Schlachtbetrieb in Backnang Militante Tierrechtler entern Metzgerei

Die Demonstranten zündeten Rauchbomben und kletterten mit Spruchbändern aufs Dach des Metzgereibetriebs Kühnle. Foto: Andreas Rosar

Die Welle der Empörung gegen den Backnanger Traditionsbetrieb Kühnle ebbt nicht ab – obwohl die Vorwürfe aus Sicht des Unternehmens längst ausgeräumt sind. Selbst lokale Grünen-Politiker reagieren inzwischen genervt auf die Protestkundgebungen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Sie kamen im Morgengrauen, zündeten Feuerwerkskörper und Rauchbomben und kletterten mit Spruchbändern aufs Flachdach des Backnanger Metzgereibetriebs Kühnle: Mit einer Blockade des Fleischmarkts im Industriepark an der Sulzbacher Straße hat der Protest gegen den alteingesessenen Familienbetrieb am frühen Freitag eine neue Stufe erreicht.

 

Während neun Teilnehmer einer nicht bei der Polizei angemeldeten Kundgebung auf dem Dach des Lebensmittelherstellers ein Banner mit dem Signet der Tierrechtsorganisation „Animal Rebellion“ hissten, machten sich knapp drei Dutzend Aktivisten vor dem Fleischmarkt mit einer Sitzblockade breit. In einer am Vormittag verbreiteten Presseerklärung teilten die Tierrechtler mit, dass Unternehmen aus ethischen Gründen und zum Schutz der gemeinsamen Lebensgrundlagen auf eine pflanzliche Wirtschaftsweise setzen müssten. „Tiere zu töten ist eine tief verankerte Tradition – und verantwortlich dafür, dass unser Mitgefühl gegenüber fühlenden Lebewesen massiv geschädigt ist“, heißt es in dem Schreiben.

Die Polizei befürchtete, dass die Demonstranten durchs Wellblech krachen

Die von dem Metzgereibetrieb um Hilfe gerufene Polizei setzte Spezialkräfte ein, um die auf dem Dach stehenden Aktivisten vom Gebäude zu holen. „Wegen fortdauernden Hausfriedensbruchs und der konkreten Gefahr, dass das dünne Wellblech der Belastung nicht standhält, wurden die Dachbesetzer von der Versammlung ausgeschlossen“, heißt es im Polizeibericht. Mit einer Drehleiter der Feuerwehr nahmen geschulte Beamte direkten Kontakt mit den Aktivisten auf.

Erst im Laufe des Vormittags waren die Tierrechtler von der Polizei zum Verlassen des Dachs zu bewegen. Die letzten beiden Personen kamen erst gegen 13.15 Uhr über die Drehleiter nach unten. Von der Polizei wurden sowohl gegen die Personen auf dem Dach als auch gegen einzelne Versammlungsteilnehmer strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Ob den Aktivisten auch die entstandenen Kosten in Rechnung gestellt werden, wird von der Polizei geprüft.

Aus Sicht des Unternehmens kann von Tierquälerei keine Rede sein

Die Sitzblockade und die Besetzung des Firmendachs gelten als vorläufiger Höhepunkt der seit mittlerweile gut anderthalb Jahren andauernden Proteste gegen das Backnanger Familienunternehmen. Bereits mehrfach hatte es Kundgebungen vor dem Schlachtbetrieb in der Sulzbacher Straße gegeben, erst im Oktober hatten sich Aktivisten der Tierschutzorganisation Peta vor Ort ausgezogen, um gegen die vermeintlichen Missstände zu protestieren. Auslöser war ein Bericht eines TV-Magazins, in dem im August 2022 ein Zusammenschnitt heimlich gedrehter Aufnahmen aus dem Schlachtbetrieb zu sehen war. Aus Sicht des Vereins „Soko Tierschutz“ belegt die Videosequenz, dass es in dem 140 Mitarbeiter zählenden Betrieb, mit 16 Filialen im Rems-Murr-Kreis und im Nachbarkreis Ludwigsburg regional eine feste Größe, zu Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen ist – ein Standpunkt, gegen den sich Kühnle über seine Anwaltskanzlei vehement zur Wehr setzt.

Aus Sicht der Metzgerei ist mittlerweile nämlich erwiesen, dass von Tierquälerei im Schlachtbetrieb keine Rede sein kann. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe hatte Kühnle die Schlachtungen im eigenen Haus ausgesetzt und einen unabhängigen Gutachter mit einer Untersuchung beauftragt. Ergebnis der Prüfung war, dass auf dem veröffentlichten Material keine tierschutzrechtlichen Verstöße erkennbar sind. Bei keiner der auf den Videoaufnahmen gezeigten Rinderschlachtungen könne von einer mangelhaften Betäubungswirkung nach dem Bolzenschuss gesprochen werden, auch der Einsatz der Treibhilfen sei „aus tierschutzfachlicher Sicht korrekt erfolgt“.

Der Rems-Murr-Kreis fordert weniger Tierleid durch kurze Transportwege

Dass sich die Metzgerei dennoch weiter im Visier von Tierschutzaktivisten befindet, löst nicht nur bei der Kühnle-Belegschaft mittlerweile großen Unmut aus. „Trotz der intensiven Aufarbeitung und eindeutiger Entlastung werden die Beschäftigten bis heute als angebliche Tierquäler angeprangert. Das ist für die Betroffenen in erheblicher Weise belastend“, beklagt Jörn Claßen, Rechtsanwalt des Backnanger Betriebs.

Auch Thomas Pfisterer, der Leiter des Veterinäramts im Rems-Murr-Kreis, sieht die Vorwürfe entkräftet. „Das Landratsamt befürwortet eine regionale Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Wurst. Dazu gehört hofnahe Schlachtung, auch um lange Transportwege zu vermeiden und somit auch Tierleid zu verringern“, gab er bereits vor Wochen zu Protokoll. Genervt von der nicht abflauenden Empörungswelle ist selbst der Grünen-Politiker Ralf Nentwich: „Die Firma Kühnle ist ein traditioneller Familienbetrieb aus der Region, der aus seinen Fehlern gelernt und diese in Zusammenarbeit mit dem Rems-Murr-Kreis behoben hat“, schreibt der Backnanger Landtagsabgeordnete, immerhin ernährungspolitischer Sprecher seiner Fraktion, in einer Erklärung zur jüngsten Protestaktion.

Die Bauarbeiten für die Verbesserung des Schlachtbetriebs dauern noch an

Mit bundesweiten Fleischskandalen sei der Betrieb der Backnanger Metzgerei grundsätzlich nicht vergleichbar. Und von einem generellen Schlachtverbot will Nentwich ebenfalls nichts wissen: „Wir brauchen Tierhaltung, weil sonst Wiesen und Weiden unaufhaltsam verschwinden. Ohne Schafe, Ziegen und Rinder wären wertvolle Biotope dem Untergang geweiht.“ Aus Sicht von Ralf Nentwich hat gerade der Rems-Murr-Kreis das Potenzial, sich als innovatives Zentrum für die bio-regionale Schlachtung unter Berücksichtigung hoher tierethischer Standards zu etablieren. „Die Firma Kühnle könnte hier eine bedeutende Rolle bei der Lösung und nicht als Problemverursacher spielen.“ Aufgenommen ist der im Sommer 2022 eingestellte Schlachtbetrieb in Backnang bisher noch nicht wieder. Ende Juli hatte das Baurechtsamt der Stadt Backnang die Baugenehmigung für den geplanten Umbau für den Zutrieb der Schlachttiere erteilt. Doch die Arbeiten laufen aktuell noch.

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