Die Segel flattern im Wind, Taue knarzen, Wellen schlagen gegen den Bug. Hin und wieder hört man ein sanftes Zischen. Delfine! Die Tiere liefern sich ein Wettrennen mit dem Großsegler „Star Clipper“, der bei Quepos entlang der costa-ricanischen Küste durch den grün schimmernden Pazifik gleitet.
Hüpfende Rochen machen Bauchklatscher
Eine ganze Delfinschule saust unter dem Rumpf hindurch, springt wieder und immer wieder aus dem Wasser, um Sekunden später elegant und fast lautlos wieder einzutauchen. Bald bekommen die Meeressäuger Gesellschaft von ein paar Rochen, die auch zeigen wollen, was sie können. Die hüpfenden Flachfische sind weniger anmutig und hören sich an wie ein ungelenker Bauchklatscher im Freibad.
Pelikane und Fregattvögel fliegen neugierig um die Masten. Am Horizont geht die Sonne auf und gießt eine goldene Spur aufs Wasser. Trotz der frühen Stunde sind schon viele Passagiere an Deck. Es hat sich herumgesprochen, dass bei Tagesanbruch die beste Zeit ist, um Meeresgetier in fast greifbarer Nähe zu erleben.
Ein Besuch auf der Brücke? Kein Problem
Andächtig schweigend lehnen die Gäste an der Reling, eine Tasse Kaffee in der Hand, und schauen auf den Ozean. Kumar, der aus Indien stammende erste Maat, hält Wache und freut sich über Gesellschaft. Die Türen zur Brücke stehen weit offen. Wenn man den diensthabenden Offizier fragt, darf man sogar ins kleine Steuerhäuschen hinunterklettern und Ausblick, Messinstrumente oder Logbuch bewundern.
Wer schon mal eine Kreuzfahrt unternommen hat, wundert sich über so viel Offenheit. Auf großen Schiffen kann man das „Allerheiligste“ nur in Ausnahmefällen besuchen. Doch eine Seereise auf einem Segelschiff wie der „Star Clipper“ ist keine gewöhnliche Kreuzfahrt. Der Viermaster hat nichts mit den schwimmenden Ferienresorts gemein, das hier ist echte Seefahrt.
Beim Mastklettern fühlt man sich wie ein Pirat
Es gibt ein Steuerrad aus Holz, Kompass und Sextanten für die Navigation, beim Spaziergang über Deck läuft man Slalom um aufgewickelte Seile und zieht besser den Kopf ein, um sich nicht am Mastbaum zu stoßen. Statt im Bordtheater findet das Showprogramm unter freiem Himmel statt: Matrosen in Blaumännern drehen direkt neben auf den Liegen lümmelnden Urlaubern an Kurbeln, wickeln Taue auf, setzen Segel oder holen sie wieder ein. Das Publikum staunt und versucht die Abläufe zu verstehen.
Echtes Piratengefühl kommt auf, wenn die Mannschaft am Seetag zur Mastbesteigung einlädt. Freiwillige vor! An einem Gurt gesichert, kann man 18 Meter hoch ins Krähennest klettern, den Ausguck auf dem Hauptmast. Gemütlicher ist ein Ausflug ins Bugsprietnetz, wo sich die Zeit aufs Schönste verbummeln lässt. Beide Aktivitäten erfordern etwas Mut – dafür wird man mit wunderschönen Perspektiven belohnt. Unter sich Dünung, Gischt und Wellen, der Wind weht um die Nase.
In den Fußspuren von Christoph Kolumbus
Der 115,5 Meter lange Großsegler kreuzt jenseits des Massentourismus. Eine Woche lang begegnet die „Star Clipper“ nur einmal einem anderen Kreuzfahrtschiff: in Puntarenas liegt der Viermaster neben der „Emerald Princess“. Der Ein- und Ausstiegstag am Golf von Nicoya ist auch das einzige Mal, dass an einer Pier festgemacht wird. Sonst hält die „Star Clipper“ einfach küstennah an. Segel einholen, Anker raus, Beiboot absenken. Die Tender landen am Strand an und man stapft quasi in den Fußspuren von Christoph Kolumbus an Land. Die Einheimischen warten schon – mit Schildern in der Hand und klimatisierten Ausflugsbussen im Rücken. Die Tierwelt Costa Ricas will entdeckt werden.
An der Playa Panama bei Culebra ist das Meer besonders flach. Kapitän Brunon schickt einen Erkundungstrupp im Zodiac los und stimmt die Gäste auf eine „Wet Landing“ ein. Der Begriff „nass“ ist wörtlich zu nehmen. Wer Glück hat, bekommt nur ein Fußbad, andere werden im Pazifik getauft.
Auf der „Star Clipper“ fühlt man sich, als gehörte man zum weitläufigen Bekanntenkreis eines Millionärs, der in eigener Abwesenheit zum Segeltörn auf seine Jacht eingeladen hat. Diesen imaginären Eigner gibt es tatsächlich: Das Schiff gehört dem Schweden Mikael Krafft. „Die beste Art zu reisen ist ein segelndes Schiff“, ist das Motto des in Monaco lebenden Geschäftsmannes. Um auch Menschen ohne entsprechende Lizenz das Segeln zu ermöglichen, ließ er historische Vier- und Fünfmaster nachbauen und bietet Reisen an. Vorbild sind die Klipperschiffe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie transportierten einst Waren zwischen den Kontinenten hin und her.
Die Passagiere bilden eine eingeschworene Gemeinschaft
Nun kann die Fracht sprechen und bildet binnen kürzester Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft. Bei maximal 170 Gästen und 75 Crewmitgliedern kennt man sich bald sogar mit Namen. Christine aus Montreal zum Beispiel reist allein, weil ihr Lebensgefährte nicht freibekam. Bei Landausflügen nimmt die Kanadierin immer ihre rosa Handtasche mit, auch in den tiefsten Regenwald. Ursel aus Bremen, perfekt ausgestattet mit knöchelhohen Wanderstiefeln und Funktionskleidung, erzählt, wie sie neulich durch Vietnam geradelt ist. In Costa Rica wollte sie unbedingt mal im Dschungel Zipline fahren. „Da ist jetzt ein Haken dran“, sagt die 72-Jährige.
Hermanus und Elsebe aus Südafrika hatten die längste Anreise – 37 Stunden von Pretoria bis San José, viermal umsteigen. Manfred aus der Nähe von Wien feiert einen runden Geburtstag. Rainer aus Frankfurt möchte unbedingt einen roten Frosch sehen. „Vor allem die Amerikaner verwickeln einen gerne ins Gespräch und sagen dann gleich, dass man sie mal besuchen soll“, sagt Katharina aus Bayern. Sie ist sich nicht sicher, ob die Einladungen nach Arizona, Kalifornien und New York wirklich ernst gemeint oder Seemannsgarn sind.
Maritime Tradition wird großgeschrieben
Eierkoch Virgilio weiß ab dem zweiten Tag genau, wer ein Omelette bevorzugt und wer Spiegeleier mag, einseitig gebraten. Auf den Namensschildern der Crew stehen nur Vornamen, sogar beim Kapitän. Brunon – der mit Nachnamen übrigens Borowka heißt – hat nicht nur nautische, sondern auch humoristische Fähigkeiten. Ob er schon mal in einer kritischen Situation gewesen sei, will jemand bei der Kapitäns-Fragestunde wissen. „Ja! Letzten Samstag ist uns das Fassbier ausgegangen, weil ein Container in Miami feststeckte“, sagt der Pole und guckt total unschuldig.
Brennende Eistorten und Talentshow
Bei „Captain’s Dinner“ wirft sich Brunon in die Galauniform. Es gibt eine Rede, Sekt für alle, und danach marschiert das Serviceteam bei gedimmtem Licht mit brennenden Eistorten durch den Saal. Das „Traumschiff“ lässt grüßen. Maritime Tradition hat auch die Talentshow, bei der Crew und Gäste ungeahnte Begabungen offenbaren. Marsha aus Iowa singt mit schriller Stimme „Summertime“ von Gershwin, und die Tropical Bar tobt. Woher sie den Mut nahm? „Ach, die meisten Leute sieht man ja nie wieder“, sagt die Amerikanerin. Da könnte sie sich täuschen: Die Reederei Star Clippers hat jede Menge Stammgäste – zumindest lässt das der Mottoabend „Piraten“ vermuten. Erstaunlich viele erscheinen stilecht mit bunten Tüchern auf dem Kopf, baumelnden Ohrringen und federbewehrten Hüten in Dreispitz-Form, die sogar Captain Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“ vor Neid hätten erblassen lassen.
Info
Anreise
Mit Lufthansa ab Frankfurt nach San José, www.lufthansa.com. Die Reederei bietet einen Transfer zum Einstiegshafen in Puntarenas an der Pazifikküste (ca. 2 Stunden Fahrt).
Segelkreuzfahrt
Die „Star Clipper“ kreuzt noch bis Mitte März vor der costa-ricanischen Pazifikküste. Danach geht es durch den Panamakanal und über den Atlantik ins Mittelmeer. Preisbeispiel: Costa Rica und Panama, 11. bis 18. März 2023, sieben Tage ab/bis Puntarenas ab 2135 Euro pro Person inklusive Verpflegung. Im Sommer 2024 fährt Star Clippers auch erstmals nach Ägypten mit Passagen durch den Suezkanal. Infos und Buchung unter: www.star-clippers.de, Tel. 0 08 00 / 78 27 25 47 (gebührenfrei). Eine ähnliche Reise bietet Sea Cloud an. Preisbeispiel: Segelkreuzfahrt auf der „Sea Cloud Spirit“ von Puntarenas nach Panama, 11 Tage ab 7395 Euro pro Person, www.seacloud.com.
Buchtipp
Volker Alsen et al.: „Costa Rica“, Stefan Loose Travel Handbuch, 24,95 Euro.
Allgemeine Informationen
www.vistitcostarica.com/de