Russland-Ukraine-Krieg Ukrainer überlisten Russen im Donbass
Die Verteidiger fügen den russischen Besatzern im Osten des Landes empfindliche Niederlagen zu – und kommen im Süden langsam vorwärts. Nun kündigt Moskau eine Reaktion an.
Die Verteidiger fügen den russischen Besatzern im Osten des Landes empfindliche Niederlagen zu – und kommen im Süden langsam vorwärts. Nun kündigt Moskau eine Reaktion an.
Balaklija, Isjum und Kupjansk gehören nicht gerade zu den ganz großen Städten in der Ukraine. Aber es sind die Städte, die ganz aktuell eine große Rolle im Kriegsgeschehen spielen. So um die 30 000 bis 48 000 Einwohner lebten in jeder dieser Ortschaften – vor dem Krieg. Wie viele Menschen heute noch zwischen den total zerschossenen Wohnhäusern ein Dasein fristen, kann niemand genau sagen. Die Städte in der Region Charkiw, ganz im Osten der Ukraine, sind nun Schauplatz einer ukrainischen Gegenoffensive, die für viele überraschend kommt. Nach russischen Angaben sind die Orte zum Teil evakuiert worden.
Auf den Schlachtfeldern der Ukraine scheint sich das Blatt – wieder einmal – auf eine andere Seite zu wenden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte lange und laut von einer Gegenoffensive im Süden des Landes gesprochen, an der eine Million Soldaten beteiligt sein sollten. Den Donbass hatte er damit ein wenig in den Schatten gerückt. Manch ein Militärexperte hatte durchaus Verdacht geschöpft. Offensiven kündige man nicht an, man überrascht den Gegner, hatte Ralph Thiele, Oberst a. D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft, zu Beginn des Monats gegenüber N-TV gesagt. Durch die Ankündigung der Großoffensive habe man allerdings eine teilweise Umlenkung russischer Kräfte in den Süden erreicht.
Wahrscheinlich war genau das der Plan. Das Institute for the Study of War (ISW), eine Denkfabrik aus Washington, schreibt in seinem jüngsten Bericht, dass die ukrainischen Truppen im Bereich von Isjum bis zu 50 Kilometer tief in von Russland besetzte Gebiete vorgedrungen seien. Das beschädige das Vertrauen in die russische Militärführung so sehr wie seit Anfang Mai nicht mehr. Die Telegram-Kanäle, in denen sich russische Soldaten austauschen, sind laut ISW voller Entsetzen darüber, dass den Ukrainern solch ein Vorstoß gelungen ist, der die russischen Nachschublinien bedroht. Die ukrainischen Berichte sind vom russischen Verteidigungsministerium mit Schweigen beantwortet worden – und am Freitag mit der Ankündigung, weitere Truppen in die Region zu entsenden. Nicht nur russische Militärblogger werten dies als Hinweis, dass die Berichte der Wahrheit entsprechen. Unter anderem hatte die Ukraine vermeldet, dass alleine am Mittwoch 640 russische Soldaten ums Leben kamen. Das war die höchste von den Ukrainern gemeldete Zahl seit Beginn des Kriegs. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.
Im Süden des Landes scheinen die ukrainischen Vorstöße langsam, aber stetig voranzukommen. An vielen Stellen sind die Geländegewinne nach Angaben des ISW zwar so gering, dass sie auf einer Karte nur dann dargestellt werden können, wenn diese sehr detailgetreu ist. Allerdings beeinträchtigten die ukrainischen Gegenschläge die Versorgungsketten der russischen Invasoren. Brücken und Straßen seien ebenso bombardiert worden wie russische Lager für Treibstoff und Munition, heißt es. Die Aktionen seien für die russische Logistik spürbar, schreiben die Experten beim ISW, das täglich die militärische Lage analysiert.
Dass die ukrainischen Angriffe mehr sind als unbedeutende Nadelstiche, lässt sich auch daran ablesen, dass der von Russland eingesetzte Gouverneur im Gebiet Cherson ein dort geplantes Referendum vorerst verschoben hat. Wie 2014 auf der Krim sollte eine Volksabstimmung im September eigentlich die russische Herrschaft über das Gebiet legalisieren. Aus Sicherheitsgründen sei das aber derzeit nicht möglich, sagte Verwaltungschef Kirill Stremousow. Russland gibt sich allerdings optimistisch, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Am 4. November soll das Referendum nach jetzigem Stand nachgeholt werden.
Unterdessen hat die Ukraine erstmals direkt Verantwortung für die Angriffe auf russische Luftwaffenstützpunkte auf der Krim übernommen. Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, erklärte, dass der Luftwaffenstützpunkt Saki auf der Krim am 9. August von der Ukraine mit Raketen angegriffen worden sei.