Die Schauspielerin Christina Rieth spricht im Interview über Dialekt in Kino- und Fernsehproduktionen und erzählt, warum sie vom Schwäbischen einfach nicht lassen will.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Sie spricht Hochdeutsch, wird als Synchronsprecherin und für Werbespots engagiert. Mit einer Filmfirma in Heilbronn will Christina Rieth nun dem Schwäbischen bundesweit Popularität verleihen.

Frau Rieth, sollen wir uns auf Schwäbisch oder Hochdeutsch unterhalten?

Ich kann switchen. Bei der Schauspielausbildung habe ich mir meinen Dialekt hart abtrainiert. Meist stelle ich mich darauf ein, wie mein Gegenüber spricht.

Da böte sich Schwäbisch an, aber da wir den Text abdrucken wollen, versuchen wir es auf Hochdeutsch. Warum haben Sie Stuttgart den Rücken gekehrt?

Coronabedingt mussten Felixa Dollinger und ich unser Dollinger Theater auflösen. Da sind wir wohl nicht die Einzigen im Kulturbereich, denen die Pandemie zugesetzt hat. Momentan arbeite ich bei HNYWOOD (spricht man Heilbronnywood, Anm. der Red.), einer Film- und Synchronproduktionsfirma in Heilbronn. HNYWOOD ist ein Team von Freunden, das seit Jahren zusammenarbeitet und sich zum Ziel gemacht hat, große Gefühle auf die Leinwand zu bringen und dabei in der Heimat zu bleiben.

Ihrer Kurzbiografie fürs Schauspiel entnehme ich, dass Sie Schwäbisch und Sächsisch sprechen. Wie das?

Das hängt damit zusammen, da das Schwäbische und das Sächsische im Mundraum an denselben Stellen gebildet werden. Insofern geht mir auch Sächsisch leicht über die Lippen. Deshalb kann man wunderbar zwischen den beiden Dialekten hin und her wechseln, die ja angeblich zu den unbeliebtesten in Deutschland gehören.

Bleiben wir bei Ihrem Heimatdialekt. Am 15. Dezember kommt ein Spielfilm als DVD und auf Video on demand heraus, in dem Sie Schwäbisch sprechen. Der Film „Faustdick“ wird als Feel-Good-Komödie angepriesen. Was bitte ist das?

Es ist eine wunderbare Komödie, in der auch Dialekte zu hören sind. „Faustdick“ ist eine Hymne auf das Miteinander, auf das gemeinsame Schaffen. Wo Vorurteile aufgelöst werden und daraus Freundschaften und Romanzen entstehen. „Faustdick“ ist der allererste Spielfilm von HNYWOOD. Er hat seine Existenz der Pandemie zu verdanken.

Wie das?

Mit Beginn der Pandemie, als die Kinos dichtmachen mussten, sind überall Pop-up-Autokinos aus dem Boden geschossen. Allerdings hielten die meisten Verleiher ihre Filme zurück. In diese Lücke sind wir mit „Faustdick“ gesprungen. Nun konnten wir den renommierten Arthouse-Verleiher Neue Visionen aus Berlin mit unserer Komödie überzeugen.

Um was geht es in „Faustdick“?

Der Film erzählt von einer Truppe von Einzelgängern, die durch das Raster gefallen sind und in einer Weiterbildungsmaßnahme des Arbeitsamts landen. Getarnt als falsche Kursleiter schleichen sich zwei Hochstapler in das Seminar, um heimlich einen trashigen Horrorfilm namens „Goethes Killerfaust“ zu drehen. Chaos bricht aus, Freundschaften wachsen, Liebe entflammt.

Und Sie geben eine Schwäbin?

Richtig, ich darf die resolute Schwäbin Anne Kerner spielen, die eine tragische Geschichte im Gepäck hat.

Nach der Schule haben Sie zunächst einmal eine Ausbildung als Versicherungskauffrau gemacht. Wie kommt man von da zur Schauspielerei?

Bereits mit 15 habe ich meine Liebe zur Schauspielerei entdeckt, bei einem Mundartverein. Die Veigelesbühne in Möttlingen bei Calw gibt es übrigens heute noch. Mit 23 bin auf die Schauspielschule gegangen. Kaum hatte ich mir den Dialekt ausgetrieben, habe ich eine Solonummer auf Schwäbisch erarbeitet und bin damit aufgetreten.

Sie sagen, Schwäbisch sei in der ganzen Republik unbeliebt. Dennoch haben Sie in Ihrem Kabarettprogramm im Dollingerie Theater behauptet, dass die Mundart sexy sei.

So empfinde ich das auch. Aber dabei geht es um mehr als nur um Sprache. Mir gefällt das Zielstrebige und Schaffige an uns Schwaben, eine Eigenschaft, die ich auch für mich in Anspruch nehme. Aber natürlich könnten wir, was Leichtigkeit angeht, von den Badenern lernen.

Und von den Bayern, die ihren Dialekt viel selbstbewusster zur Schau tragen?

Absolut. Das fällt schon auf, wenn man sich eine TV-Produktion aus Bayern anschaut. Da sprechen selbst Hauptfiguren Mundart. Bei einem „Tatort“ aus Stuttgart wird höchstens dem Gerichtsmediziner ein schwäbischer Zungenschlag erlaubt. Schade eigentlich.

Woher kommt das?

Ich weiß auch nicht so recht. Vielleicht, weil der Schwabe einer ist, der sich eher innerlich freut. Ich vermute, der Begriff Understatement kommt in Wahrheit aus dem Schwäbischen. Aber das wird sich ändern.

Woher nehmen Sie die Gewissheit?

Wir planen einen Kinofilm, in dem die Hauptrollen Schwäbisch und Sächsisch sprechen. Mal schauen, wie der Rest der Republik darauf reagiert.

Sie sagen, Sie hätten sich den Dialekt mühsam abtrainiert. Wie geht das?

Mit Disziplin und Sprecherziehung. Da muss man dranbleiben. Das ist wie bei einer Sportart, bei der man auch nie mit dem Training aufhören darf. Anfangs war das anstrengend. Wenn eine Rolle Emotion verlangt hat, bin ich oft in den Dialekt abgerutscht. Schwäbisch ist eben die Sprache meines Herzens.

„Faustdick“ jetzt auch fürs Heimkino

Christina Rieth
 ist in Calw aufgewachsen. Nach der Ausbildung zur Versicherungskauffrau hat sie Schauspiel an der Live-Act-Akademie in Stuttgart studiert. Anschließend machte sie sich als freiberufliche Schauspielerin selbstständig und gründete in Stuttgart mit Felixa Dollinger das Dollingerie Theater. Das Duo ging mit selbst geschriebenen Krimi- und Kabarettstücken auf Tour – unter anderem mit „Schwäbisch macht sexy“.

TV-Auftritte
In den darauffolgenden Jahren kamen verschiedenen Fernseh- und Filmproduktionen wie „Kalt ist die Angst“ (ARD), „Tatort“ (SWR) und die Kinokomödie „Faustdick.“ Im Sommer 2020 stand sie mit ihrem Soloprogramm „A Stückle Glück“ beim SWR-4-Mundartsommer auf der Heilbronner Fährlebühne. Den Kinofilm „Faustdick“ gibt es vom 15. Dezember an auf DVD und Video on demand zu kaufen. Christina Rieth spielt darin die resolute Schwäbin Anne Kerner, die ihre ganz eigene Geschichte erzählt.