Doch vor Kurzem kam die Absage. Die Familie ist enttäuscht. Kai Buschmann kann das nachvollziehen. Er ist der Rektor der Waldschule und sagt: „Uns ist es wichtig zu vermitteln, dass das nichts mit dem Kind zu tun hat. Ich sage in der Regel nach jedem Aufnahmegespräch zu dem Kind, dass es das richtig gut gemacht hat. Die Kinder sind dann stolz.“ Doch die Waldschule sei klein und wolle klein bleiben. Für die kommenden Fünftklässler gab es 92 Plätze, aufgeteilt auf je zwei Gymnasial- und zwei Realschulklassen. Auf diese kamen 190 Interessenten. Mehr als im vergangenen Jahr, der Trend geht nach oben.
An vielen Privatschulen entscheidet am Ende das Los
Wie wird da ausgewählt? Im Aufnahmegesprächen gehe es lediglich darum, mehr über „die Erwartungshaltung der Eltern“ zu erfahren, sagt Buschmann. Denn sie müssten hinter der an Montessori angelehnten Pädagogik stehen, die das selbstständige Arbeiten in den Vordergrund rücke. „Wenn die Familien da andere Vorstellungen haben, klappt das nicht“, sagt der Rektor. Vorrang haben Geschwisterkinder und Kinder von der eigenen Grundschule sowie Kinder aus Stuttgart. Auch die Frage, ob die Familien Bedarf an einer Ganztagsbetreuung habe, spiele eine Rolle. Am Ende entscheide das Los.
Mit dem Ausgang dieses Verfahrens sind nie alle Eltern zufrieden. „Wir haben jedes Jahr Familien, die meinen, sie müssen einen Platz bekommen“, sagt Buschmann. Das bestätigt auch Daniel Steiner, der Leiter des Schulverbunds Mörike-Schulen. „Unsere Sekretärinnen nehmen immer Anrufe von enttäuschten Eltern entgegen“, sagt er. Da helfe nur Diplomatie und die Aussicht auf die Warteliste. „Wir haben jedes Jahr einige Nachrücker“, sagt Steiner. Das Mörike-Gymnasium hatte 58 Plätze zu vergeben, für die es etwa 80 Anwärter gab. An der Realschule waren es 52 Plätze und knapp 100 Anwärter. Für die Vergabe der Plätze habe man keinen Katalog, sagt der Rektor. Kriterien seien der Eindruck im Aufnahmegespräch. Passt die Familie zur Schule? Und interessiert sich die Familie auch wirklich für die Schule? Das Interesse an Musik sei für die beiden Musik-Profilklassen ein Auswahlkriterium. Keinerlei Rolle spiele hingegen die Konfession. Obgleich das Mörike eine evangelische Schule sei, gebe es auch viele Kinder aus anderen Konfessionen und ohne Konfession.
Das Ziel sei eine ausgewogene Klassenzusammensetzung
Besonders groß war die Nachfrage an der Freien Evangelischen Schule. An der Realschule gab es 78 Plätze und 130 Interessenten, am allgemeinbildenden Gymnasium waren es 52 Plätze und 86 Interessenten. Der Trend gehe immer weiter nach oben, sagt der Geschäftsführer Jens Geiger. Das Ziel sei eine „ausgewogene Klassenzusammensetzung“, dabei werde eine Vielzahl an Kriterien einbezogen, am Ende entscheide auch das Los. „Bei so vielen Anmeldungen müssen wir auch Kinder ablehnen, die wir gerne aufgenommen hätten“, sagt Jens Geiger und ergänzt: „Uns ist bewusst, dass es hier auch zu Enttäuschungen kommt, die sich aber leider nicht vermeiden lassen.“
Nur wenige Absagen musste die Torwiesenschule schreiben, eine kleine Privatschule mit angeschlossenem Sonderpädagogischem Beratungs- und Bildungszentrum. Für die 18 Plätze in der bewusst kleinen Realschulklasse gab es 20 Interessenten. Wichtig sei der Schule ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen, ob das einzelne Kind zum Schulprofil passe und vor allem, ob es die Schule auch wirklich besuchen wolle, sagt die Rektorin Sabine Aab.
Nicht nur Kinder aus der „Porsche-Bubble“ kommen an die Privatschule
Auch das Heidehof-Gymnasium musste nicht ganz so viele Absagen schreiben. 84 Plätze waren in den drei künftigen fünften Klassen zu vergeben. „Wir hatten knapp 25 Anmeldungen mehr“, sagt der Schulleiter Berthold Lannert. Er betont, dass der Verlauf des Anmeldegesprächs keinen Einfluss darauf habe, ob man einen Platz bekomme. „Darum machen wir das auch nur mit den Eltern und ohne Kinder. Wir wollen nicht das Gefühl vermitteln, dass man sich bewerben muss. Und wir möchten auch nicht, dass die Familien uns nach dem Mund reden“, sagt Lannert. Wichtig sei der Schule, Kinder aus möglichst vielen Grundschulen zu haben. „Wir machen den Eltern schon bewusst, dass wir nicht nur Kinder aus der Porsche-Bubble nehmen“, sagt Lannert und fügt hinzu: „Die Hauptprivatschulhürde, das Schulgeld, können wir auch wegnehmen.“ Alle Kinder hätten die gleiche Chance, das Los entscheide.
Am Heidehof-Gymnasium – wie auch an anderen Privatschulen – muss die Grundschulempfehlung im Original abgegeben werden. So soll verhindert werden, dass Eltern ihre Kinder an mehreren Privatschulen anmelden. „Allerdings machen manche Familien wirklich schöne Farbkopien, um das zu umgehen“, sagt Lannert. Bleibt die Frage, warum es manchen Eltern so wichtig ist, dass ihr Kind auf eine Privatschule geht, sodass sie sogar tricksen. „Ich denke, viele haben den Eindruck, dass es an einer Privatschule individueller und kindbezogener zugeht. Unser erklärtes Ziel ist es, Kinder zu unterrichten, und nicht Fächer“, sagt Lannert.
Immer mehr Privatschulen in Deutschland
Privatschulen
In Deutschland hat es im Schuljahr 2022/2023 insgesamt 3784 allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft gegeben, die von 797 567 Kindern besucht wurden. Das waren 11,6 Prozent aller Schulen und 9,1 Prozent aller Schüler. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 3498 Privatschulen (10,2 Prozent) und 730 905 Kinder (8,5 Prozent). Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt und wurden vom Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) veröffentlicht. Sie belegen, „dass immer mehr Eltern ihre Erwartungen bei Schulen in freier Trägerschaft erfüllt sehen“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung des VDP.
Schulanmeldung
Das Anmeldeverfahren an den Privatschulen in Stuttgart endet in der Regel im Februar. So können sich Familien, die eine Absage erhalten, noch an einer staatlichen, weiterführenden Schule anmelden. Die Anmeldetage dort sind in diesem Jahr von Dienstag bis Donnerstag, 5. bis 7. März.