Wegen Sanierung geschlossen Es wird nie wieder so sein, wie es war

Von Heinrich Steinfest 

Adieu, Bad Berg! Am Sonntag schließt die Institution sanierungshalber und nimmt die in Stuttgart gebräuchlichste bauliche Form an: die der Baustelle. Danach wird es nie wieder so sein, wie es war.

Am kommenden Wochenende ist   Schluss – vorläufig zumindest: Umkleide im Bad Berg. Foto: Heinz Heiss 28 Bilder
Am kommenden Wochenende ist Schluss – vorläufig zumindest: Umkleide im Bad Berg. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Als ich mich im heurigen Sommer in den im steirischen Salzkammergut gelegenen Grundlsee wage, da erlebe ich das mit zweiundzwanzig Grad „temperierte“ Wasser und dessen klare Dunkelheit mit genau jener Empfindsamkeit, jenem Zutrauen, zu dem mich der jahrelange Besuch des Bad Berg in Stuttgart erzogen hat. Denn man muss alles lernen, auch, gutes kaltes Wasser zu lieben. Beziehungsweise es trinken zu können, das Wasser des Grundlsees wie eben auch das Wasser des Bad Berg, für dessen Chlorfreiheit einst eine Lex Stuttgart erkämpft wurde. In der Mitte eines Bassins stehen und einen Schluck zu nehmen, das hat etwas von der Freiheit eines in die Natur, auch in die eigene Natur verliebten Menschen.

Und jetzt also wird Schluss sein mit dem Berg, auch wenn der „Schluss“ Pause und Generalsanierung heißt. Und doch ist es ein Sterben, das wissen alle. Generalsanierungen – selbst wenn von einem „Erhalt des Charakters der fünfziger Jahre“ die Rede ist – treiben den Geist aus einem jeden Gegenstand heraus. Darum auch das Zitat aus Aldous Huxleys Roman „After Many a Summer“, der das Ungeheuer der Lebensverlängerung behandelt und feststellt, dass eben auch Schwäne sterben müssen.

Was ganz anderes wäre es freilich gewesen, mit jener Sorgfalt, mit der wir etwa unsere Haustiere pflegen oder regelmäßig zum Friseur gehen oder offene Wunden verarzten, auch dem Bad Berg zu begegnen und die Badeanstalt sukzessive von Schäden und Anfälligkeiten zu befreien; wie man bei einem Gemälde einzelne Teile und Abschnitte restauriert und nicht erst wartet, bis das ganze Bild im Eimer ist.

Die allgemeine Trauer ist spürbar

Als ich in diesen letzten Tagen das Bad Berg besuche, ist die allgemeine Trauer deutlich spürbar. Und das mag ja nun die Jüngeren unter uns weniger kümmern, aber so mancher Ältere ahnt, dass ihm oder ihr der Moment der Wiedereröffnung nicht vergönnt sein wird. Stimmt, die werden auch die Eröffnung eines bestimmten Bahnhofs nicht erleben. Aber ist das das Gleiche? Wenig tröstlich auch all die Österreicher, deren Lebenszeit nicht ausreicht, im Zuge von Wahlwiederholungen und Wahlverschiebungen einen Bundespräsidenten zu bestimmen.

Auch frage ich mich, was aus den famos braun gebrannten Männern des Bad Berg wird, von denen ich in meinem Roman „Der Allesforscher“ schrieb, man könnte aus ihnen Kanonenkugeln gießen. Ich kann sie mir einfach nicht im benachbarten Leuze-Bad vorstellen, das zwar ganz wundervoll am Neckar liegt, dem vergessenen Fluss Stuttgarts, aber dennoch der falsche Platz für Kanonenkugeln ist. Das Leuze wird in tausend Jahren nicht den Charme des Berg besitzen. Und als ich nun auf dem Zettel, der vom gastronomischen Service des Bad Berg ausgehängt wurde, lese, man biete ab dem 26. September die Stühle und Tische der Terrasse zur Gänze zum Kauf an, stelle ich mir vor, dies könnte auch für die famos braun gebrannten Männer gelten.

Das große Verdienst des Bad Berg neben seiner architektonischen Grazie und dem belebenden Gefühl, in Champagner zu baden, ist es gewiss, einen sich selbst beobachtenden soziologischen Feldversuch darzustellen: ein Nebeneinander der Milieus, die die verschiedenen Areale im Inneren und Äußeren bewohnen, sich im Ritus geordneten Schwimmens vereinen, in der Selbstdarstellung, der theatralischen Geste und im Selbstbewusstsein der jeweiligen Gruppe. Ich muss immer wieder an den sehr berechtigten Ausspruch von Joe Bauer denken, der meinte: „Wenn du dich hier auf die falsche Liege legst, dann wirst du erschossen.“ Wobei gleichzeitig in keinem anderen Bad eine derartige Homogenität im Geiste herrscht: das kollektive Bewusstsein, sich in einer zur Badeanstalt gewordenen Gottheit zu befinden.