ExklusivBad Aibling Funklöcher beschäftigen den Staatsanwalt

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Die Ermittler gehen dem StZ-Bericht zu Sicherheitslücken beim Notrufsystem nach. Die Deutsche Bahn bezeichnet den Bericht als „schlichtweg falsch“ - obwohl Hunderte Funklöcher in ihren eigenen Unterlagen dokumentiert sind.

Elf Tote und 85 verletzte hat das Zugunglück von Bad Aibling gefordert. Foto: dpa
Elf Tote und 85 verletzte hat das Zugunglück von Bad Aibling gefordert.Foto: dpa

Stuttgart - Der Verdacht, dass die tödliche Zugkollision bei Bad Aibling womöglich wegen einer gefährlichen Sicherheitslücke im Notrufsystem nicht mehr verhindert werden konnte, beschäftigt nun auch die zuständigen Ermittler. „Wir gehen den Hinweisen nach und werden diese im Kontext der übrigen Ermittlungsergebnisse bewerten“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein auf Anfrage. Bisher wird nur gegen den Fahrdienstleiter wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt.

Den Ermittlern liegen Berichte der Stuttgarter Zeitung vor, wonach auf einem Teil der Unfallstrecke schon seit fast sechs Jahren ein großes Empfangsloch im digitalen Zugfunk GSM-R existieren soll, das schnelle Notrufe erschwert. Als Beweis für diese Sicherheitsmängel liegen unserer Redaktion umfangreiche und aktuelle interne Unterlagen der bundeseigenen DB Netze vor, die das deutsche Schienennetz betreibt und in Ordnung halten soll.

Demnach existieren bundesweit mehr als tausend solcher Funklöcher an Bahnstrecken, die ein Sicherheitsrisiko darstellen können. „Da haben Sie in ein Wespennest gestochen, der Sachverhalt trifft voll zu“, erklärten mehrere aktive Lokführer fast wortgleich in Anrufen bei unserer Redaktion. Und fügten hinzu, es werde Zeit, dass diese Missstände endlich aufgedeckt werden. In Fachforen der Eisenbahner im Internet wird das Thema nun emsig diskutiert.

Die Deutsche Bahn AG, die wegen vieler Mängel im Schienennetz ohnehin in der Kritik steht, ließ bis Redaktionsschluss einen umfangreichen Fragenkatalog zu Sicherheitsrisiken durch die Funklöcher weitgehend unbeantwortet. Der Staatskonzern bezeichnet den Bericht in einer Presseerklärung als „schlicht falsch“ und weist die Vorwürfe pauschal zurück.

Das Zugfunknetz werde „regelmäßig geprüft“ und auf der Unfallstrecke Bad Aibling-Kolbermoor sei die „Funkausleuchtung“ nicht eingeschränkt, erklärte das Unternehmen. Auf konkrete Nachfrage hieß es zudem, das dokumentierte Funkloch am Bahnhof Kolbermoor sei 2010 durch einen nachträglich installierten „Füllsender“ beseitigt worden.

Funklöcher sind dokumentiert

Diese Darstellung steht in krassem Widerspruch zu den so genannten La-Listen der Konzerntochter DB Netze, die regelmäßig aktualisiert alle Lokführer von Bahnunternehmen erhalten. Darin sind sämtliche Einschränkungen an Strecken wie Langsam-Fahrstellen wegen Baustellen und Gleismängeln aufgeführt, aber auch Empfangslöcher, wo der Zugfunk GSM-R „nicht verfügbar“ ist. Allein für Süddeutschland umfasst die aktuelle Liste der DB Netze 157 Seiten und Hunderte Streckenabschnitte mit Funklöchern, in denen dann auch im Notfall der Rund-Notruf nicht funktioniert.

Die aktuelle La-Liste von Mitte Februar, die dieser Zeitung als Beweis vorliegt und für alle Lokführer verbindlich ist, führt – wie berichtet – auf Seite 93 weiterhin einen 400 Meter langen Abschnitt ab dem Bahnhof Kolbermoor in Richtung Bad Aibling auf, auf dem GSM-R „nicht verfügbar“ sei. Außerdem sind dort zahlreiche weitere Streckenabschnitte zwischen Holzkirchen und Rosenheim als Funklöcher bezeichnet.

Die Erklärung der Deutschen Bahn dazu: Die behauptete Nachrüstung sei in den Unterlagen „offenbar nicht nachgetragen“ worden. Befragte Bahnexperten und erfahrene Lokführer bewerteten diese Erklärung gegenüber unserer Zeitung als wenig glaubwürdig. Zumal es in der aktuellen La-Liste ausdrücklich heißt, dass das Funkloch bereits seit dem 10. August 2010 existiert. Zudem werden die Lokführer ausdrücklich auf die ersatzweise Nutzung des öffentlichen Mobilfunknetzes P-GSM (D-Netz) verwiesen.

Bahnsprecher der Grünen fordert Aufklärung

Über dieses System können aber keine Rund-Notrufe zum Beispiel bei einer drohenden Kollision empfangen werden. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk Bad Aibling, gegen den wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt wird, hatte am 9. Februar um 6.45 Uhr offenbar durch fatale Fehler zwei Regionalzüge auf Kollisionskurs geschickt, aber noch versucht, die Lokführer zu warnen. Doch beide Notrufe gingen nach bisherigen Erkenntnissen „ins Leere“ – womöglich wegen des Funklochs am Bahnhof Kolbermoor.

Der StZ-Bericht hat auch den Bahnsprecher der Grünen im Deutschen Bundestag, Matthias Gastel, alarmiert. Die DB Netze müsse nun „Rede und Antwort stehen“, so Gastel. Der Abgeordnete will darauf dringen, dass Vertreter des Unternehmens im Verkehrsausschuss aussagen. Auch der zuständige Verkehrsminister Alexander Dobrindt müsse erklären, „weshalb dieser unhaltbare Zustand über Jahre hingenommen wird“.