Krimikolumne

Sara Gran: „Das Ende der Welt“ Das große Nasenbluten

Claire DeWitt ermittelt im Musikermilieu der Bay Area. Sie schnupft dabei jede Menge Koks und schluckt an Pillen, was ihr in die Finger fällt. Sie fürchtet sich vor der Lösung des Falls.

Die klassische Detektivin braucht eine gute Nase. Claire DeWitt braucht vor allem eine robuste, denn sie kokst sich durch ihren neuen Fall. Foto: dpa
Die klassische Detektivin braucht eine gute Nase. Claire DeWitt braucht vor allem eine robuste, denn sie kokst sich durch ihren neuen Fall. Foto: dpa

Stuttgart - Claire DeWitt kokst. Sie mag nicht die beste Detektivin der Welt sein, die bedröhnteste ist sie fraglos. Sie sucht Rauscherfahrungen nicht in der eigenen Stube wie einst Sherlock Holmes, als Beschäftigung eines am Leerlauf zwischen kniffligen Fällen verzweifelnden Superhirns. Sie braucht die Rauscherfahrung während eines Falles, um sich vor ihm zu schützen. Sie zieht Kokslinien auf den Klos versiffter Kneipen und plündert die Drogenverstecke und Medikamentenschränkchen von Zufallsbekanntschaften, Freunden und Zeugen, noch während sie, nun ja, ermittelt.

Das Wissen der Schlampe

In „Das Ende der Welt“ tritt DeWitt uns zwar wie in „Die Stadt der Toten“ als besorgniserregend seltsame Kreatur entgegen. Aber ein anderer Zug wird nun deutlicher an ihr: Sie ist auch eine abgewrackte Schlampe.

Nach herkömmlichen Maßstäben jedenfalls.Aber gelten herkömmliche Maßstäbe in der Romanwelt von Sara Gran? Wohl kaum. Schließlich orientiert sich Claire DeWitt nicht an den Methoden der rationalen Deduktion und unerbittlichen Faktensiebung, auf die uns die Kriminalliteratur seit Edgar Allan Poe eingeschworen hat. DeWitt hängt einer Theorie der Intuition an, einer weniger instinkt- als esoterikbasierten Theorie des inneren Wissens und Schauens.

Ihre Kriminologie trägt Züge einer Buchreligion. Denn sie folgt den seltsamen Lehren des von Gran erfundenen Detektivs Silette, der unter anderem meint: „Der Auftraggeber kennt die Lösung seines Falles bereits. Aber er will sie nicht wahrhaben. Er heuert den Detektiv nicht, um den Fall zu klären. Er heuert den Detektiv, um zu beweisen, dass der Fall nicht geklärt werden kann.“ Viel Vergnügen mit einem solchen Übervater.

Musiker und Chaos

Claire DeWitts erstes Abenteuer spielte in New Orleans, einige Zeit nach Hurrican Katrina. In Teilen der verwüsteten Stadt sah es noch aus, als sei das Wasser erst Stunden zuvor gewichen. In armen Vierteln war das postkatastrophale Chaos der neue Normalzustand geworden. Zu dieser Welt der Auflösung, der Werteverschiebung, der Ruinen passte die quer zur Normalität stehende Detektivin bestens. DeWitt ist eine Einheimische der Unordnung.

In „Das Ende der Welt“ sind Schauplätze und Milieu gewöhnlicher, die Musikerszene von San Francisco und Oakland nämlich. Doch je nasenblutender DeWitt sich der Aufklärung eines zum Raubmord eskalierenden Einbruchs entgegen kokst, desto unklarer wird die Szenerie. Greifbar ist vor allem das Negative: dass zum Beispiel die Karrieren von einst nicht mehr möglich sind, dass das Plattengeschäft kaum noch etwas abwirft, dass auch die Live-Gigs nicht viel einbringen.

Trotzdem gibt es keine tröstliche ökonomische Nivellierung. Vom obdachlosen Punk, der sich von einer Kumpel-Couch zur andern schnorrt, bis hin zu Hipstern mit dickem Erbe, denen prächtige Immobilien und teure Instrumentensammlungen gehören, spannt sich der Bogen der Ungleichheit. Aus der Kneipenwelt, der gemeinsamen Bühne ihres Alternativseins, treten die Figuren hinaus in sehr unterschiedliche Existenzen. Je länger DeWitt sich in diesem Spannungsfeld aufhält, desto übler wird ihr Drogenkonsum, desto größer ihr Schlafdefizit, desto drängender ihr Sendungsbewusstsein, das man auch als Wahnvorstellung diagnostizieren könnte.

Unsere Empfehlung für Sie