Schuldebatte Zufallsbürger beraten zu G8 oder G9
Von Samstag an gibt es ein Bürgerforum zu der umstrittenen Gymnasialdebatte. Die Online-Diskussion zuvor verlief sachlich und konstruktiv.
Von Samstag an gibt es ein Bürgerforum zu der umstrittenen Gymnasialdebatte. Die Online-Diskussion zuvor verlief sachlich und konstruktiv.
Wenn Geschworene in einem amerikanischen Strafprozess zusammenkommen, dann sollen sie über den zu verhandelnden Fall eigentlich noch nichts wissen, gefragt ist die absolute Unvoreingenommenheit. Wenn am Samstag erstmals 64 zufällig ausgewählten Männer und Frauen in Stuttgart zusammenkommen, um in einem Bürgerforum darüber zu diskutieren, ob die Gymnasiasten im Land künftig besser acht oder neun Jahre die Schulbank drücken, dann hat das schon etwas Ähnlichkeit mit den US-Geschworenen.
Die Leute sollen sich nicht vorbereiten, sagt Barbara Bosch, die als Staatsrätin für die Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung den Prozess begleitet. Es sei ein bisschen wie vor Gericht, wo man die Erkenntnisse auch aus der Hauptverhandlung ziehen soll.
Dass dieser Wunsch nicht ganz in Erfüllung gehen wird, dass ist natürlich auch der erfahrenen Politikerin klar. Schließlich werden nur wenig schulpolitische Themen in Baden-Württemberg so hitzig diskutiert wie die Frage ob G8 oder G9 das bessere für Schüler ist.
Doch auch wenn in der online dominierten Klick- und Lästerwelt hitzige Diskussionen oft und schnell unter die Gürtellinie zielen: beim vorbereitenden Online-Voting zum umstrittenen Schulthema war das nicht der Fall. Eine „überaus sachliche Debatte“ hat Barbara Bosch bei der Onlinebeteiligung beobachtet, die am vergangenen Freitag zu Ende gegangen ist. Mit 991 Kommentaren und rund 13 000 Bewertungen habe es den zweitgrößten Zuspruch in der Geschichte dieser Form der Bürgerbeteiligung gegeben, so Bosch – lediglich beim Landesjagdgesetz wurde mehr digitales Pulver verschossen. Boschs Fazit: Die Mitte der Gesellschaft ist zivilisiert, „ein anderes Qualitätsniveau als auf facebook“.
Quantitativ habe es bei der Online-Kommentierung zwar mehr Zuspruch für G9 gegeben, sagt Bosch, doch darauf komme es im Augenblick nicht an. Nicht die Masse der Wortmeldungen sei entscheidend, sondern deren Qualität. Schließlich gehe es nun erst einmal darum, Themen zu definieren, über die dann von den 64 zufällig ausgewählten Zufallsbürgern diskutiert werde. Die legen dann Anfang Dezember eine Empfehlung vor – und die hat nichts mit dem Volksantrag zum gleichen Thema zu tun, der derzeit beim Landtag liegt.
Anders als die Geschworenen in amerikanischen Strafprozessen werden die Mitglieder des Bürgerforums natürlich auch nicht von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Nach der Auftaktsitzung in Stuttgart können die Teilnehmer von ihrem eigenen Sofa aus diskutieren, der Großteil der Treffen findet online statt.