S-Bahn-Verkehr Gefährliche Funklöcher in Stuttgart

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Auf der Stammstrecke der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Flughafen gibt es sechs Sicherheitslücken im Notrufsystem – teils schon seit 2008. Die Bahn räumt „Ausleuchtungslücken“ ein.

Im Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen funktioniert nicht alles. Foto: Lg/Piechowski
Im Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen funktioniert nicht alles. Foto: Lg/Piechowski

Stuttgart - Die Ermittlungen zum Zugunglück in Bad Aibling sind nach Berichten der Stuttgarter Zeitung über Hunderte gefährlicher Funklöcher entlang deutscher Bahnstrecken ausgeweitet worden. Solche Sicherheitslücken im Zugfunksystem GSM-R bestehen in größerer Anzahl auch in der Region Stuttgart, wie ­umfangreiche Streckenmängel-Listen der Deutschen Bahn belegen, die unserer Redaktion vorliegen.

In den Funklöchern können Züge bei Gefahren im Gleis nicht schnell aus der Leitstelle erreicht werden. Allein auf der ­S-Bahn-Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Flughafen gibt es sechs solcher Sicherheitslücken, die schon seit 2008, 2010 und 2011 bestehen (siehe Abbildung). Vier der Funklöcher existieren auf insgesamt 1,8 Kilometern Länge im mehr als acht Kilometer langen Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen.

Die Bahn räumt „Ausleuchtungslücken“ ein

„Diese Funklöcher gehören zu den gefährlichsten im Raum Stuttgart“, sagte ein erfahrener Lokführer, der die Mängellisten der DB Netze aus dem täglichen Fahrbetrieb kennt. Gerade in langen Tunneln wie nach Vaihingen sei ein lückenlos funktionierender Notruf unverzichtbar. „Es ist zumindest fahrlässig, dass solche Sicherheitsrisiken auf einer viel befahrenen Strecke von der Bahn und den Aufsehern schon seit so vielen Jahren in Kauf genommen werden“, betonte der Informant.

Die Deutsche Bahn, die das Schienennetz betreibt, will auch zu den Funklöchern in Stuttgart keine detaillierte Auskunft geben. Ein Sprecher der DB Netze räumte aber nun erstmals ausdrücklich ein, dass es bundesweit „Ausleuchtungslücken“ im digitalen Zugfunk GSM-R gebe. Rund 29 000 von 33 000 Kilometern DB-Schienennetz bundesweit seien mit GSM-R ausgerüstet, die Netzabdeckung betrage „übers Jahr gerechnet rund 99 Prozent“. Im Umkehrschluss heißt das, dass es bundesweit auf mindestens knapp 300 Kilometern Bahnstrecken Funklöcher gibt.

Der bisherige Umgang mit den Funklöchern ist genehmigt

Die DB verweist darauf, dass der bisherige Umgang mit den Funklöchern durch das Eisenbahn-Bundesamt (Eba) genehmigt sei, das den Schienenverkehr für das Bundesverkehrsministerium beaufsichtigt. Demnach werden die Netzlücken, die teils wegen Überlagerungen durch kommerzielle Mobilfunknetze entstehen, halbjährlich durch Messfahrten erfasst und in Mängellisten für die Lokführer dokumentiert.

In diesen vertraulichen Listen sind auch Ersatz-Telefonnummern aufgelistet, über die Lokführer in Funklöchern die Leitstelle über ein öffentliches Mobilfunknetz (P-GSM D-Netz) erreichen können. Das ist allerdings ein umständlicher Prozess. Und vor allem: die Leitstelle kann den Lokführer über das Ersatznetz nicht erreichen.

Bahnkritiker fordern umgehende Nachrüstung

Das Eba verweist auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung auf das Regelwerk der DB Netze. Die Netzverfügbarkeit werde regelmäßig geprüft, dokumentiert und falls nötig „kompensiert“. Dafür sei die DB als Netzbetreiber laut §4 Abs. 3 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes verantwortlich, und das werde vom Eba überwacht. Unfälle wegen Funklöchern seien der Behörde „bislang nicht bekannt geworden“.

Zu Bad Aibling untersuchen die Ermittler wie berichtet noch, ob die für elf Menschen tödliche Kollision der beiden Regionalzüge auch deshalb nicht mehr verhindert werden konnte, weil Notrufe an die Lokführer wegen eines an der Unfallstrecke dokumentierten Funklochs ins Leere gegangen sein könnten.

„Muss immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor Sicherheitslücken im Schienennetz beseitigt werden?“, fragt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland. Seine Forderung: „Die Funklöcher entlang der Bahnstrecken müssen unverzüglich beseitigt werden.“

„Ein Notrufsystem muss überall funktionieren“

Eine schnelle Verbesserung fordert auch Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. „Diese Funklöcher sollten die Verantwortlichen sehr, sehr ernst nehmen, so etwas darf nicht sein“, sagte der Bahnexperte, der selbst erst durch die StZ-Berichte von den Risiken erfahren hat. „Ein Notrufsystem muss zu 100 Prozent und überall funktionieren“, fordert Naumann, „das gehört zu einem möglichst sicheren Schienenverkehr, und dafür stehen die Bahn, das Eba und die Politik in der Verantwortung.“

Der Experte erinnert zudem daran, dass der digitale Zugfunk GSM-R für viel Geld vor gut zehn Jahren eingeführt worden sei, um bessere Kommunikation im Schienenverkehr und schnelle Rund-Notrufe zu ermöglichen. „Es ist daher inakzeptabel, dass an so vielen Stellen und vor allem über viele Jahre hinweg so große Funklöcher hingenommen werden.“ Hier sei vor allem Verkehrsminister Alexander Dobrindt gefordert, Einschränkungen des Notrufsystems nicht mehr länger zu dulden.

Die Streckenmängel-Liste weist sechs Funklöcher auf der Stammstrecke aus:

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