Schulempfehlung in Stuttgart Wenn die Eltern zu ehrgeizig sind

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In Stuttgart ignorieren besonders viele Eltern die Grundschulempfehlung. Das hat massive Folgen für das Niveau und die Gestaltung des Unterrichts. Die Realschulen sind besonders gefordert.

Im Unterricht strecken und mitmachen, das wollen die meisten Kinder. Aber das funktioniert nur dann, wenn Tempo und Niveau der weiterführenden Schule zu ihnen passen. Foto: dpa
Im Unterricht strecken und mitmachen, das wollen die meisten Kinder. Aber das funktioniert nur dann, wenn Tempo und Niveau der weiterführenden Schule zu ihnen passen. Foto: dpa

Stuttgart - In welche weiterführende Schule soll mein Kind? Diese Frage beschäftigt jetzt wieder viele Familien, da nächste Woche die Anmeldungen beginnen. Aktuelle Zahlen des Statistischen Landesamts belegen, dass in Stuttgart besonders viele Eltern die Grundschulempfehlung ignorieren. Das hat Folgen: für den Unterricht, für die Kinder und für die Lehrer.

Besonders krass wirkt sich dies bei den Realschulen aus: Dort sind im aktuellen Schuljahr 38,6 Prozent der Fünftklässler mit einer Empfehlung für die Hauptschule gelandet, landesweit sind es 24 Prozent. Auch in den Stuttgarter Gymnasien haben 15 Prozent der Fünftklässler keine Gymnasialempfehlung. In den Stuttgarter Gemeinschaftsschulen ist der Anteil der Fünftklässler mit Gymnasialempfehlung jedoch mit 24,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Landesschnitt.

Realschulen müssen sehen, wie sie klarkommen

Seit dem Jahr 2012 dürfen in Baden-Württemberg die Eltern selbst entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Die Grundschulempfehlung gibt es zwar immer noch, aber sie ist nicht mehr verbindlich. So kam es zum Ausbluten der Werkrealschulen. Zum Schuljahr 2015/16 wählten nur noch 3,8 Prozent der Viertklässler diese Schulart – dabei hatten 20,4 Prozent eine Empfehlung dafür. Und nun müssen vor allem die Realschulen, aber auch die Gymnasien, zusehen, wie sie mit Schülern klarkommen, denen die Grundschullehrer genau diese Schularten eben nicht zugetraut haben.

Zwar hatten in Stuttgart 54,2 Prozent der Kinder eine Empfehlung fürs Gymnasium, aber tatsächlich sind auf dieser Schulart auch 12,8 Prozent der Kinder mit Realschulempfehlung und 2,2 Prozent mit Hauptschulempfehlung gelandet. Barbara Graf, Geschäftsführende Leiterin der Gymnasien, hält die Grundschulempfehlung weiterhin für „außerordentlich tragfähig“. Sie sagt: „Wir haben deutlich gemacht, dass die Gymnasien hohe Anforderungen haben.“

Nicht alle Kinder packen das Tempo auf dem Gymnasium

Es wundere sie nicht, dass die Zahl der Wiederholer schon nach dem ersten Jahr seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung signifikant gestiegen sei. Nicht alle Schüler seien dem höheren Tempo auf dem Gymnasium gewachsen. Und nicht bei allen genügt eine individuelle Unterstützung durch ältere Schülermentoren. Haben Kinder mit Hauptschulempfehlung überhaupt eine Chance auf dem Gymnasium? „Ich würde niemals nie sagen“, sagt Graf. „Es gibt etliche Kinder, die mit ihrer Anstrengungsbereitschaft ganz viel wett machen können, auch auf dem Gymnasium.“

Aber es gebe auch andere Fälle: „Wenn ein Kind auf der falschen Schulart ist, ist es das erste, das schnell relativ traurig ist“, berichtet Graf. „Manche Kinder verstummen auch oder übernehmen die Rolle des Klassenkaspers.“ Welche Auswirkungen hat so eine Entwicklung auf das Niveau des Gymnasiums? „In Klassen, in denen genügend Kinder motiviert sind, kann das Niveau gehalten werden; wenn aber die anderen Kinder eine kritische Menge überschreiten oder die Stimmung beherrschen, dann wird es schwierig“, räumt Graf ein. Entscheidend sei: „Darf hier gelernt werden, oder ist Lernen uncool?“ Häufig steuere man hier nach, indem man in Klasse acht die Klassen noch mal neu bilde.

Zweier-Lehrerteams geben Realschülern Feedback

Besonders hart trifft das veränderte Übertrittsverhalten der Viertklässler und ihre große Spannbreite die Realschulen. „Wir mussten uns von der Reinform der Realschule verabschieden“, erklärt Barbara Koterbicki, Geschäftsführende Schulleiterin für die Sekundarstufe 1 und Leiterin der Schloss-Realschule im Westen. „Es drohte ein Bruch im Kollegium.“

Man musste mit neuen Lernformen auf die veränderte Schülerschaft reagieren, Zweier-Lehrerteams geben nun beim individuellen Lernen den Schülern Feedback. Denn letztlich gehe es darum, allen Kindern gerecht zu werden und somit neben Realschulinhalten auch Aufgaben auf Hauptschul-, aber auch Gymnasialniveau anzubieten. Geprüft werde zwar auf Realschulniveau. „Aber fast die Hälfte der Schüler kann das nicht“, sagt Koterbicki.

Sie betont aber: „Wir unterrichten Kinder, nicht Fächer.“ So habe man ein System mit Hilfskärtchen eingeführt, die Kinder in Klassenarbeiten ziehen dürfen. „Das gibt zwar einen Punktabzug, aber die Schüler kommen so weiter – in Mathe funktioniert’s gut“, erklärt die Schulleiterin.

Eine Extraklasse für die „Abschuler“ aus dem Gymnasium

Und: „Wir machen jedes Schuljahr eine extra Klasse neun auf.“ Darin finden sich die sogenannten Abschuler aus dem Gymnasium, aber auch Flüchtlinge und Aufsteiger aus der Werkrealschule. Allesamt Schüler „mit Gepäck“, wie Koterbicki es nennt. Diese Klasse werde enger begleitet: „Sie kriegen einen Vertrauensvorschuss des guten Gelingens“. Es sei ein Erfolgsmodell.

Dass die Bildungspolitik auf diese Entwicklung mit der weiter entwickelten Realschule reagiere, wo künftig nach Klasse fünf kein Kind mehr sitzenbleiben kann und nach Klasse sechs zwei Niveaustufen gebildet werden, sieht Koterbicki als „logische Antwort auf den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung“. Den in Stuttgart deutlich höheren Anteil der Gymnasiasten an der Gemeinschaftsschule führt sie darauf zurück, dass diese hier auch aus Realschulen entwickelt wurden und nicht nur aus Hauptschulen.

Pädagogin rät Eltern, auf Grundschulempfehlung zu hören

Koterbickis Botschaft an die Eltern der Viertklässler: „Hören Sie auf die Grundschullehrer.“ Falls nicht, empfehle sie, gemeinsam nach Unterstützungssystemen zu suchen „und nicht maßlos Nachhilfe, sondern in Absprache mit den Lehrern“ .

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