen, haben wir flexibel anpassbare Mobilitätshubs entwickelt.

Je mehr Hindernisse, desto besser die Planung?

Weismann Das ist jetzt eine sehr pietistische Auslegung. Es geht nicht um Selbstgeißelung. Aber wenn man die verschiedenen Anforderungen diskutiert und aushandelt, gewinnt die Planung.

Aber ist das nicht alles unheimlich zäh und lästig?

Weismann Uns ist etwas Wichtiges gelungen. Als wir angefangen haben, hatte das Projekt Rosenstein, belastet durch die Auseinandersetzung um Stuttgart 21, einen schlechten Leumund. Das Projekt wird für unser Empfinden inzwischen positiv wahrgenommen. Jetzt werden die Potenziale gesehen.

Arat Wir haben Wege zu einer zukunftsfähigen, resilienten Stadt aufgezeigt. Der Rahmenplan ist in diesem Sinne als übergeordnetes Leitbild zu verstehen. Wichtig ist jetzt die konsequente Umsetzung der Ziele.

Ist die Verwaltung dieser Aufgabe gewachsen?

Arat Das ist ein riesiges Projekt. Wir müssen nur nach Hamburg schauen. Dort hat die Projektgesellschaft für die Hafen-City etwa 100 Mitarbeitende, um ein Quartier zu entwickeln. Wir brauchen eine gemeinwohlorientierte Projektgesellschaft, die ein Budget und eine Schlagkraft hat.

Weismann Entscheidend ist, was denen ins Stammbuch geschrieben wird. Das ist eine Frage der Baukultur. Wir brauchen unterschiedliche Akteure, nicht immer nur die klassischen Bauträger und Investoren, sondern auch Genossenschaften und Baugemeinschaften.

Was macht eine solche Erweiterung denn mit der gewachsenen Stadt, wird sie dann noch unwirtlicher als jetzt schon?

Arat Wenn es uns gelingt, im Rosenstein nutzungsgemischte Viertel zu bauen, wenn wir neue Vernetzungsknoten schaffen wie an der neuen S-Bahnhaltestelle Mittnachtstraße und wenn, wie von uns vorgeschlagen, ein Konzerthaus an der Wolframstraße entsteht, dann entsteht ein innerstädtisches Quartier. Dass deswegen andere Quartiere vernachlässigt werden, glaube ich nicht.

Weismann Das ist eine große Chance, einen Fehler der vergangenen Jahre in den Innenstädten rückgängig zu machen. Die Citys sind konsumistisch überfordert, das ist alles monofunktional. Und das funktioniert nicht mehr.

Würden Sie denn ins Rosensteinviertel einziehen?

Weismann Klar. Aber wir dürfen die Zeitspanne nicht aus den Augen verlieren. Da muss ich vielleicht mit dem Rollator vorbeikommen.

Die Architekten und ihr Projekt

Zu den Personen
Cem Arat und Markus Weismann sind Geschäftsführende Gesellschafter des Architekturbüros asp mit Sitz im Stuttgarter Osten. Das heutige Büro steht in direkter Rechtsnachfolge des Büros ‚asp‘ Arat, Siegel und Partner, das im Jahr 1992 von Mete Arat und Henner Siegel gegründet wurde. Weitere heutige Geschäftsführer sind Dimitrios Kogios, Eberhard Becker und Suna Konyalıoğlu.

Zum Projektstand
Es gibt Teilgebiete, die sich schneller entwickeln, etwa das C-1-Areal an den Wagenhallen. Da gab es einen Akteursprozess mit den unmittelbaren Anrainern, aber auch mit den Nachbarn aus dem Nordbahnhofviertel.

Die Ausstellung
Eine Dauerausstellung zum geplanten Rosensteinviertel ist in der Eichstraße 9 zu sehen, der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten Di-So 12 bis 18 Uhr.

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