Die Familienplanung nach dem Job auszurichten ist nichts komplett Ungewöhnliches. Im Fall der beiden Schwestern Maike Merz (35) und Tanja Kuttler (33) mussten gleich zwei Frauen gleichzeitig etwas planen, was sich nun mal nicht so genau planen lässt. „Aber wir haben das richtig gut hinbekommen“, sagt Tanja Kuttler mit einem Schmunzeln. Im Oktober 2020 kam Maikes zweite Tochter Madita zur Welt, im Januar 2021 Tanjas Sohn Korbinian. Für die Frauen-WM 2019 in Japan hatten die beiden ihren Kinderwunsch nach hinten verlegt. „Für unser Standing war dieses Turnier ungemein wichtig. Hätten wir dort gefehlt, wäre es schwierig geworden“, sagt Tanja Kuttler. Denn durch Maikes erste Schwangerschaft verpassten die Schiedsrichterinnen schon mögliche Nominierungen für die Frauen-EM 2016 und die Heim-WM 2017.
Heißes Derby
Jetzt aber sind sie auf der Karriereleiter richtig gut unterwegs. Als einziges weibliches Gespann in der Männer-Bundesliga leiten sie inzwischen auch brisante Duelle wie am zweiten Weihnachtsfeiertag 2021 das Derby Frisch Auf Göppingen gegen TVB Stuttgart (34:32). Die Emotionen kochten hoch in der EWS-Arena, und gegen Ende der 60-minütigen Schwerstarbeit gab es mächtig Wirbel vonseiten des TVB, da eine halbe Minute vor Schluss ein Siebenmeterpfiff ausblieb. Am 13. März sah man sich erstmals wieder. Kuttler/Merz (geborene Schilha) leiteten die Partie TVB gegen SC Magdeburg (27:30). Doch vom TVB machte das Derby keiner mehr zum Thema.
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Am Spielfeldrand sorgte dann eher der äußerst temperamentvolle SCM-Trainer Bennet Wiegert durch häufiges Reklamieren für den ein oder anderen Meinungsaustausch – der dann aber nicht in aller Öffentlichkeit vertieft wurde. „Wenn wir nach brisanten Spielen das Gefühl haben, dass es Redebedarf seitens der Trainer gibt, sprechen wir häufig eine Einladung in unsere Kabine aus. Anstelle von emotionalen Schuldzuweisungen führt das oft zu sehr fruchtbaren Gesprächen“, sagt Kuttler. Bei einer solchen Einladung geht es dann einzig und allein um ein sachlich-fachliches Aufarbeiten der Meinungsverschiedenheiten während der zweimal 30 Minuten. „Wenn die heißen Emotionen etwas abgekühlt sind, geht das viel besser als auf dem Spielfeld“, sagt sie.
2018 Premiere in Göppingen
Blöde Bemerkungen von den direkt Beteiligten mussten sie sich noch nie anhören, seit sie am 27. Mai 2018 bei der Partie Frisch Auf gegen GWD Minden ihr erstes Männer-Bundesliga-Spiel gepfiffen haben. „Wenn, dann kommen die typischen Macho-Sprüche gegen Frauen von den Tribünen, aber die Zuschauer haben Eintritt bezahlt und dürfen das“, sagt Tanja Kuttler betont professionell.
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Das Schmerzensgeld für die Unparteiischen beträgt in der Männer-Bundesliga 1500 Euro pro Gespann. Die beiden Schwestern aus Tettnang im Bodenseekreis, früher selbst für die SG Argental am Ball, haben sich ein dickes Fell zugelegt. Als Mütter kamen sie stärker zurück. Ihr Ehrgeiz ist geblieben, die Prise Lockerheit kam hinzu. Einen falschen Pfiff tragen sie nicht mehr wie früher tagelang mit sich herum.
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Hilfreiches Coaching erfahren sie von Jutta Ehrmann-Wolf (58), der hauptamtlichen Leiterin Schiedsrichter-Entwicklung beim Deutschen Handballbund (DHB). Sie hat mit ihrer Partnerin Susanne Künzig von 1984 bis 2009 auch Männer-Erstligaspiele gepfiffen. Sonst gibt es kein weiteres weibliches Gespann, das jemals in der stärksten Liga der Welt Spiele geleitet hat. Und bei internationalen Männer-Großturnieren kam bisher nur ein weibliches Duo zum Einsatz kam: die französischen Zwillinge Charlotte und Julie Bonaventura (41).
Keine Sonderbehandlung
Maike Merz und Tanja Kuttler halten diesen Weg auch für sich nicht für ausgeschlossen. Doch zunächst wollen sie sich in der Männer-Bundesliga etablieren. Dafür trainieren sie hart, während der Schwangerschaften haben sie sogar eine private Trainerin engagiert. Sie betonen, dass Gleichberechtigung gleiche Rechte und gleiche Pflichten mit sich bringe. So legen die Schwestern Wert darauf, exakt die gleichen Voraussetzungen zu erfüllen wie ihre männlichen Kollegen – auch in Sachen Fitness.
Drei Wochen auf Achse
Sport, Beruf und Mutterrolle gilt es miteinander zu vereinbaren. Derzeit befinden sich beide beim Autozulieferer ZF in Friedrichshafen angestellten Frauen in Elternzeit. Doch auch so besteht ein hoher Organisationsaufwand. Für ein Champions-League-Spiel der Frauen ist das Duo drei Tage lang auf Achse. Bei der Frauen-WM vergangenen Dezember in Spanien waren es drei Wochen. „Das Ganze funktioniert nur, weil unsere Ehemänner, Eltern und auch Schwiegereltern voll mitziehen“, sagt Tanja Kuttler.
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Am Trennungsschmerz haben sie aber doch zu knabbern: Als Maikes ältere Tochter Leonie ihre ersten Schritte machte, waren die Schwestern 1000 Kilometer entfernt in einer Handballhalle in Ungarn – bei einer Juniorinnen-WM. Beim ersten Geburtstag der inzwischen Vierjährigen pfiffen sie das Frauen-Pokalfinale. „Solche Dinge sind schon hart, gerade in dem Alter verpasst man einiges“, sagt Kuttler, macht aber anderen Frauen auch Mut: „Man muss einfach auch flexibel sein. Möglichst viele Familienmitglieder einpacken und unterwegs feiern. Das sind Momente, die in Erinnerung bleiben.“