Schulen in Baden-Württemberg Omikron bringt Schulen in große Not

Reichen Schnelltests aus? Viele fordern PCR-Tests an Schulen. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Die Zahl der Schulklassen, die wieder per Fernunterricht lernen müssen, hat sich binnen einer Woche mehr als vervierfacht. Lehrerverbände fordern Strategien vom Land, wie der Schulbetrieb weiter geführt werden soll.

Stuttgart - Gewisse Ermüdungserscheinungen kann Michael Mittelstaedt nicht verhehlen. „Ich war noch nie so hin- und hergerissen“, wie die aktuelle Coronalage zu bewerten sei, sagt der Vorsitzende des baden-württembergischen Landeselternbeirats. Dass man im Land die Schulen so lange wie möglich offenhalten will, „das muss man unterschreiben“, das findet er schon. „Ich wundere mich aber, wie im Moment überhaupt noch Unterricht stattfinden kann“, bei so vielen Einschlägen durch die Omikron-Variante unter den Schülern und Lehrern.

 

607 Schulklassen befinden sich im Fernunterricht

Nach Angaben des baden-württembergischen Kultusministeriums sind Stand Dienstag zwei Schulen komplett geschlossen. An 2778 von insgesamt 4500 Schulen sind aktuell Corona-Ausbrüche registriert. An 391 dieser betroffenen Schulen befinden sich 607 Schulklassen im Fernunterricht. An den übrigen Schulen seien nur einzelne Kinder oder Lehrer infiziert oder in Quarantäne. Insgesamt seien 21 184 Schüler positiv auf Covid-19 getestet worden und 1422 Lehrer. 24 183 Schüler und 1025 Lehrer seien in Quarantäne.

Die Inzidenzen schießen nach oben

Damit hat sich die Zahl der Klassen im Homeschooling binnen einer Woche (133) mehr als vervierfacht. Die Zahl der Infektionen hat sich mehr als verdoppelt. Die Sieben-Tage-Inzidenz für die Sechs- bis Neunjährigen lag vorigen Donnerstag noch bei etwa 1000 und bei den 10- bis 19-Jährigen bei rund 1200. Bei den Grundschülern schießt dieser Wert jetzt Richtung 2500, bei den Jugendlichen liegt er fast bei 2000.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Die Situation ist sehr belastend“

Berlin hat die Präsenzpflicht an den Schulen wegen der hohen Inzidenzen bereits aufgehoben. „Was will man damit erreichen?“, fragt sich Mittelstaedt: „Die einzigen, denen das hilft, sind die Ängstlichen“, sagt er. Für die Schulen verschlechtere das die Lage noch, sagt Gerhard Brand, der Vorsitzende des Verbandes für Bildung und Erziehung im Land (VBE). „Wie sollen das die Schulen bewältigen“, wenn Kinder frei nach Belieben in den Klassenzimmern auftauchten oder eben nicht – und die Lehrer dann zusehen müssten, wie sie ihre Schüler mit Stoff versorgten.

Der Lehrerverband hält Schulen für keine sicheren Ort mehr

„Wenn die Gesundheit der Lehrer akut gefährdet ist, müssen wir die Schulen wieder schließen“, sagt Brand. Die Äußerung des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Aussetzung der Präsenzunterrichts in Berlin sei „auch ein Eingeständnis der Politik, dass die Schulen – anders als zuvor versprochen – keine sicheren Orte mehr sind“, kritisiert Brand scharf: „Platter kann man es nicht ausdrücken“ in einer Lage, in der man „nicht einmal mehr im Kloster sicher ist“ vor einer Infektion. Er verweist auf die hohe Impfquote unter Lehrern, die ständigen Testungen und die Maskenpflicht im Unterricht. „Im Vergleich zu anderen Einrichtungen sind Schulen sehr sicher aufgestellt.“

Verbesserungsbedarf sieht er bei den Testkits. Statt nur auszuliefern, was gerade auf dem Markt seien, solle das Land immer nur die drei Modelle verwenden, die als am treffsichersten gelten.

Reicht die Teststrategie aus?

Monika Stein, Chefin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, bezweifelt, dass die Teststrategie noch ausreicht. „Warum gelingt es Bremen, weiterhin PCR-Tests an Schulen anzubieten und dem reichen Baden-Württemberg nicht?“, fragt sie. Sie beklagt auch, dass es mit dem Nachschub an FFP2-Masken hapert. Die bisher versandten 2,6 Millionen Masken reichten nur noch bis Ende Februar.

Auch ihr Kollege Ralf Scholl vom Philologenverband will, dass Lehrer priorisiert PCR-Tests bekommen können. Er vermisst aber vor allem eine Strategie seitens des Kultusministeriums für die Schulen. Bei Inzidenzen von mehr als 3000 sei ein Präsenzbetrieb „praktisch unmöglich“, sagt er. Kurzfristig und unvorbereitet auf Fernlernen umschalten zu müssen, sei „absolut suboptimal“. Das Kultusministerium müsse ein tragfähiges Konzept vorlegen, wie der Schulbetrieb denn unter diesen Bedingungen organisiert werden solle und dürfe die Schulen nicht alleine lassen: „Wir steuern sonst ins Chaos.“

In den Schulen gibt es schon Konzepte für Fernunterricht

Es gebe bereits ein solches Konzept, hält Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) dagegen. Eben wegen der zu erwartenden steigenden Omikron-Fälle habe man den Schulleitungen Anfang Januar wie von ihnen erwünscht mehr Spielräume gewährt. Sie können angesichts der Entwicklung vor Ort in Absprache mit dem zuständigen Schulamt selbst entscheiden, wie sie den Unterricht fortsetzen. Eine Aufhebung der Präsenzpflicht sei aktuell nicht geplant.

SPD-Fraktionschef Andreas Stoch kann sich vorstellen, dass Baden-Württemberg dem Berliner Beispiel folgt und angesichts der steigenden Inzidenzen die Präsenzpflicht an Schulen aufhebt. „Das sollte jetzt kein Tabu sein“, sagt er. „Sollte sich die Lage aber weiter zuspitzen, muss auch der Übergang in den Wechselunterricht oder in das Distanzlernen“ erwogen werden. Dafür bräuchte es Vorgaben des Landes. Der bildungspolitische Sprecher der FDP, Timm Kern, warnt vor landesweit pauschalen Regeln: Angesichts der dynamischen Lage müsse man die Situationen differenziert bewerten und vor Ort entscheiden, ob und wie der Unterricht fortgeführt werden könne.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Schulen Omikron Unterricht Kinder