Herr Simonischek, Sie kommen von einer Weltreise zurück. Wo waren Sie?
Mit meiner Frau und den beiden Kindern war ich drei Monate in Südostasien unterwegs, in Thailand, Laos und Malaysia. Ich bin stolz, dass wir’s geschafft haben, jahrelang haben wir nur drüber geredet. Die Auszeit von Theater und Film musste ich allerdings von langer Hand planen: Schon vor zwei Jahren habe ich alle Termine für diesen Zeitraum blockiert. In meinem Beruf muss man das Familienleben noch stärker verteidigen als anderswo.
Ihr Sohn ist drei, Ihre Tochter fünf. War das, verglichen mit den beruflichen Verpflichtungen, nicht die größere Hürde für die Fernreise?
Nein, im Gegenteil. Die Kinder waren viel unkomplizierter als wir. Wir Eltern haben uns über einen verpassten Flug oder eine schlechte Unterkunft geärgert, aber sie brauchten nur ein Dach überm Kopf und etwas zu essen, schon waren sie glücklich. Wir konnten uns von ihnen Gelassenheit und Genügsamkeit abschauen, eine wunderbare Erfahrung.
Ist „Der Bau“ in Stuttgart nun Ihr Wiedereinstieg in den Beruf?
Ja, absolut. Ich spüre eine aufgestaute Spiellust, die jetzt wieder raus muss. Ich lechze nach meinem ersten Auftritt.
Warum widmen Sie sich ausgerechnet dieser Prosa aus Kafkas Nachlass?
„Der Bau“ ist nicht so bekannt wie andere seiner Erzählungen, etwa die „Verwandlung“ oder „In der Strafkolonie“ – das hat mich gereizt. Und überhaupt: Kafkas Sprache! Diese Rhythmik, diese langen Schachtelsätze, die man einfangen und durchdringen muss, um von Anfang bis Ende einen Bogen spannen zu können! Wenn man die Herausforderung meistert, stellt sich diese Sprache als verlässlicher Spielpartner heraus. Sie entwickelt einen Sog, dem sich weder der Schauspieler noch das Publikum entziehen kann.
Wie interpretieren Sie den „Bau“?
Zunächst muss ich gestehen, dass der 2015 entwickelte Abend das Ergebnis einer Schaffenskrise war. Mit Arbeit wollte ich mich wieder herauskämpfen. Die substanzielle Auseinandersetzung mit dem „Bau“ folgte erst in den Proben. Da ging mir auf, dass die Erzählung in die Zeit passt. 2015 war das Jahr der großen Flüchtlingswelle und des Merkel-Worts „Wir schaffen das“, aber auch das Jahr mit der Angst vorm Fremden. Just davon handelt Kafka: Je mehr sich der Held der Geschichte – ein Tier, das denkt und fühlt wie ein Mensch – in seinem unterirdischen Bau verschanzt, desto mehr wächst seine Angst vor einem unsichtbaren, vielleicht gar nicht existenten Angreifer. Bis heute hat die Parabel nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: Europa schottet sich an den Außengrenzen mehr denn je ab.
Das Paradox, dass mit immer mehr Schutzmaßnahmen die Angst nicht kleiner, sondern größer wird, lässt mich an die weltweite Aufrüstung denken . . .
. . . das geht auch mir derzeit durch den Kopf: dass man wie das ruhelose Tier im „Bau“ mit jeder neuen Maßnahme auch seine Paranoia nährt. Kafka indes geht über den psychologischen Mechanismus hinaus. Für ihn gehört die existenzielle Angst zur Grundausstattung des Menschen.
Sie haben von einer Schaffenskrise gesprochen. Woher rührte sie?
Die Lust am Theater hängt bei mir vor allem von den Menschen ab, mit denen ich arbeite. Da hatte ich eine Zeit lang Pech: 2013/14, als ich an den Münchner Kammerspielen engagiert war, häuften sich Begegnungen, die ich als enttäuschend empfand. Plötzlich geriet bei mir Grundsätzliches ins Wackeln: Was mache ich bloß falsch? Bin ich im richtigen Beruf? Um das herauszufinden, stellte ich etwas auf die Beine, wofür nur ich verantwortlich war: „Der Bau“ am Züricher Neumarkt-Theater, geplant für fünf Vorstellungen. Jetzt toure ich damit seit fast zehn Jahren.
Waren die unerquicklichen Theaterbegegnungen der Grund, keine Festverträge mehr einzugehen?
Jein. Zuletzt war ich ja wieder fest an einer Bühne, dem Deutschen Theater in Berlin. Ich wäre gerne geblieben, aber dann erfolgte vor zwei Jahren der Wechsel von Ulrich Khuon zu Iris Laufenberg. Dass es bei einem Intendanz-Neustart zu Vertragskündigungen kommt, finde ich in Ordnung. Aber dass mir nicht einmal ein Gespräch über die Gründe der Nichtverlängerung gewährt wurde, war nicht okay. Eine Institution wie das Theater, das vor lauter Moral manchmal kaum noch gehen kann, darf den Dialog nicht verweigern.
Sie wurden in eine Schauspielerfamilie geboren. Der leibliche Vater Peter Simonischek, die Mutter Charlotte Schwab, der Stiefvater Sven-Eric Bechtolf – alles renommierte Namen . . .
Ja, das war toll. Mit zehn ging ich aufs Internat, aber davor habe ich erlebt, wie Kollegen und Kolleginnen meiner Eltern bei uns ein und aus gingen, in Berlin kamen sie von der Schaubühne, in Hamburg vom Thalia-Theater. Ich war noch ein kleiner Hosenscheißer und fand das wahnsinnig spannend, diese ex- und introvertierten Typen mit ihren Ecken und Kanten, diese ganze Offenheit, die da herrschte. Das ist mir in dieser Ausprägung nie mehr begegnet.
Was hat sich in Ihrem Beruf verändert?
Es gibt eine Stimmung bei jungen Spielern und Spielerinnen, sich vor allem mit Arbeitsbedingungen kritisch auseinandersetzen und Veränderungen wie bessere Arbeitszeiten zu fordern, damit die Work-Life-Balance stimmt. Aber Theater, das muss eine Verschwendung persönlicher Ressourcen sein, sonst funktioniert der Laden nicht. Das habe ich schon früh in meiner Patchworkfamilie am eigenen Leib erfahren müssen.
Simonischek und Stuttgart
Theater
Unter dem ehemaligen Schauspielchef Armin Petras spielte Max Simonischek schon früher in Stuttgart: 2014 in der „Marquise von O. / Drachenblut“, 2016 in „Orpheus in der Unterwelt“. Mit Petras verbindet ihn eine Arbeitsbeziehung, seit er unter dessen Intendanz am Berliner Gorki-Theater engagiert war – weit weg von der Wiener Burg, wo sein Vater Peter eine dominante Figur war. Mittlerweile hat sich der Sohn der Burg angenähert und auch den „Bau“ dort gezeigt. In Stuttgart wird das Gastspiel von der Reinhold-Otto-Mayer-Stiftung unterstützt.
Film
Parallel zum Theater ist Simonischek auch in Filmen zu sehen. Im ZDF verkörpert er seit 2012 den schweigsamen Hauptkommissar Lukas Laim. Vorstellungen des „Baus“ am 14. und 15. März sowie am 6. April. Karten unter 07 11 / 20 20 90.