Salone del Mobile in Mailand Plastic fantastic oder: Der Stuhl war mal eine Kaffeekapsel

Auf dem Salone del Mobile, die Mailänder Möbelmesse, die vom 16. bis 21. April 2024 dauert, präsentiert sich Kartell mit einigen Neuheiten. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf Natürlichem denn auf Künstlichem: Einige der hier erstmals gezeigten Möbelstücke sind mithilfe von künstlicher Intelligenz geschaffen. Etwa der Stuhl HHH (Her Highest Highness, Ihre Höchste Hoheit) von Philippe Starck. Foto: Kartell, Milano/simona pesarini

Die renommierte Möbelmesse in Mailand hat wieder begonnen. Mit dabei ist natürlich auch die Mailänder Möbel- und Designfirma Kartell. Ihr ursprüngliches Markenzeichen: Stühle aus Kunststoff. Doch dann wurde das Wundermaterial zum Problemstoff.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Es ist leicht, bruchfest, elastisch, temperaturbeständig, billig, langlebig und in verschiedenen Härtegraden und Formen herstellbar. Ein Wundermaterial quasi. Die Rede ist von Plastik. Die Erfindung der Kunststoffe gelang oft eher zufällig. Fritz Stastny, Ingenieur der Ludwigshafener BASF, entdeckte 1949 das Styropor: Stastny hatte ein Experiment mit einer Mischung aus Polystyrol mit Petroläther in einer Schuhcremedose von Erdal angesetzt und über das Wochenende im Trockenschrank vergessen. Die Mischung hatte sich laut Laborprotokoll prompt in ein „Schaummonster“ verwandelte, das den Dosendeckel „neckisch wie eine Baskenmütze“ trug.

 

Gezielt machte sich im Jahr 1863 der Drucker John Wesley Hyatt auf die Suche nach einem Ersatzstoff für das knappe Elfenbein. Ein New Yorker Händler für Billardbedarf hatte per Zeitungsanzeige 10 000 Dollar in Gold geboten. Das von Hyatt entwickelte Zelluloid erwies sich als bahnbrechend in der Filmindustrie, fürs Billardspiel allerdings nur bedingt geeignet: Die ersten Kugeln knallten bei Kontakt wie eine Schrotflintenladung.

Ein Saloon-Besitzer aus Colorado schrieb an den Erfinder, er persönlich habe ja kein Problem damit – aber jedes Mal, wenn die Kugeln aufeinanderprallten, zöge jeder Mann im Raum seinen Revolver.

Doch genug der Anekdoten. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts begann ein wahrer Plastik-Boom. Nicht zuletzt hat das damalige Image des Materials dazu beigetragen: Plastik galt als schick, sauber und modern. Es verdrängte herkömmliche Produkte und drang nach und nach in nahezu alle Bereiche des Lebens vor.

Kartell brachte als erste einen Stuhl ganz aus Plastik zur Serienreife

So fand das Material auch Einzug in die Möbelfabrikation. 1950 kam der Eames Fiberglass Chair als erster Stuhl mit Kunststoffschale auf den Markt – eine damals bahnbrechende Innovation, mit der Charles und Ray Eames den sich verändernden Bedürfnissen der Gesellschaft begegnen wollten. Auch der Panton Chair ist ein Klassiker der Möbelgeschichte. Verner Panton entwarf den Stuhl 1959 und entwickelte ihn gemeinsam mit Vitra zur Serienreife (1967). Es war der erste aus einem Stück gefertigte Vollkunststoff-Freischwingerstuhl.

Früher in Serie ging allerdings 1964 der Kinderstuhl K 1340 (später K 4999) der Mailänder Firma Kartell – er ist somit wohl der weltweit erste Stuhl, der ganz aus Kunststoff ist und in Serie gebaut wurde. Damals war das eine Revolution. Das von Marco Zanuso und Richard Sapper entworfene Modell lässt sich mit anderen kombinieren, auseinanderbauen und leicht reinigen. Es wurde sowohl als Sitzgelegenheit als auch als Spielzeug entworfen; bevor die Produktion beginnen konnte, waren vier Jahre Entwicklung erforderlich. Es gewinnt im gleichen Jahr den Goldenen Zirkel.

Bis heute ist Kartell international bekannt und betreibt über 150 Flagship-Stores weltweit. Wer kennt nicht den runden Container Componibili oder den Masters Chair? Doch von vorne: Angefangen hat alles nach der Firmengründung 1949 durch den jungen Chemieingenieur Giulio Castelli, dessen erste Erfindung und erstes Produkt der Skiträger K101 war. Er betrieb die Firma zusammen mit seiner Frau Anna Castelli Ferrieri.

Kurz danach ward die Idee geboren, Plastik, das bisher nur im technischen Bereich Einsatz fand, ins Haus zu bringen: 1955 wurde die Abteilung Haushaltswaren gegründet. Kartell startet die Produktion von Artikeln aus Kunststoff in industriellen Pressverfahren, von der Zitronenpresse bis zur Rührschüssel. Bekannt und ausgezeichnet wurde 1955 der runde Eimer mit Deckel KS 1146.

Doch das war nur der Anfang vom Aufstieg des Plastiks bei Kartell. Beim Hauptquartier des Unternehmens, das seinen Sitz seit 1967 in der Niederlassung in Noviglio vor den Toren Mailands hat, steht auch das Kartell-Museum.

Hier kann man die Geschichte des Unternehmens quasi durchlaufen: In dem mehrstöckigen Gebäude stechen vor allem Autozubehör, Haushaltswaren, Lampen, Laborbedarf, Möbel und Einrichtungsgegenstände hervor, die – auch durch den Einsatz von Plastik – zu einer Veränderung des Aussehens unserer Wohnungen beigetragen haben und als typische Produkte italienischen Designs Teil unseres Alltags geworden sind. Kartells Erfolgsmodell: Das Wundermaterial und die Zusammenarbeit mit namhaften Designern.

„Die Kunden kauften die neuen Produkte nicht“

Doch das einst revolutionäre Material wurde im Laufe der Jahre freilich zum Problem. Plastik ist längst bäh: umwelt- und klimaschädlich. Das Wundermaterial wurde zum Problemstoff. Und das wiederum wurde zum Problem für Kartell. Obschon das Unternehmen schnell reagierte, als es im Jahr 1988 zu einer Krise kam, die Ölpreise anstiegen und Plastik nicht mehr gewünscht war. Plötzlich galt es als billig und hässlich statt als schick, sauber und modern.

Bereits im Jahr 1994 setzte Kartell daraufhin auf recyceltes Plastik. „Doch das neue Material veränderte die Ästhetik: Das Plastik war nun matt und nicht länger glänzend. Die Kunden kauften die neuen Produkte nicht“, sagt Lorenza Luti, Marketingchefin von Kartell und Enkelin der Firmengründer. Zusammen mit ihrem Vater Claudio Luti und ihrem Bruder Bruder Federico führt sie die Geschäfte.

Die Welt war längst reif für recyceltes Plastik, die Kundschaft indes noch nicht. Doch das sollte sich ändern. Die Problematik wurde dringlicher, die Techniken und damit die Ergebnisse besser. Seit 2018 richtet sich Kartell nach einem Nachhaltigkeitsmanifest, seitdem sind 90 Prozent der aktuellen Produkte aus recyceltem Kunststoff, darunter Polycarbonat 2.0, das aus Industrieabfällen wie Zellulose und ISCC Papier hergestellt wird, recyceltes PMMA sowie biologisch abbaubare Materialien.

Zudem setzt Kartell verstärkt auch auf Materialien wie Glas, Metall oder zertifiziertes Holz, das zugleich noch smart ist, da es sehr dünn und biegbar ist. 2022 entstand der Re-Chair von Antonio Citterio, er ist Lorenza Lutis ganzer Stolz. Er wird aus Müll, genauer gesagt aus alten Kaffeekapseln des Espressoherstellers Illy hergestellt. So wird aus einem Problemstoff wieder plastic fantastic – fantastisches Plastik.

Die Konkurrenz geht übrigens ähnlich vor: Die Sitzschalen der Eames Plastic Chairs RE werden aus gebrauchten Haushaltsverpackungen hergestellt und enthalten daher winzig kleine Farbsprenkel. Auch der Panton Chair wird heute in einem Spritzguss-Verfahren mit komplett recycelbarem Polypropylen hergestellt.

Künstliche Intelligenz stößt auf nicht mehr ganz so künstliches Plastik

Am 16. April beginnt in Mailand das Event schlechthin: der Salone del Mobile, die Mailänder Möbelmesse. Dort präsentiert sich Kartell mit einigen Neuheiten. Der Schwerpunkt liegt dabei allerdings weniger auf Natürlichem denn auf Künstlichem: Einige der hier erstmals gezeigten Möbelstücke sind mithilfe von künstlicher Intelligenz geschaffen worden. Etwa der Stuhl HHH (Her Highest Highness, Ihre Höchste Hoheit) von Philippe Starck. „Dabei wird allerdings keinesfalls die kreative Leistung des Designers ersetzt, aber die KI sorgt dafür, dass das Produkt das bestmögliche ist, etwa bezüglich der Stabilität“, sagt Lorenza Luti. Auch eine KI-Konsole und eine KI-Lounge wird es geben. Künstliche Intelligenz stößt auf nicht mehr ganz so künstliches Plastik.

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